Text: Stephanie Eichler
Erst seit 170 Jahren müssen für Papier Bäume dran glauben. Damals entwickelten Fachleute ein Herstellungsverfahren aus Holzschliff und machten es massentauglich. In den Jahrhunderten zuvor gab es zwar auch schon Papier. Doch das produzierten die Menschen aus Stoffresten, Baumrinde oder anderen Fasern, etwa aus Fischernetzen. Die Erfindung dieser Technik wird Cai Lun zugeschrieben, der als Beamter am Hof des chinesischen Kaisers He von Han vor knapp 2000 Jahren erstmalig Papier geschöpft haben soll – mit Topf und Sieb und einem Brei aus Lumpen.
Und im Grunde läuft die Papierherstellung immer noch so ab wie damals: Auch heute noch wird ein zellulosehaltiger Brei gefertigt, auf einem Sieb verteilt, gepresst und getrocknet. Der Brei besteht entweder aus Zellulose-Frischfasern oder aus Altpapier. Letzteres spielt in der deutschen Papierindustrie eine wichtige Rolle: Die Einsatzquote liegt bei 79 Prozent, der Verbrauch lag im Jahr 2021 bei 18.297.147 Tonnen. Und weil das mehr ist, als die deutschen Verbraucher in Papiertonnen und Wertstoffhöfen abgeben und Deutschland zudem Papiermüll exportiert, ist die Bundesrepublik ein Nettoimporteur von Altpapier. Nur China und Indien – die klassischen Müllaufkäufer der Welt kaufen mehr ein.
Wertvoller Müll
Noch vor drei Jahren sah das anders aus: Über Jahre war China ein wichtiger Abnehmer von Altpapier, bis das Land 2017 seine Einfuhrbestimmungen änderte. Der innereuropäische Markt wurde von einem Überangebot getroffen, der Preis sank in den Keller. Und dann kam die Corona-Pandemie. Das gesamte Kauf- und Handelsverhalten änderte sich, der Online-Versand boomte, während Kioske und Büros geschlossen wurden, und in den Tonnen landeten auf einmal deutlich mehr Pappkartons als Zeitungen oder Schmierpapier. Gleichzeitig stieg überraschend die Nachfrage nach grafischem Papier wieder an, doch für dessen Produktion sind alte Kartons allein nicht geeignet. Nachfrage und Angebot lagen plötzlich weit auseinander, es fehlte an Kapazitäten und Material und die Preise begaben sich auf Achterbahnfahrt.
Bei Steinbeis in Glückstadt beobachtet man diese Entwicklungen genau. Doch bisher hat der Marktführer Europas für grafisches Recyclingpapier noch keine Versorgungsprobleme. In den Fabrikhallen wird das Altpapier zunächst in einem Behälter mit Wasser vermischt und zerschnetzelt. Ein Zellulosebrei entsteht, Bleichmittel und Seife werden zugesetzt. Weil Steinbeis-Papier mit dem Umweltzeichen „der Blaue Engel“ ausgezeichnet ist, werden hier nur umweltfreundliche Mittel verwendet, wie Wasserstoffperoxid, das in Wasser und Sauerstoff zerfällt.
Das Faser-Wasser-Seife-Gemisch durchläuft dann eine Vielzahl von Trommeln und Behältern, die über Rohrleitungen miteinander verbunden sind. In der sogenannten Sortierung werden beispielsweise Holz- oder Plastiksplitter sowie Heftklammern durch Siebkörbe aussortiert. Was bleibt, sind Störstoffe wie Druckerfarbe. „Um sie auszuwaschen, leiten wir den Brei in elliptische Behälter mit großer Oberfläche, blasen Luft ein und bringen die Seife zum Schäumen“, erklärt Andreas Steenbock, verantwortlich für das technische Marketing der Firma. Die nimmt die Farbteilchen mit, steigt als Schaum in dem Faser-Wasser-Gemisch auf und wird abgeschöpft. „Übrig bleiben die gereinigten Papierfasern, die wir für die Recyclingpapierherstellung verwenden.“ Der Brei wird zusammen mit viel Wasser zur Papiermaschine gepumpt, auf Siebe aufgetragen und gepresst. Das Ganze muss noch trocknen – dann ist das Papier fertig und wird auf einer Rolle aufgewickelt.





