Mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,90 Metern zählt der Bartgeier (Gypaetus barbatus) zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt. Einst waren diese majestätischen Greifvögel in den Alpen weit verbreitet, doch dann fielen sie dem Rufmord zum Opfer: Den Aasfressern wurde nachgesagt, Vieh, Wild und selbst kleine Kinder zu erbeuten. Die damit verbundene Verfolgung führte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Ausrottung der Bartgeier im gesamten Alpenraum. Doch das sollte nicht das letzte Kapitel sein: Seit 1986 versuchen Tierschützer den Bartgeiern durch Auswilderungen von Nachzuchten ein Comeback im Alpenraum zu ermöglichen. Der Erfolg spiegelt sich mittlerweile in etwa 300 wildlebenden Vögeln wider.
Alpentour mit Chance auf Rückkehr
In den West- und Zentralalpen vermehren sich die Bartgeier seit 1997 auch wieder selbstständig. Doch in den Ostalpen konnten sich die Tiere bisher nicht so erfolgreich etablieren. Ein Projekt des Landesbundes für Vogelschutz in Bayern (LBV) soll das Comeback dort nun durch Auswilderungen von jungen Bartgeiern im bayerischen Teil der Alpen unterstützen. Dafür werden in den kommenden Jahren im Klausbachtal im Nationalpark Berchtesgaden junge Bartgeier freigelassen. Den Anfang machten dabei Wally und Bavaria im Juni 2021. Wie der LBV berichtet, ist es nun zu einer natürlichen Entwicklung gekommen, auf die das Team bereits gewartet hat: “Nach drei Monaten der Übungsflüge und Geländeerkundungen in der Region der Auswilderung ist Bavaria am 17. Oktober ihrem natürlichen Wandertrieb gefolgt und hat einen bereits hunderte Kilometer langen Flug in die Ostalpen begonnen”, sagt Projektleiter Toni Wegscheider.
Dass beide Geier so lange ortstreu geblieben sind, war nach den Erfahrungen des europaweiten Projekts eher ungewöhnlich. “Trotz vieler Tagesausflüge zu den umliegenden Gebirgszügen kehrten die beiden Geiermädels fast jeden Abend zu den Futter- und Schlafplätzen in der Nähe der Nische im Klausbachtal zurück”, sagt Nationalpark-Projektleiter Ulrich Brendel. Wegscheider ergänzt dazu: “Wir mussten in den letzten Wochen immer öfter scherzhafte Fragen beantworten, ob wir Wally und Bavaria zu gut füttern würden”.
Doch nun ist zumindest Bavaria aufgebrochen und erreichte nach drei Tagen die etwa 230 Kilometer entfernte Bergkette Rax in Ostösterreich. “Wally unternahm kurze Zeit später offenbar einen Versuch, ihr zu folgen, doch schon wenige Kilometer außerhalb ihres vertrauten Terrains verließ sie anscheinend der Mut und sie drehte wieder ab, hinein in den heimischen Nationalpark”, berichtet Wegscheider. Doch den Experten zufolge ist davon auszugehen, dass sie ebenfalls bald davonfliegen wird. Denn junge Bartgeier besitzen einen angeborenen Wandertrieb und erkunden in den ersten Lebensjahren tausende Quadratkilometer Gebirgsraum auf der Suche nach Nahrung, einem eigenen Revier oder einem Partner zur Fortpflanzung.





