Klimaneutral produziert? Klingt gut, ist aber leider allzu oft nur ein mit Geld erkauftes Adjektiv, um Kunden zu locken. Wie der private Kompensationsmarkt funktioniert, wo seine Schwächen liegen und wie man es richtig macht
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Text: Robert B. Fishman
Jens Geimer meint es ernst. Seine mittelständische Brauerei Hachenburger im Westerwald soll bis 2030 komplett „klimaneutral“ wirtschaften. 2015 hat er beim Beratungsunternehmen Zukunftswerk, einer Genossenschaft im oberbayerischen Peißenberg, seine erste Klimabilanz in Auftrag gegeben. Seitdem lässt er sein Unternehmen regelmäßig bilanzieren. So will Geimer weitere Schwachstellen in seinem Umweltmanagement finden und Fortschritte bei der Verringerung der Treibhausgasemissionen belegen. Gleichzeitig versucht das Unternehmen, die Brauerei immer klimafreundlicher zu gestalten. Zwei seiner Mitarbeiter hätten dafür rund 50 bis 60 Arbeitsstunden lang die Daten gesammelt. „Nachdem wir schon weitgehend digitalisiert sind, hielt sich der Aufwand in Grenzen“, berichtet der Brauereichef.
Die Hachenburger haben nach eigenen Angaben ihren Ausstoß von Treibhausgasemissionen seit 2015 halbiert. Brauereichef Jens Geimer nennt einige Meilensteine: 2017 wurde eine neue, energiesparende Kälte-Dampfanlage installiert. Dienstwagen und die Stapler fahren inzwischen alle elektrisch mit Ökostrom eines heimischen Anbieters. Die Dächer wurden saniert und anschließend mit Solarmodulen belegt. „Wir wollen mehr Strom produzieren, als wir verbrauchen“, erklärt Geimer. Für ihr neues, energiesparendes Sudhaus hat die Brauerei „eine siebenstellige Summe“ ausgegeben. Angesichts rasant steigender Energiepreise eine lohnende Investition, die den Gasverbrauch beim Brauen um 60, den Stromverbrauch um zehn und den Wasserbrauch um 40 Prozent gesenkt habe.
Mit diesen und weiteren Schritten haben die Hachenburger Brauer aber nicht nur ihre Kosten, sondern auch ihren CO2-Ausstoß auf 4000 Tonnen pro Jahr verringert. Diese Restmenge kompensiert das Unternehmen durch den Kauf von Zertifikaten bei einer Organisation, die energieeffiziente Kochöfen an arme Familien in Ruanda verteilt. Jens Geimer hat sich in dem ostafrikanischen Land selbst davon überzeugt, wie die einfachen Öfen zum Stückpreis von rund fünf Euro das Leben der Menschen leichter machen. Wo die Frauen früher im weiten Umkreis Holz für ihr ständig brennendes, offenes Feuer sammeln mussten, können sie jetzt die Öfen bei Bedarf an- und ausschalten. So verbrauchen sie deutlich weniger Holz. Der Vorteil: bessere Luft – und die wenigen Bäume, die es in der Gegend noch gibt, bleiben erhalten. Damit nennt die Hachenburger Brauerei sich und ihr Bier nun „klimaneutral“.
Doch was heißt das genau? Der Weltklimarat IPCC (International Panel on Climate Change) definiert Klimaneutralität als Zustand, in dem die jeweilige „menschliche Aktivität keinen Netto–Effekt auf das Klimasystem des Planeten“ hat. Das aber ist kaum möglich. Jede menschliche Aktivität wirkt sich in irgendeiner Weise auf das Klima aus.
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Markus Will empfiehlt daher die Verwendung des Begriffs „Treibhausgas-Neutralität“ oder „Netto-Null-Emissionen“. Der Ingenieur forscht an der Hochschule Zittau-Görlitz zu Ökobilanzen, Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen. Ihm zufolge können Unternehmen nur versuchen, ihren Ausstoß von Treibhausgasen immer weiter zu verringern, und den unvermeidlichen Rest dann ausgleichen.
Dazu kaufen Firmen bei Myclimate, Atmosfair, Southpole oder anderen einschlägigen Anbietern „Kompensationszertifikate“. Jedes dieser Zertifikate bescheinigt, dass irgendwo auf der Welt eine Tonne Treibhausgase eingespart wurde. Wichtig: Zu unterscheiden ist diese freiwillige Kompensation von dem verpflichtenden deutschen und europäischen Emissionshandel. Im Rahmen dessen müssen Unternehmen verschiedener Branchen Verschmutzungsrechte kaufen, wenn sie Treibhausgase in die Luft blasen wollen.
Projekte im Globalen Süden
Der private Kompensationsmarkt ist davon komplett unabhängig. Er spricht vor allem die Unternehmen an, die für ihre Emissionen keine Verschmutzungsrechte des Europäischen Emissionshandels ETS kaufen müssen. Die Idee: Dem Klima ist es egal, wo CO2 eingespart wird. Zahlreiche Organisation nutzen das Geld aus freiwilligen Kompensationszahlungen für den Schutz von Wäldern, Baumpflanzungen, den Bau von Solar- und Windparks und andere Maßnahmen, die den Ausstoß von Treibhausgasen verringern. Vor allem fließt das Geld in Klimaschutzprojekte in Ländern des Globalen Südens. Dort bewirkt man mit einem investierten Euro wegen der niedrigeren Kosten zum Beispiel für Löhne deutlich mehr fürs Klima als in Europa.
Auch wer privat etwa einen Flug bucht oder Ware im Internet bestellt, kann so direkt auf der Webseite die klimaschädliche Wirkung des Kaufs mit einem Klick „ausgleichen“. Das ist gut fürs Gewissen, der Vorteil fürs Klima ist allerdings schwer messbar. Lambert Schneider, Fachmann für Energie und Klimaschutz beim Öko-Institut, findet Projekte wie die Kochöfen in Ruanda „nicht schlecht“. Er sieht darin aber vor allem den sozialen Vorteil. Die Wirkung fürs Klima würde jedoch meist überschätzt.
Schon 2016 untersuchte das Öko-Institut mehrere Hundert Klimaschutzprojekte verschiedener Anbieter, die sich aus den CO2-Kompensationszahlungen der Verbraucherinnen, Verbraucher und Unternehmen finanzieren. Das Ergebnis: Nur etwa zwei Prozent der analysierten Projekte bringen die Entlastung des Klimas, die sie versprechen. Inzwischen hätten die Anbieter, so Schneider, „ihre Berechnungen verbessert“. Dennoch halten die wenigsten, was sie versprechen, wie die jüngste Analyse zeigt. 2022 kam die „Carbon Credit Quality Initiative“ – eine Gründung von Öko-Institut, WWF und der Umweltorganisation Environmental Defense Fund – zu ähnlich schlechten Ergebnissen: 85 Prozent der Projekte und etwa 73 Prozent der für ihre Arbeit ausgestellten Zertifikate hätten eine geringe Wahrscheinlichkeit, die versprochene Minderung von Treibhausgasemissionen zu liefern.
Schwach fallen vor allem die Bilanzen der diversen Aufforstungsprojekte aus. Die Kompensationsanbieter bezahlen aus den Spenden Menschen, die irgendwo auf der Welt Bäume pflanzen. Grundsätzlich finden das fast alle Fachleute sinnvoll. Doch Treibhausgasemissionen kann man damit nur sehr bedingt ausgleichen. Bäume müssen mindestens zehn Jahre lang wachsen, bis sie in nennenswertem Umfang Kohlendioxid aus der Luft aufnehmen.
Anfang des Jahres berichtete das Fachmagazin PNAS, dass zerstörte Regenwaldflächen zumindest in den ersten zehn Jahren mehr CO2 abgeben, als eine Neuanpflanzung gleicher Größe bindet. Hinzu kommt, dass viele Jungbäume die ersten Monate nicht überleben. Schätzungen zufolge geht im Schnitt jeder dritte Setzling nach kurzer Zeit wieder ein. Schädlinge, Stürme und Feuer können den jungen Wald zerstören, bevor er in nennenswertem Umfang Kohlenstoff bindet. Auch wenn die Bäume später gefällt und verfeuert werden, gelangt das im Holz gebundene CO2 wieder in die Atmosphäre. Verloren ist der Vorteil fürs Klima auch, wenn zwar ein neuer Wald entsteht, ein anderer dafür aber abgeholzt wird.
Deshalb verkauft Peter Kolbe von der Klimaschutz- Plus-Stiftung in Heidelberg lieber ein schlechtes als ein gutes Gewissen. Denn Flüge und andere klimaschädlichen Verhaltensweisen könnten nicht kompensiert werden. „Wenn ich Gift in einen Wald kippe, kann ich das doch nicht damit ausgleichen, dass ein anderer das da irgendwann wieder rausholt, und erst recht nicht, wenn der, der es herausholen soll, einen Dritten beauftragt, der sich damit Jahrzehnte Zeit lässt.“ Genau das aber sei die Logik der CO2-Kompensation, kritisiert Kolbe.
Doch es gibt durchaus Projekte, die das Klima entlasten. Wer seinen CO2-Fußabdruck „ausgleichen“ will, kann zum Beispiel für die Wiedervernässung von Mooren in Deutschland spenden. Das ist teurer, bringt dem Klima aber auch mehr als etwa Aufforstungen. Gesunde, nasse Moore bedecken nur drei Prozent der weltweiten Landfläche. Dennoch binden sie doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder des Planeten zusammen, die knapp ein Drittel der globalen Landfläche ausmachen. Trockengelegte Moore sind dagegen wahre Treibhausgasschleudern. Sie produzieren mehr Treibhausgase als der weltweite Flugverkehr.
Doch der Marktanteil solcher Moorprojekte ist gering. Auch Maßnahmen, die etwa in Entwicklungsländern Abgase aus Mülldeponien auffangen oder den Landwirten beim Aufbau von Humus auf den Ackerböden helfen, finden wenig Zuspruch, weil sie pro eingesparter Tonne CO2 deutlich mehr kosten.
Die meisten Zertifikate, die für Emissionsminderungen ausgestellt werden, sind Schecks auf eine ungewisse Zukunft. Sie belegen einen Beitrag zum Klimaschutz, der, hoffentlich, irgendwann wirksam wird – oder nie. Nach Meinung von Anja Kollmuss, die Organisationen und Regierungen zur Klimapolitik berät, schaden die meisten CO2-Kompensationen sogar dem Klimaschutz: „Mit diesen Zertifikaten macht man den Menschen vor, sie könnten weiter leben und konsumieren wie bisher.“ Zugleich würden sich in dem unübersichtlichen Markt einige wenige auf Kosten des Klimas „eine goldene Nase verdienen“. So beziffert der Voluntary Carbon Market Report 2022 den Umsatz mit freiwilligen CO2-Kompensationszertifikaten auf weltweit zwei Milliarden US-Dollar. Bis 2027 werden es voraussichtlich 17 Milliarden sein.
Doch bei den Klimaschutzprojekten kommt davon oft nur ein kleiner Teil an. So berichtete die Wochenzeitung „Die Zeit“ im Sommer 2022 über einen Anbieter, der für CO2-Kompensationszertifikate 571 Euro kassiert habe. Davon seien gerade mal 149 Euro in Klimaschutzprojekte geflossen. Ähnliches hat Foodwatch recherchiert. So behielt ein Anbieter 43 Prozent der eingenommenen „Kompensationszahlungen“ für sich, berichtet die Verbraucherorganisation. Ihr Fazit: Die „CO2-Kompensationen“ seien zu aufwendig, zu teuer und kaum zu kontrollieren.
Die Zertifikate sind also fürs Klima bestenfalls zweite Wahl – und kommen weit nach der Verringerung und Vermeidung eigener Treibhausgasemissionen. Das Problem: Kompensieren ist billiger als Treibhausgasemissionen zu vermeiden. Jens Wulfsberg, Präsident der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Produktionstechnik, schätzt, dass die Unternehmen 80 Prozent ihrer „Klimaneutralität“ durch Kompensation erreichen. Nur etwa 20 Prozent beruhten tatsächlich auf der Verbesserung ihrer eigenen Klimabilanz. Wenn überhaupt. Konkrete Zahlen gebe es dazu nicht.
Keine unabhängige staatliche Kontrolle
An der Universität Kassel sieht Ingenieur Jens Hesselbach die Kompensationen nicht nur deshalb kritisch. „Das Geld, das ich für Ausgleichszahlungen ausgebe, fehlt den Unternehmen für Investitionen in den Klimaschutz“, erklärt der Wissenschaftler. Er empfiehlt, das Geld zum Beispiel in eine eigene Solaranlage zu stecken. Dennoch kompensieren in Deutschland immer mehr Unternehmen ihre Treibhausgasemissionen. Sie lassen sich dafür „Zertifikate“ ausstellen und drucken „Klimaneutral“-Siegel unterschiedlicher privatwirtschaftlicher Anbieter auf ihre Produkte. Das soll Kunden locken, von unabhängigen staatlichen Stellen kontrolliert wird jedoch keines davon.
Jonas Grauel hat sich bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen intensiv mit dem Thema beschäftigt. Er kritisiert einen schwer durchschaubaren „unregulierten Markt“. Das Versprechen „klimaneutral“ wecke falsche Erwartungen und führe Verbraucherinnen und Verbraucher in die Irre. Diese erwarteten von einem angeblich klimaneutralen Produkt, dass es umweltfreundlich hergestellt werde.
Dass dem aber nicht so ist, hat etwa die Verbraucher-Organisation Foodwatch belegt. 2021 zeichnete sie angeblich „klimaneutrales“ Hähnchenbrustfilet der Rewe-Eigenmarke Wilhelm Brandenburg mit dem Goldenen Windbeutel für die „dreisteste Werbelüge“ des Jahres aus. Foodwatch mahnte das Unternehmen ab, weil „das Hähnchenbrustfilet weder emissionsfrei hergestellt noch die bei der Produktion anfallenden Emissionen ausgeglichen“ würden. Die Organisation hatte sich das Waldprojekt in Peru angesehen, mit dem Rewe angeblich die Emissionen aus der Produktion der Hähnchenbrustfilets kompensierte. Fazit: Es „schützt den dortigen Wald und damit auch das Klima nicht“. Inzwischen hat Rewe nach Foodwatch-Angaben seine „klimaneutral“-Werbung für das Produkt zurückgezogen.
Ähnlich urteilt Foodwatch über angeblich klimaneutrale Milch von Aldi. Der Konzern wisse nicht einmal, wie viele Treibhausgasemissionen Herstellung und Vertrieb der Milch verursachten. Zur „Kompensation“ der Klimafolgen verwies der Discounter auf ein Aufforstungsprojekt in Uruguay. Diesen Wald beschreibt Foodwatch als „Eukalyptus-Monokultur“, die mit dem hoch umstrittenen Pestizid Glyphosat gespritzt wird. Nach diesen und vielen ähnlichen Erfahrungen nennt Foodwatch-Sprecherin Sarah Häuser das Label „klimaneutral“ eine „riesige Verbrauchertäuschung“. Eine Einschätzung, die nach mehreren Veröffentlichungen in den vergangenen Monaten auch immer mehr Unternehmen teilen. So will die Drogeriemarktkette Rossmann ihre eigenen Produkte nicht mehr als „klimaneutral“ bewerben.
Wie die englische Tageszeitung „The Guardian“ und „Die Zeit“ herausgefunden haben, hält kaum eine der zahlreichen CO2-Kompensationen, was sie verspricht. Besonders schlecht schneiden die Zertifikate ab, die nach dem weitverbreiteten „Verra-Standard“ vergeben wurden. (Verra deckt rund drei Viertel aller weltweiten Klimazertifikate ab). Auch der Klimaschutzeffekt der Zertifikate, die die Vereinten Nationen über ihren Online-Shop verkaufen, sei nur gering oder fehle ganz. Mit jeder neuen Meldung dieser Art wächst deshalb das Misstrauen der Konsumenten. Für Anbieter und Kunden, die es wirklich ernst meinen, eine schlechte Nachricht.
Jens Geimer, der Brauer im Westerwald, lässt sich von alledem nicht beirren. Er konzentriert sich darauf, die Treibhausgasemissionen seines Unternehmens weiter zu verringern und so das Klima wirklich zu entlasten. Damit ist er auf dem richtigen Weg.
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