Homosexuelle Männer mit mehreren älteren Brüdern zeigen nicht häufiger als schwule Männer ohne Brüder Eigenschaften, die als typisch weiblich gelten. Das hat der britische Forscher Qazi Rahman herausgefunden. Der Wissenschaftler knüpft dabei an frühere Studien an, nach denen die Wahrscheinlichkeit für Homosexualität bei Männern mit der Zahl der älteren Brüder ansteigt. Er untersuchte dabei bei 80 homosexuellen und 80 heterosexuellen Männern das räumliche Vorstellungsvermögen und geschlechtsspezifische Verhaltensweisen.
Je mehr ältere Brüder ein Mann hat, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er homosexuell ist. Möglicherweise wird die sexuelle Orientierung bei manchen Homosexuellen also schon vor der Geburt geprägt. Der Zusammenhang könnte mit einer Immunisierung im Mutterleib erklärt werden, die mit jedem ausgetragenen Sohn zunimmt. Demnach führen männerspezifische Antigene zu einer Anreicherung bestimmter Antikörper im Immunsystem der Mutter. Diese könnten das Gehirn eines männlichen Fötus bei der Entwicklung so prägen, dass ein Hang zur Homosexualität entsteht.
Die Zahl der älteren Geschwister könnte daher auch andere charakteristische Merkmale beeinflussen, die mit der sexuellen Orientierung einhergehen, vermutete Rahman. Dazu gehören das räumliche Vorstellungsvermögen und als typisch weiblich angesehene Verhaltensweise wie der Ekel vor krabbelnden Insekten, das Interesse an Kindern und Kleidung und der Drang, Gefühle auszudrücken.
In den Tests zeigten die homosexuellen Männer sowohl eine schlechtere räumliche Vorstellungskraft als auch diese eher weiblichen Verhaltensweisen. Beide Eigenschaften korrelierten auch untereinander, das heißt eher maskuline Homosexuelle hatten es mit der räumlichen Vorstellung leichter. Die Ausprägung der beiden Merkmale hing allerdings nicht mit der Anzahl älterer Brüder zusammen, wie zu erwarten gewesen wäre.
Wenn die Hypothese der mütterlichen Immunisierung stimmt, scheint diese zumindest nicht für das charakteristische Persönlichkeitsprofil Homosexueller mitverantwortlich zu sein, spekuliert Rahman. Unabhängig von der Anzahl älterer Brüder könnte auch eine unterschiedlich verlaufende Entwicklung eine Rolle spielen.
Qazi Rahman (University of East London, Großbritannien): Proceedings of the Royal Society: Biology Letters (doi 10.1098/rsbl.2005.0342)
ddp/wissenschaft.de ? Mareile Müller-Merbach





