Für ihre Studie werteten die Forscher Langzeit-Beobachtungen aus, die sie von 2005 bis 2014 an Schimpansen der Fongoli-Gemeinschaft gemacht haben. Diese Schimpansengruppe lebt im Südosten Senegals in einem Lebensraum, der in vieler Hinsicht dem unserer fernen Vorfahren gleicht: In diesem Gebiet geht Wald in Savanne über und bildet ein Mosaik aus Waldstücken, offenen Grasflächen, Bambushainen und Waldsavanne. Und noch eine Besonderheit hat diese Schimpansengruppe: “Sie ist die einzige nichtmenschliche Primaten-Population, die systematisch Beute mit Hilfe von Werkzeugen jagt”, berichten die Forscher. Die Menschenaffen brechen gezielt Äste ab, um damit Senegal-Galagos (Galago senegalensis) aus ihren Baumhöhlen oder Nestern zu treiben und sie dann zu töten. Pruetz und ihre Kollegen haben nun erstmals untersucht, ob und wie oft auch Schimpansenweibchen diese Jagdtechnik nutzen.
Die Damen jagen mit dem Stock
Das erstaunliche Ergebnis: Die Schimpansendamen beteiligten sich nicht nur an der Jagd, sie nutzen dabei auch deutlich häufiger Werkzeuge als die Männchen, wie die Forscher berichten. Von den 308 beobachteten Stockeinsätzen waren es 175 Mal die Weibchen, die ihre Beute mit Ästen aus dem Versteck trieben. “Angesichts der verbreiteten Ansicht, dass adulte Männchen die Hauptjäger bei den Schimpansen sind, ist dieses Verhaltensmuster verblüffend”, so die Forscher. Andererseits wisse man aus früheren Beobachtungen, dass bei Schimpansen und Bonobos die Nutzung von Werkzeugen beispielsweise zum Nüsseknacken, oft Frauensache sei. Unter den zehn besten Jägern der Fongoli-Schimpansen waren – möglicherweise dank ihrer raffinierten Stocktechnik – sogar zwei Weibchen, wie Pruetz und ihre Kollegen berichten. Die Männchen waren dagegen eher Nutznießer dieses Verhaltens: War der Galago einmal aufgescheucht, verfolgten und erlegten sie ihn.
“Das Verhalten dieser Schimpansen belegt, dass die Jagd bei unseren engsten Verwandten weniger eine Männersache ist als bisher angenommen”, konstatieren Pruetz und ihre Kollegen. Das könnte auch wertvolle Rückschlüsse auf unsere fernen Vorfahren erlauben. Denn diese lebten und jagten in savannenähnlichen Gebieten ähnlich wie die Fongoli-Schimpansen. “Möglicherweise war die Savannen-Umgebung auch bei ihnen eine Art Katalysator für das Werkzeug-gestützte Jagen”, so die Forscher.” Denn während es im Wald genügend andere Beute gibt, für die man keine Werkzeuge benötigt, steigern die Stöcke den Jagderfolg bei den in der Savanne häufigen Galagos sehr wohl. “Auch die frühen Hominiden könnten daher Werkzeuge entwickelt haben, um Nachteile ihrer Umwelt auszugleichen”, mutmaßen die Forscher. Und weil mit solchen Werkzeugen die geringere Kraft und Größe der Frauen keine Rolle spielte, könnten auch bei unseren Vorfahren durchaus Frauen an der Jagd teilgenommen haben.





