Ein leises ?p p p p? könnte einer Studie zufolge die Initialzündung zur Entwicklung der menschlichen Sprache gewesen sein. Das Geräusch entsteht beim sogenannten Lippenschmatzen, das Makaken zur Kommunikation einsetzen. Es handelt sich dabei um komplexe Bewegungsabläufe, die den menschlichen Mundbewegungen beim Sprechen ähneln, zeigen die Analysen von Tecumseh Fitch von der Universität Wien und seinen Kollegen. Die Affen erzeugen dabei keine Töne durch Schwingungen im Kehlkopf. Den Forschern zufolge ist dies somit eine Bestätigung der sogenannten ?Mimik-Hypothese?, nach der sich die Sprache ursprünglich aus Gesichtsausdrücken entwickelt hat.
Den evolutionären Ursprung der menschlichen Sprache haben Wissenschaftler lange nur in Stimmlauten von Primaten gesucht. Der US-Biologe Peter MacNeilage plädierte in den 1990er Jahren dann allerdings dafür, sich nicht mehr nur auf das Hören zu konzentrieren: Die Sprache des Menschen könnte ihm zufolge auch einen lautlosen Ursprung haben – möglicherweise hat sie sich aus der Mimik entwickelt.
Dieser Theorie gingen Tecumseh Fitch und seine Kollegen nun durch die Untersuchung des Lippenschmatzens bei Makaken nach. Der Begriff ?Schmatzen? führt den Forschern zufolge eigentlich auf eine falsche Fährte. Es entsteht zwar ein unscheinbares Geräusch, das eigentliche Signal liegt aber in der Mimik der Tiere – in der Koordination von Zunge, Lippen und Kiefer. Sitzen sich eine Makaken-Mutter und ihr Kind gegenüber, dann bekunden sie durch das Lippenschmatzen ihre Sympathie.
Der Rhythmus des Lippenschmatzens von Makaken ähnelt der menschlichen Sprache
Was genau bei diesem Verhalten abläuft, haben die Wissenschaftler durch Röntgenaufnahmen der Affen dokumentiert. Oberflächlich betrachtet, scheint das Lippenschmatzen durch einfaches Öffnen und Schließen der Lippen zu entstehen. Das Verhalten lässt sich aber klar von Kaubewegungen abgrenzen, berichten die Forscher. Die Röntgenfilme zeigen, dass es sich um einen komplexen Mechanismus handelt, bei dem schnelle und koordinierte Bewegungen der Lippen, des Kiefers, der Zunge sowie des Zungenbeins ablaufen. Der Bewegungsrhythmus des Lippenschmatzens ähnelt stark der Silbenproduktion des Menschen, sagen Tecumseh Fitch und seine Kollegen.
Den Forschern zufolge weisen auch Beobachtungen an anderen Affenarten in die gleiche Richtung. Brüllen, Rufen und Grunzen sei bei Primaten angeboren und kaum veränderbar, mit den Lippen sind sie dagegen zu einem variantenreichen Ausdruck fähig. Von Orang-Utans ist beispielsweise bekannt, dass sie sogar pfeifen lernen können. Fitch und seine Kollegen vermuten, dass der Mensch bei der Entwicklung der Sprache mimische Bewegungen einfach um Stimmlaute erweitert hat. Dazu waren allerdings feinere Kehlkopfbewegungen nötig. ?Wie sich dieser ‘singende’ Anteil der Sprache entwickelt hat, bleibt noch im Dunkeln?, sagt Fitch.
Tecumseh Fitch (Universität Wien) et al.: Current Biology, doi:10.1016/j.cub.2012.04.055 © wissenschaft.de – Martin Vieweg





