Unser Verstand hat die Kontrolle – so scheint es: Er wägt zwischen verschiedenen Optionen ab und sendet dann die entsprechenden Befehle an die ausführenden Teile des Gehirns. Beispielsweise entscheidet er beim Autofahren, dass wir bremsen oder aber das Gaspedal drücken. Die passende motorische Reaktion wird danach ausgewählt und ausgeführt. Bisher galt, dass verschiedene Hirnregionen für diese Schritte verantwortlich sind, wobei der Motorkortex die Bewegungen steuert, ohne selbst Entscheidungen zu beeinflussen. Die Ergebnisse der Forscher um Anna-Antonia Pape von der Universität Tübingen widersprechen nun dieser klaren Zuordnung und lassen das Gehirn erneut vernetzter erscheinen als lange gedacht.
Im Rahmen ihrer Studie stellten die Forscher 20 Versuchspersonen eine simple Aufgabe: Sie sollten feststellen, ob ein Feld aus Punkten sich auf dem Bildschirm gemeinsam in die gleiche Richtung bewegt oder nicht. Die Versuchspersonen konnten entweder mit ja oder nein antworten, indem sie mit der rechten oder der linken Hand einen Knopf drückten. In jedem Durchgang änderte sich aber zufällig die Verknüpfung zwischen der Entscheidung ja-nein und der motorischen Reaktion – linker beziehungsweise rechter Knopf. Die jeweilige Zuordnung der Knöpfe wurde den Probanden durch einen kurzen Hinweis mitgeteilt, so dass ihr Gehirn nicht schon während der Entscheidungsphase den passenden Knopfdruck planen konnte. Während des Experiments wurde ihre Gehirnaktivität mittels Magnetenzephalographie (MEG) aufgezeichnet.
Seltsame Tendenz
Es zeigte sich: Obwohl die Versuchspersonen meist den richtigen Knopf drückten, neigten sie zu einer bestimmten Tendenz bei der motorischen Reaktion: Sie drückten eher denjenigen Knopf, den sie im letzten Durchgang nicht gewählt hatten. Diese Vorliebe fürs Abwechseln war so ausgeprägt, dass die Testpersonen insgesamt schlechter abschnitten, als es normalerweise zu erwarten wäre. Mit anderen Worten: Es kam bei den “Entweder-Oder”-Entscheidungen tendenziell zu abwechselnden Reaktionen.
Worauf dieser Effekt basiert, ließen die Ergebnisse der Untersuchung der Hirnaktivität vermuten: Es zeichnete sich ab, dass eine bevorstehende Handlungsentscheidung auch vom Zustand der motorischen Hirn-Areale schon vor der Entscheidungsfindung beeinflusst wird. Der Zustand dieser Bereiche war dabei stark von den neuronalen Überresten der vorherigen motorischen Reaktion geprägt – es lag wie eine Art Echo vor. Die Intensität dieses Effekts sagte wiederum die Stärke der Neigung vorher, die Handlungsoptionen abzuwechseln. Zusammengenommen spricht das dafür, dass der Motorkortex durchaus Einfluss auf Handlungsentscheidungen hat, sagen die Hirnforscher.





