Einer Frau den Vortritt zu lassen, ist heutzutage nicht mehr üblich. Ganz anders bei Grillen: Droht Gefahr, lassen die Männchen ihre Weibchen zuerst in den sicheren Bau ? und opfern damit unter Umständen ihr eigenes Leben für das der Partnerin. Dieses Verhalten dokumentierten nun Wissenschaftler um Rolando Rodriguez-Munoz von der University of Exeter. So ganz selbstlos ist die Ritterlichkeit des Grillenmännchen allerdings nicht, sagen die Biologen, denn schließlich zieht die Grillenfrau seinen Nachwuchs auf.
Ganz allgemein neigen Männchen ? egal welcher Tiergattung ? dazu, ihre Partnerin von potenziellen Rivalen fernzuhalten. Auch Insektenarten wie den Grillen wurde dieses Verhalten unterstellt, da sie stets nach dem Weibchen in die gemeinsame Erdhöhle kriechen, vermeintlich um sicherzugehen, dass sie ihm nicht mehr entwischt. Doch weit gefehlt: Wie Rolando Rodriguez-Munoz und seine Kollegen herausgefunden haben, schützen die Grillenmänner ihre Frauen auf diese Weise vor Gefahr. ?Man kann sie als geradezu ritterlich bezeichnen?, schwärmt der Biologe.
Für diese Erkenntnis hatten die Wissenschaftler über 200.000 Stunden Videomaterial ausgewertet. Mithilfe von 96 Infrarotkameras und ebenso vielen Mikrofonen hielten sie das Verhalten von Feldgrillen ( Gryllus campestris) über zwei Brutzeiten fest. Zuvor hatten sie die Tiere nummeriert und ihnen DNA entnommen. So konnten die Forscher genau bestimmen, welches Männchen wie lange um die Gunst einer Grillendame zirpte.
Sobald ihr Rufen erfolgreich auf Grillenfrauenohren gestoßen ist, folgt das Balzspiel. Nach der Befruchtung legt das Weibchen mehrmals Eier in den Wohnhöhlen ab. Um sicher zu gehen, dass dies auch gelingt, opfert der Grillen-Mann zur Not sogar sein Leben: Wie die Aufzeichnungen der Kameras zeigen, hält sich das Männchen ein Stück entfernt vom Eingang auf, sodass es dem Weibchen bei Gefahr durch eine Maus oder einen Vogel nicht den Weg in den sicheren Erdbau versperrt. Damit erhöht es die Überlebenschancen seiner Partnerin und verringert gleichzeitig die eigenen. ?Die oberste Priorität scheint zu sein, die Partnerin samt Nachwuchs zu schützen?, interpretiert Tom Tregenza.
Auch wenn die Wissenschaftler dieses Verhalten bislang nur bei Grillen beobachtet haben, vermuten sie doch, dass es auch anderweitig in der Insektenwelt zu finden ist. Allerdings glauben die Biologen, dass der Grad der Ritterlichkeit unter anderem davon abhängt, wie groß die Männchen sind und wie stark sie durch Fressfeinde bedroht sind. ?Vielleicht kommen also Jahre, in denen beide Geschlechter egoistischer agieren und das Männchen doch zuerst in die Erdhöhle kriecht?, mutmaßt Rolando Rodriguez-Munoz.
Rolando Rodriguez-Munoz (University of Exeter, Großbritannien) et al.: Current Biology, 10.1016/j.cub.2011.08.053 wissenschaft.de ? Marion Martin





