Frauen können nicht einparken und Männer nicht zuhören ? es sei denn, es handelt sich um Zaunkönig-Männer: Die kleinen Singvögel hören nämlich ganz genau auf den Gesang ihrer Partnerin, um dann ihrerseits im rechten Moment ihre Stimme zu erheben. Denn Zaunkönige zwitschern ein ganz besonderes Duett: Männchen und Weibchen singen dabei nicht gleichzeitig, sondern wechseln sich in Sekundenschnelle ab ? jeder übernimmt ganz bestimmte Töne und Silben. Der Zuhörer kann das Duett also nicht von einem echten Solo unterscheiden. Amerikanische Forscher vermuten, dass der musikalische Gleichklang den Zusammenhalt der Vogelpartner stärkt.
Drei Silben er, zwei Silben sie, zwei Töne er, drei Takte sie ? die Rollen im südamerikanischen Zaunkönig-Duett sind genau verteilt. Wissenschaftler um Eric Fortune von der Johns Hopkins University in Baltimore haben im Gebiet um den Vulkan Antisana in Ecuador über 1.000 Gesänge von Zaunkönigen der Art Pheugopedius euophrys aufgezeichnet.
Dabei fiel den Forschern auf, dass die Weibchen die führende Rolle in der Koordination der Stimmen übernehmen. Offenbar scheint das auch nötig zu sein, denn Männchen machen deutlich mehr Fehler als die Partnerinnen, verpassen zuweilen gar ihren Einsatz, so die Biologen. Doch frau weiß die Melodie zu retten und springt blitzschnell für den Gatten ein. Besonders bei längeren Duetten kommt es auch vor, dass dem Männchen die Puste ausgeht und es langsamer wird. Hier zeigt Frau Zaunkönig besonderen Großmut: Sie drosselt die Geschwindigkeit ihres Gesangs, so dass ihr Partner den Takt halten kann.
Um herauszufinden, wie es die in Peru, Ecuador und Kolumbien beheimatete Art der Zaunkönige schafft, sich derart aufeinander einzustellen, beobachtete das Forscherteam die Gehirnaktivität der Vögel, während sie den eigenen Gesang, den des Partners und das gesamte Duett vorgespielt bekamen. Ihre Vermutung: Die Tiere reagieren am stärksten auf die von ihnen gesungenen Melodieteile, da sie diese am besten kennen und sich demzufolge auch am besten daran erinnern. Doch weit gefehlt ? beide Geschlechter zeigten die höchste Gehirnaktivität wenn sie das gesamte Duett, also die vollständige Melodie vorgespielt bekamen.
Einen Unterschied zeigen die Geschlechter jedoch, wenn es um die individuellen Stimmen geht. Während die Weibchen sich stärker an ihren eigenen Gesang zu erinnern scheinen, ist es bei den Männchen genau umgekehrt ? sie zeigen eine höhere Gehirnaktivität beim Gesang ihrer Partnerin als bei ihrem eigenen. Sie hören also streng genommen ihrer Partnerin genauer zu als sich selbst. Dieses bloße Bemühen scheint sie ihm mit Nachsicht zu danken, indem sie seine Patzer ausgleicht.
?Vermutlich ermöglicht die Verankerung der Melodie als Ganzes und die Koordination mit dem Partner das präzise Zusammenspiel?, schlussfolgert Eric Fortune. Der Biologe vermutet außerdem, dass der musikalische Gleichklang der Singvögel die Lebenspartner stärker aneinander bindet. Da Menschen und Zaunkönige den Gehirnbereich für das Lernen und Wiedergeben von Melodien gemeinsam haben, ?könnten Männer vielleicht noch etwas von den Zaunkönigin lernen?, hofft Fortune. Doch das gilt nicht nur für die Männer ? schließlich wissen die Zaunkönig-Weibchen auch die vergeblichen Mühen ihres Partners zu schätzen.
Eric Fortune (Johns Hopkins University) et al.: Science, Bd. 334, S. 666, doi: 10.1126/science.1209867 © wissenschaft.de ? Marion Martin





