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Besuch in der Schorfheide
Im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin sollen Naturschutz, Wirtschaft und gesellschaftliche Entwicklung miteinander verknüpft werden, und das gelingt offenbar immer besser. Zu Besuch in einer Region mit Modellcharakter.
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Text: Kurt de Swaaf
Nein, der Weg nach Oberrähne verläuft nicht durch ein Zeitportal, aber man könnte es fast glauben. Die schmale Piste, anfangs gesäumt von knorrigen alten Eschen, scheint einen tatsächlich weit zurück ins 20. Jahrhundert zu führen. Und dafür braucht es nur einen kleinen Spaziergang. Schon nach wenigen Metern liegt links eine Marschweide. Im feuchten Gras lungern einige äußerst entspannt wirkende Kühe herum, direkt neben ihnen steht ein Trupp Gänse. Auch der angrenzende Poldergraben wirkt auffällig unmodern, mit struppigem Uferbewuchs und einer matschigen Bucht, wo das Vieh trinkt. Im Wasser tummeln sich kleine Käfer. Weiter in Richtung Wriezener Alte Oder öffnet sich die Landschaft dann komplett. Wiesen und Felder sind gespickt mit einzelnen Bäumen und Weidengebüsch, darüber ziehen Schäfchenwolken. Aus der Ferne schallen Kranichrufe herbei, während hinter dem Betrachter der Kirchturm von Bralitz in den hellblauen Himmel ragt. Die ganze Szenerie mutet seltsam historisch an, fremd und zugleich vage vertraut – wie ein altes Familienfoto. Doch rückständig ist dieses Gebiet, nur 55 Kilometer vom Berliner Stadtzentrum entfernt, gewiss nicht. Im Gegenteil.
Bralitz liegt im Südosten des brandenburgischen Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin, ein gut 129.000 Hektar großes Schutzareal mit unverwechselbarem Antlitz. Jedes von der Unesco ausgezeichnete Biosphärenreservat müsse eine einzigartige Eigenschaft haben, erklärt seine Direktorin Susanne Winter. „Hier ist es die besondere Ausprägung eiszeitlicher Formationen.“ Gegen Ende des sogenannten Weichsel-Glazials vor etwa 12.000 bis 15.000 Jahren wälzten mächtige, aus Skandinavien kommende Gletscher die hiesige Landschaft komplett um. Durch die Eismassen entstanden unter anderem Mulden im Boden, die sich später zu Seen füllten. Aus mitgeführtem Geschiebe wuchsen Endmoränen – mit beeindruckenden, zum Teil mehr als 100 Meter hohen Hügeln. Die glaziale Gewalt schürfte noch eine ganze Reihe weiterer Strukturen, und all diese geologische Vielfalt bilde nirgendwo ein so reichhaltiges Mosaik, wie hier im Bereich Schorfheide-Chorin, berichtet Winter. Ein Naturschatz von enormem Wert.
Konzeptuell gesehen unterscheidet sich ein Biosphärenreservat allerdings deutlich von anderen Schutzgebieten wie zum Beispiel Nationalparks. Erstere stehen nicht in der Tradition des klassischen, konservierenden Naturschutzes. Stattdessen soll der Erhalt von Landschaften, Ökosystemen und Biodiversität mit der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung einer Region in Einklang gebracht werden, als typische Win-win-Situation, sozusagen. „Ein Biosphärenreservat ist kein Zwangsinstrument“, betont Susanne Winter. Ziel sei es vielmehr, eine nachhaltige Beziehung zwischen Mensch und Natur zu fördern. Dementsprechend stehen im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin nur drei Prozent des Gesamtareals unter Komplettschutz; der Rest wird genutzt. Aber auch dabei gibt es eine Besonderheit: Gut zwei Drittel der Äcker und Grünlandflächen bewirtschaften Biobauern – so viel wie fast nirgendwo in Deutschland.
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Ludolf von Maltzan ist einer von ihnen. Der Agraringenieur übernahm vor 20 Jahren die ehemalige Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, kurz LPG, in Brodowin. Heute gehört der Betrieb zum Demeter-Verband und arbeitet streng nach den Regeln der biodynamischen Landwirtschaft. Die Umstellung auf diese Form von Ökolandbau erfolgte jedoch schon 1991, lange bevor von Maltzan nach Brodowin kam. Noch zu DDR-Zeiten sei hier vor Ort das Interesse an Naturschutz gewachsen, berichtet er. Als dann der politische Umbruch kam, ergriffen die Menschen ihre Chance und begannen, ihre Gemeinde neu zu gestalten. So entstand das inzwischen durchaus berühmte Ökodorf Brodowin. „Dies war nur möglich durch die Wende; durch die besondere Energie, die dabei freigesetzt wurde“, sagt von Maltzan. Die Saat der friedlichen Revolution ging hier außergewöhnlich gut auf.
Inzwischen bewirtschaftet der ebenfalls Ökodorf Brodowin genannte Demeterhof ganze 2.400 Hektar Land. Der größte Teil davon sind Ackerflächen, auf denen hauptsächlich Brotgetreide und Tierfutter angebaut werden, Letzteres für den eigenen Viehbestand. Die Kühe spielen eine wichtige Rolle, wie Ludolf von Maltzan erläutert. „Wir können die extensive Rinderhaltung sehr gut mit unserer Ackerwirtschaft kombinieren.“ Sein Biobetrieb praktiziere eine achtjährige Fruchtfolge, erklärt der Fachmann. In den ersten beiden Jahren wächst dabei stets Kleegras auf den Feldern, welches als Silage oder Heu an das Vieh verfüttert wird. Kleegras fördere die Bodenfruchtbarkeit, sagt von Maltzan. Der Klee in diesem Pflanzengemisch gehört bekanntlich zur Gruppe der Hülsenfrüchtler (Leguminosen), die mithilfe spezialisierter Bakterien in der Lage ist, Stickstoff aus der Luft biologisch zu binden und im Boden anzureichern – eine ganz natürliche Art der Düngung. Abgesehen davon dienen Kleegraswiesen auch als Lebensraum und Nahrungsquelle für allerlei Getier. Das komme der Biodiversität sehr zugute, betont der Ökolandwirt.
Die Milchviehhaltung musste Ludolf von Maltzan Anfang 2025 aufgeben; sie rechnete sich nicht mehr. Stattdessen baut er nun eine Mastrinderherde für die Fleischproduktion auf. Diese Kühe kommen natürlich auch auf die hofeigenen Weiden. Der Agraringenieur glaubt an Diversifizierung. Neben der Viehzucht und dem Getreideanbau erzeugt sein Betrieb auf knapp 30 Hektar zusätzlich Gemüse, und er leistet Vertragsnaturschutz, sprich Landschaftspflege, für das Biosphärenreservat. „Die großen Landwirtschaften sind extrem wertvoll“, meint auch Susanne Winter. Wenn Hunderte Hektar quasi zusammenhängende Flächen einer ökologisch nachhaltigen Nutzung unterliegen, profitiert die Natur besonders stark. Lebensräume können besser vernetzt werden, Tier- und Pflanzenarten sich leichter ausbreiten. Die schiere Menge an Land erhöht Dynamik und Entwicklungspotenzial.
Im Grumsiner Buchenwald
Winter wählt allerdings erst mal den Weg in den Wald, in das Unesco-Naturerbe Buchenwald Grumsin, um genau zu sein. Es gehört zu den Kernzonen des Biosphärenreservats und wurde schon 1990 komplett von der Bewirtschaftung ausgenommen. Das Ökosystem kann sich seitdem fast völlig frei entfalten. Der geschützte Wald umfasse 59 Hektar und beherberge 349 verschiedene Pflanzenarten, berichtet Susanne Winter. Dank der urwüchsigen Schönheit ist das Naturjuwel auch ein beliebtes Ausflugsziel zum Wandern. Von Altkünkendorf aus geht es zunächst über einen schmalen Kopfsteinpflasterweg durch die Felder nach Louisenhof. Die historischen Straßen sollen laut Biosphärenreservats-Zielsetzung erhalten werden, erklärt Winter. Bisher fehlen dazu jedoch die Finanzmittel.
Der Louisenhof hat an diesem Tag geschlossen. Schade, meint Winter, denn sonst könne man im hiesigen Café schön pausieren. Die Route biegt nun gen Süden ab, wo man nach wenigen Minuten den Waldrand erreicht. Zwischen den Stämmen bringen zerstreute Sonnenstrahlen das Hainbuchenlaub zum leuchten. Als Forstwissenschaftlerin kennt Susanne Winter dieses Ökosystem wie ihr Wohnzimmer. „Das hier ist ein Waldmeister-Buchenwald“, erklärt sie in Bezug auf die Vegetationsgesellschaft. Das Besondere am Grumsiner Wald seien aber die vielen verschiedenen Kleingewässer. Bucklige Endmoränen prägen das Terrain, in den Senken dazwischen ist es vielerorts nass. Dort bilden sich Sumpfzonen, allerlei Tümpel und Rinnsale – ideale Lebensräume für Amphibien, Libellen und zahlreiche andere, zum Teil seltene Tierarten. Ein gutes Beispiel lässt sich direkt vom Wanderweg aus betrachten. In einem Erlenbruch haben Biber einen kurvigen Kanal gegraben, ihre Burg ist einige Dutzend Meter weiter hinten zu sehen. Durch die Arbeit der fleißigen Nager entstehen ständig neue Kleinstbiotope, die Landschaftsstruktur wird aufgewertet.
„Es ist aber die Frage, wie es hier weitergeht“, sagt Winter besorgt. Der Klimawandel habe die Trockenheit in Brandenburg in den vergangenen Jahren deutlich verschärft. Setze sich der Trend fort, könnten viele Feuchtbiotope verschwinden, und damit auch ihre Bewohner. Was im Grumsiner Wald ebenfalls auffällt, ist die ungewöhnlich große Dichte an jungen Bäumchen. Das liege am Wildmanagement, erzählt Susanne Winter. Gejagt wird im Naturerbe noch immer. Die Grünröcke halten die Reh- und Hirschbestände klein und fördern dadurch die natürliche Waldverjüngung, sonst würde zu viel Baumnachwuchs von den hungrigen Pflanzenfressern verbissen werden. Bei allem anderen hält sich der Mensch hier jedoch raus. Kranke und tote Bäume bleiben im Wald, auch dies der Biodiversität zuliebe. Winter zeigt auf eine offenbar geschwächte Rotbuche, an deren Stamm große Pilze wachsen. Ein Zunderschwammbaum, erklärt sie. „Das ist ein ganz eigener Lebensraum. Wenn man da jetzt draufklopfen würde, kämen bestimmt 20, 30 verschiedene Käferarten herausgefallen.“ Zunderschwämme (Fomes fomentarius) sowie das von ihnen zersetzte Holz dienen vielerlei Insekten als Nahrung und Unterschlupf.
Begeistert berichtet Winter auch von der im Grumsiner Wald vorkommenden Hummelschwebfliege (Mallota fuciformis). Die legt ihre Eier in wassergefüllte Baumlöcher, sogenannte Dendrotelmen. Nach dem Schlüpfen bohren sich die Larven tief in das morsche, durchnässte Holz und ernähren sich dort vor allem von Bakterien. Luft bekommen die Tierchen über lange, schnorchelähnliche Atemröhren. Dendrotelmen beherbergen noch weitere spezialisierte Insektenspezies. Auch hier zeigt sich wieder: Strukturvielfalt erhält Artenvielfalt.
Zwischen Naturschutz und Wirtschaftskraft
Nach der Waldwanderung ist es Zeit für das Kaffeegespräch im Gut Wilmersdorf. Susanne Winter pflegt enge Kontakte zu den Landwirten, Ortsvorstehenden und anderen Interessenvertreterinnen in der Region. „Das Biosphärenreservat, das sind wir alle“, betont die Direktorin. Kooperation spielt deshalb eine zentrale Rolle. Anfangs, in den 90er Jahren, kam bei der lokalen Bevölkerung allerdings auch Frust auf, erinnert sich Katrin Palow, Vorsitzende des Dorfvereins Wilmersdorf. Die Menschen ärgerten sich unter anderem über Fahrverbote auf Feld- und Waldwegen. Solche Regularien schützen jedoch vor Auswüchsen des Tourismus, meint Ökolandwirt und Gutsinhaber Stefan Palme. „Auch die Zersiedelung ist nicht so stark.“ Das komme dem sanften Tourismus entgegen. „Der wäre aber noch ausbaufähig“, sagt Palow. Die Entwicklung ist offenbar noch lange nicht zu Ende.
Ihre Kräfte waren unvorstellbar. Während der letzten Phase des Weichsel-Glazials drangen skandinavische Eismassen noch einmal mit aller Macht bis in die norddeutsche Tiefebene vor und hinterließen bei ihrem Rückzug ein völlig neu gestaltetes Relief, das bis heute die gesamte Natur im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin prägt. „Daran hängt auch diese wahnsinnige Artenvielfalt“, betont sein ehemaliger Direktor Martin Flade. Die abwechslungsreiche Geologie bildet die Grundlage für die Entstehung vieler verschiedener Lebensräume.
Die Seen im nordöstlichen Brandenburg gehören zu den wichtigsten Zeugnissen der Gletscher. Sie entstanden meist durch träg fließendes Eis, welches Troge im Boden ausschliff, oder durch Schmelzwasser-Erosion. Der bis zu 31 Meter tiefe Parsteiner See, nahe Brodowin, wurde wohl überwiegend von einer Gletscherzunge ausgehoben und gilt somit als Zungenbeckensee. Die viel kleineren, aber ökologisch überaus wertvollen Sölle, verdanken ihre Existenz ebenfalls dem Eis. Beim Weichen der Gletscher blieben oft massige Eisblöcke liegen, die – teils oder ganz von Sedimenten bedeckt – Jahrhunderte brauchten, bis sie geschmolzen waren. Die daraus hervorgegangenen „Toteislöcher“ füllten sich mit Wasser und dienen bis dato ganzen Heerscharen von Amphibien als Laichplätze und Kinderstuben. Mit der Zeit sind viele kleinere Seen und Sölle allerdings verlandet. Sie verwandelten sich so in Moorbiotope, weitere Hotspots der Biodiversität.
Die Gletscher haben auch im Trockenen die Landschaft geformt. Dort, wo das Profil sanft wellig ist, besteht der Boden meist aus Grundmoränen-Geschiebe. Dieses Material befand sich einst unter den Eismassen und wurde praktisch wie mit einer Planierraupe verteilt. Zum Teil schoben Gletscher aber die von ihnen transportierten Sedimente auch zu hohen Haufen zusammen: die markanten Endmoränen. Sander indes sind Produkte des fließenden Wassers. Solche flachen Ablagerungen aus Kies und Sand entstanden im Wirkungsbereich von späteiszeitlichen Schmelzwasserbächen. Ähnliche Schotterflächen lassen sich heute noch vereinzelt im Alpenraum bestaunen, die meisten von ihnen sind jedoch längst kultiviert. Als interessante Sonderformen sollten schließlich noch die auffälligen „Kames“ erwähnt werden, zu denen auch der Krogberg bei Brodowin gehört. Ihre Wiegen waren Krater und Becken in den schmelzenden Gletschern, in die allerlei Sedimente hineingeschwemmt wurden und sich dort schichtweise ablagerten. Nach dem Verschwinden des Eises bildeten diese Ansammlungen buckelartige Erhebungen; aus den einstigen Löchern wurden Kuppen.
Interessanterweise wurden die ersten Biosphärenreservate im heutigen Deutschland in der ehemaligen DDR gegründet, weitere entstanden dort direkt nach der Wende. Sie seien das Tafelsilber der Deutschen Einheit, wie Ludolf von Maltzan am Vortag erklärt hat. Martin Boenke, Ortsvorsteher von Wilmersdorf, sieht bei den Menschen in der Region eine gesteigerte Sensibilität für Umweltthemen – und mit den Vorschriften habe man sich „arrangiert“. Schorfheide-Chorin sei zudem das größte zusammenhängende Bio-Ackerbaugebiet Europas, ergänzt Stefan Palme. Deshalb seien hier auch viele junge Firmen im Bereich Lebensmittelverarbeitung und -veredlung entstanden. „So zeigt sich die wachsende Wirtschaftskraft.“ Die Instabilität der Nahrungsmittelbranche und die Klimaerwärmung bereiten dem Bauern allerdings Kopfzerbrechen. „Dieser Beruf ist gerade nichts für schwache Nerven.“
Zu Seen und Bergen
Der nächste Morgen beginnt früh. Landschaftsökologe Martin Flade steht kurz nach dem heute unsichtbaren Sonnenaufgang auf einer Anhöhe am Brodowinsee und späht durch sein Fernglas. Aus den tief hängenden Wolken fallen ein paar Regentropfen. „Da hinten“, sagt Flade, „sind Schellenten.“ Auch Krick- und Schnatterenten schwimmen auf dem Wasser herum, zusammen mit einigen Lachmöwen. Durch die Trockenheit ist der Pegel des Sees im Moment ziemlich niedrig. Für die Vögel müsse das aber kein Problem sein, erklärt der Experte. Kiebitze und Flussregenpfeifer zum Beispiel profitieren sowohl von trockenen wie auch von nassen Jahren. Bei niedrigen Wasserständen entstehen Schlamminseln, die beiden Arten gute Brutplätze bieten. Regnet es dagegen viel, können die Tiere auf teils geflutete Ackermulden ausweichen. „Das ist die Stärke dieses Gebiets“, meint Flade. Es gebe hier so viele verschiedene Seen und Flächen mit dynamischen Bedingungen, dass auch stark gefährdete Spezies wie die Flussseeschwalbe immer irgendwo einen geeigneten Ort für ihre Brutkolonien finden.
Durch einen kleinen verwunschenen Wald geht die Wanderung zum Krogberg. Der wirkt erstaunlich steil – ein alter Sedimentkegel, erläutert Martin Flade. Auf dem Südhang gedeihen Steppenrasenvegetation und Schlehengebüsch. „Ein typisches Sperbergrasmücken-Habitat.“ Leider sind diese Singvögel in Deutschland akut vom Aussterben bedroht, hier aber treffen sie noch jeden Mai zum Brüten ein. Um die Steppenrasen offen zu halten, wird der Krogberg gezielt mit Schafen und Ziegen beweidet. Im oberen Bereich haben Fachleute rund 50 verschiedene Pflanzenarten auf einer in der Vegetationskunde üblichen Erfassungsfläche von vier Quadratmetern gezählt. Nur 600 Meter weiter östlich, nahe dem Seefeldsbruch, ist momentan nur nackte, gepflügte Erde zu sehen. Trotzdem gedeiht an dieser Stelle eine weitere botanische Rarität: Adonis aestivalis, das Sommer-Adonisröschen. Das einjährige Gewächs gilt als typisches Begleitkraut in Getreidefeldern auf kalkhaltigen Böden – vorausgesetzt, es wird nicht mit Herbiziden totgespritzt. Dank der biodynamischen Bewirtschaftung sei das Vorkommen der seltenen Pflanze bei Brodowin jedoch gesichert, erklärt Flade. Das Dorf habe dadurch symbolische Bedeutung für die Wirkung des großflächigen Ökolandbaus erlangt.
Der Tour lässt einen die Zeit vergessen. Naturreichtum überall; hinter jeder Wegkurve wartet eine neue Besonderheit. Martin Flade kennt sie offenbar alle. Der Tümpel da im Seefeldsbruch diene acht verschiedenen Amphibienarten als Laichgewässer, berichtet der Biologe. Auf der Ouartschen Wiese im sumpfigen Uferbereich des Brodowinsees wiederum wachsen Breitblättriges Knabenkraut und Trollblumen. „Das ist ein ganz toller Übergang von trocken zu nass“, schwärmt Flade. Jedes Jahr brüten dort bis zu vier Bekassinen-Paare. Gegen Ende des Rundgangs führt ein schmaler Pfad noch den sogenannten Karpatenberg hinauf. Der Ausblick ist phänomenal. Rundherum erstreckt sich die Landschaft in ihrer ganzen weitläufigen Pracht, auch die eiszeitlichen Strukturen sind bestens erkennbar. Weiter unten, im Wipfelgewirr einiger hoher Eichen, quasselt ein Trupp Rotdrosseln lebhaft durcheinander. Eigentlich möchte man gar nicht mehr weiter und beschließt, eines Tages wiederzukommen. Um dann die Gedanken ganz lange mit den Vögeln am Himmel kreisen zu lassen.
Kurt de Swaaf
ist von Brandenburgs Naturvielfalt immer wieder begeistert. Welche zentrale Rolle die Eiszeiten bei der Entstehung dieses Reichtums spielten, war ihm allerdings neu.
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