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Bis zu 50 Meter hohe Bäume ragen in den strahlend blauen Himmel. Einige von ihnen sind viele Hundert Jahre alt und sehr verschieden: mehrere Varianten des afrikanischen Wallnussbaums, Mahagoni-Arten wie Azobé, Sapeli und Khaya, Kapok- und Limbabäume sowie Odum, Wawa und Bombax. Auf den Bäumen des Regenwaldes siedeln sich Orchideen und Lianen an. Dazwischen wachsen verschiedene Palmen, hierzulande über 1.000 Arten, sowie Kola-, Kautschuk- und Feigenbäume. Abseits der Straße knattert ein Dreiradtransporter mit einem Fahrer und drei Passagieren mitten durch den Wald. Blätter peitschen ihnen bei der ruckeligen Fahrt ins Gesicht. Zwei der Männer sitzen auf dem Geländer des Fahrzeugs. Einer rechts, einer links. Auf der Ladefläche steht der Dritte, zu seinen Füßen liegt eine Kettensäge. Tief im Dschungel hält der Fahrer an. Dort, wo ein wuchtiger Baum gefällt auf dem Boden liegt. Sein Durchmesser beträgt an der dicksten Stelle gut drei Meter. Michael – aus Gründen des Quellenschutzes werden alle hier nur beim Vornamen genannt – baut sich davor auf und erklärt stolz, wie er den Baum gefällt hat. Worauf es dabei ankomme und dass es bei dieser Größe nicht so leicht, er aber sehr erfahren sei: „Ich mache das schon seit 25 Jahren“, sagt er stolz. Was er allerdings nicht erwähnt: Er macht sich damit strafbar.
Illegale Abholzung
Damit ist er in diesem Teil Afrikas nicht allein. Wegen der schwierigen Wirtschaftslage ist das Fällen geschützter Bäume für viele Menschen in Ghana häufig die einzige Einkommensquelle. Das Land hat die am schnellsten voranschreitende Entwaldungsrate weltweit. Dabei war es einst Vorreiter des Kontinents beim Schutz seiner Wälder. Es gehörte zu den Ersten, die ein Voluntary Partnership Agreement (VPA) mit Deutschland unterschrieben haben – eine Vereinbarung, die die Nachhaltigkeit und Legalität von Holz garantieren sollte. Doch in den vergangenen 50 Jahren hat Ghana einen Großteil seiner Waldfläche verloren. Von den über acht Millionen Hektar tropischem Regenwald sind weniger als die Hälfte übrig. Laut einer aktuellen Studie werden 70 Prozent der Bäume illegal abgeholzt. Am stärksten betroffen ist die Ashanti-Region rund um die Dreimillionenstadt Kumasi in der Mitte des Landes, etwa 250 Kilometer nördlich der Hauptstadt Accra. Auch vor Naturschutzgebieten wird kein Halt gemacht.
Im Regenwald, etwa 100 Kilometer westlich von Kumasi, zieht Michael, in rotem Poloshirt und schwarzer Hose, jetzt seine Gummistiefel aus. Dann setzt er seine Kettensäge zusammen, wuchtet sie auf den Baumstamm und schwingt sich selbst hinauf. Er tränkt einen Strick in einer Flüssigkeit. Damit markiert er eine gerade Linie auf dem Baumstamm, um ihn in gleichmäßig große Stücke zerlegen zu können. Er bekreuzigt sich und startet die Kettensäge. Barfuß, ohne Schutzbrille oder Ohrenschützer. Die Säge heult laut auf, Späne und Holzstaub fliegen Michael entgegen. Mehrmals wischt er sich durchs Gesicht, um etwas sehen zu können, und sägt stoisch weiter.
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Michael will ein Holzstück aus dem knapp 80 Meter langen Stamm heraustrennen, um es zu verkaufen. Für ein 40 Meter großes Stück, das er wegen des schwierigen Transports nicht als Ganzes, sondern nur zerstückelt liefern kann, bekommt er etwa 25 Cedi. Umgerechnet sind das knapp zwei Euro. Davon gehen noch Kosten ab, sodass Michael am Ende nur sieben Cedi, etwa 50 Cent, bleiben. Begonnen hat er mit dem illegalen Fällen schon als Jugendlicher, um seine Schulausbildung zu finanzieren. Später bezahlte er davon die Behandlung seines kranken Vaters, und auch heute ist er auf das Geld angewiesen. „Es gibt keine anderen Jobs hier“, berichtet er.
„Wir haben keine Wahl, wir brauchen auch etwas zum Überleben“, sagt einer der Männer, die mit Michael in den Wald gefahren sind. Er heißt Nana und ist Gewerkschafter. Er arbeitet für die Domestic Lumber Traders Association (DOLTA), die Gewerkschaft, die sich für die Rechte der Kettensägen-Holzfäller einsetzt. In Ghana gehört jeder Baum dem Staat. Für das Fällen der Bäume ist seit den neuesten EU-Bestimmungen eine kostenpflichtige Lizenz notwendig. „Wir können uns die Lizenzen aber nicht leisten“, sagt Nana, „deswegen sind die neuen Regeln schlecht für uns.“ Eine Lizenz kostet so viel, wie sie für ein 40 Meter großes Holzstück bekommen. Für Menschen in Europa sei das nicht viel, aber für sie schon.
Eine neue EU-Verordnung
Der Holzhandel ist für Ghana ein Millionengeschäft. Das westafrikanische Land exportiert die Rohstoffe, westliche Unternehmen nehmen sie gern – und erzielen damit Gewinne in Milliardenhöhe. Seit Sommer 2023 gibt es eine neue EU-Verordnung zu entwaldungsfreien Lieferketten, sie wird in Kurzform EUDR (EU-Deforestation Regulation) genannt und ersetzt die EU-Holzhandelsverordnung (EUTR), mit der 2013 erstmals der Import von illegalem Holz in die EU verboten wurde. Importeure wurden verpflichtet, Nachweise für das legal geschlagene Holz zu erbringen.
Die neue EU-Regelung geht noch weiter: Sie verbietet den Handel von Rohstoffen, die Entwaldung und Waldschädigung verursachen. Konkret geht es dabei um Produkte aus den Rohstoffen Rind, Soja, Palmöl, Kaffee, Kakao, Naturkautschuk und Holz. Die Verordnung betrifft sowohl den Import, als auch den Export dieser Erzeugnisse und deren Produkte auf den EU-Markt. Mit der neuen Verordnung soll das Risiko minimiert werden, dass Produkte auf den EU-Markt gelangen, die am Anfang der Lieferkette mit Entwaldung, Waldschädigung sowie der illegalen Vertreibung der lokalen Bevölkerung in Verbindung stehen. Damit soll nicht nur illegale Entwaldung verhindert werden, sondern auch solche, die im Produktionsland legal wäre, von der Europäischen Union aber als nicht nachhaltig eingestuft wird. In Kraft getreten ist die EUDR am 29. Juni 2023, nach einer Übergangszeit von 18 Monaten soll sie seit dem 30. Dezember 2024 angewendet werden. Für kleine Unternehmen gilt eine Übergangszeit von zwei Jahren. Wer den unternehmerischen Sorgfaltspflichten der EUDR nicht nachgeht, dem drohen Sanktionen wie Abschöpfung der Gewinne, Bußgelder, Beschlagnahmung der Waren, vorübergehende Einfuhrverbote und Ausschluss von öffentlichen Mitteln und Ausschreibungen.
Fehlende Kontrollen
Bislang sieht die Realität in Ghana allerdings anders aus. Nana und seine Gewerkschaft DOLTA kritisieren die neuen EU-Regelungen daher auch: „Es wird ohnehin abgeholzt, und nur wir werden bestraft“, sagt er, „weil wir nicht so viel Schmiergeld haben wie die Unternehmen, die mit bedrohten Hölzern große Profite einfahren.“ Bislang wird die EUDR anscheinend weder von der Regierung noch von den Unternehmen angewendet oder ernsthaft kontrolliert. Stattdessen wird Holz entweder mithilfe von gefälschten Lizenzen gehandelt oder ganz ohne sie. Genau das geschieht auf dem Holzmarkt Sokoban Wood Village am Rande Kumasis. 2004 wurde er von der ghanaischen Regierung angelegt, um die Holzindustrie anzukurbeln. Mit etwas mehr als zwölf Hektar Fläche ist er der größte Holzmarkt Westafrikas. Ob Mahagoni, Teak oder Afrormosia – große Mengen werden hier jeden Tag verkauft, praktisch alle Arten, auch Tropenhölzer und jene, die den Bestimmungen des Washingtoner Artenschutzabkommens unterliegen und deren Ein- und Ausfuhr innerhalb der EU genehmigungspflichtig oder gar verboten sind.
Und wie kommt das nach Deutschland? „Kein Problem“, lautet die Antwort des Händlers, der direkt anbietet, einen ganzen Container zu organisieren, um das Holz nach Deutschland zu verschiffen. Kleinere Mengen können mit DHL verschickt werden. Von Bescheinigungen über die Herkunft der Hölzer, die eine entwaldungsfreie Lieferkette nachweisen würden und laut EU-Bestimmungen notwendig für die Einfuhr nach Deutschland wären, ist keine Rede. Weder in Ghana noch in Deutschland. Es gelangt ohne Probleme aus Westafrika nach Europa. „Die Behörden hätten zumindest bei der geschützten Art Afrormosia aufmerksam sein und nach den Genehmigungen fragen müssen“, sagt der Wissenschaftler Gerald Koch. Er leitet in Hamburg am Thünen-Institut für Holzforschung den Arbeitsbereich Qualität von Holz und Holzprodukten. „Für die Einfuhr in die EU müssten genaue Angaben zu Art und Herkunft der Hölzer gemacht werden.“ Der deutsche Zoll hätte das bei der Einfuhr eigentlich kontrollieren müssen.
Koch weist darauf hin, dass in den Artenschutzrichtlinien kein Gewicht angegeben ist: Jedes Gramm unterliegt den EU-Richtlinien. „Selbst wir als Thünen-Institut benötigen für den wissenschaftlichen Austausch von geschützten Hölzern eine Anmeldung beziehungsweise Genehmigung“, erklärt er. „Ihre Recherchen zeigen, dass sorgfältigere Kontrollen erforderlich sind und dafür geschultes Personal und Prüfeinrichtungen zur Verfügung stehen müssen.“ Mit der Umsetzung der EUDR würden laut ihm die Anforderungen an Kontrollen weiter steigen. Hinzu kommt: Wenn die staatliche Seite nicht richtig kontrolliert, steigt auch die Chance, mit gefälschten Bescheinigungen durchzukommen. Deutsche Unternehmen wissen womöglich nicht, woher ihr ghanaisches Holz kommt, weil sie sich darauf verlassen, dass die Papiere, die sie mit der Lieferung erhalten, nicht gefälscht sind und es nachhaltig geschlagen wurde.
Weiterbildung statt Greenwashing
Eine Undercoverrecherche der Nichtregierungsorganisation Environmental Investigation Agency (EIA) ergab, dass Beamte sich bestechen lassen, beim Holzhandel nicht zu genau hinzuschauen. „Korruption ist auf höchster Ebene der Forstbehörde weit verbreitet“, heißt es in dem EIA-Bericht. So würden Beamte teils rückwirkend Genehmigungen ausstellen oder an Checkpoints innerhalb des Landes, wo der Holzhandel eigentlich engmaschig kontrolliert werden soll, Bestechungsgeld annehmen. Die ghanaische Forstbehörde, die dem Ministerium für Land und natürliche Ressourcen untersteht, will sich dazu nicht äußern. Stattdessen verweist sie auf den Green Ghana Day. Um die durch die Abholzung geschädigten Wälder wiederherzustellen und den Klimawandel zu bekämpfen, sollten am 9. Juni 2023 mindestens zehn Millionen Baumsetzlinge gepflanzt werden. Verschiedene Akteure aus der Zivilgesellschaft und der Holzwirtschaft kritisierten die Aktion als Greenwashing: Es sollen gar nicht ausreichend viele Baumsetzlinge zur Verfügung gestanden haben. Stattdessen fordert Nana mit seiner Gewerkschaft DOLTA Fortbildungen dazu, wie Bäume gefällt werden, ohne dass die Wälder dauerhaft Schaden nehmen.
Auf Weiterbildung setzt auch die Nichtregierungsorganisation Civic Response. Sie versucht, lokale Communitys über ihre Rechte und die Probleme der großflächigen illegalen Abholzung aufzuklären. Ihre Mitarbeitenden besuchen regelmäßig Dörfer und kleine Gemeinden in Gegenden, die besonders von der Entwaldung betroffen sind. Civic-Mitarbeiter Elvis ist auf solcher Mission unterwegs nach Makanso, einer kleinen Siedlung am Rand des Krokosua-Naturschutzwalds, etwa 200 Kilometer westlich von Kumasi. Circa 400 Menschen leben hier umgeben von Bananen-, Kakao- und Mangobäumen. Einige kommen, um Elvis zuzuhören, der fragt: „Wem gehört der Wald?“ Einige antworten: „Der Regierung.“ Doch die meisten sagen: „Er ist für alle da.“ Ein Bauer fragt, ob es erlaubt sei, dass Fremde einfach so einen Baum fällen und mitnehmen. „Nein“, antwortet Elvis. Nur die wenigsten würden sich hier mit der Gesetzeslage auskennen. „Es ist euer gutes Recht, euch dagegen zu wehren“, erklärt er der Dorfgemeinde. Auch dass ihnen Kompensationen für illegale Fällungen zustehen. Erstaunte Gesichter. Neugierig fragen die Menschen nach: „Was bedeuten die neuen EU-Richtlinien eigentlich für uns?“ Elvis erklärt es möglichst einfach und die Leute hören aufmerksam zu. „Es ist gut, wenn jemand uns die Dinge so erklärt“, sagt eine Frau. „Aber wieso bekommen wir nie mehr Geld?“, fragt der Dorfchef. Darauf hat Elvis auch keine Antwort.
Ohne Rücksicht auf Mensch und Natur
Nacheinander erzählen die Menschen aus dem Dorf von ihren persönlichen Schicksalen. Da ist etwa Adoma: Jemand bot ihr 150 Cedi, knapp zwölf Euro, für einen Urwaldbaum, der auf ihrer Kakaoplantage stand. Die dreifache Mutter nahm das Geld. Doch dann fällten sie dort nicht nur einen Baum, sondern weitaus mehr. „Als ich versucht habe, dagegen vorzugehen, drohten sie mir“, berichtet Adoma. „Sie würden die Polizei rufen.“ Und damit nicht genug: „Beim Abtransport zerstörten sie meine komplette Kakaoplantage und somit meine Lebensgrundlage“, erzählt die 43-Jährige mit Tränen in den Augen. Adoma geht zum Ort des Geschehens, einen kurzen Fußmarsch vom Dorfzentrum entfernt. Es ist ein Feld der Verwüstung: tiefe Spuren von großen schweren Fahrzeugen im Waldboden, alles übersät mit Holzresten. Ein Tragschlepper parkt am Rand. Daneben abgeholzte Bäume, zerlegt und in gleich große Stammteile nebeneinander aufgereiht.
„Wenn es so weitergeht, ist die sattgrüne blühende Landschaft hier bald eine Wüste“, sagt Elvis. Die Auswirkungen der exzessiven Holzwirtschaft in Ghana seien verheerend. Durch den Verlust der Bäume kommt es zur Bodenerosion und Gefährdung der Landwirtschaft. Die ist zudem durch die Entwaldung bedroht, weil die meisten Plantagen von Ananas, Mangos, Bananen, Avocados, Papayas und Kakao sich auf dem gerodeten Gebiet des Regenwaldes befinden. „Ihnen fehlt aber der natürliche Sonnenschutz, den sie zuvor von den Bäumen bekommen haben“, erklärt Elvis. Auch Wasserhaushalt, Biodiversität und Klima leiden unter der Abholzung. Hinzu kommen negative gesundheitliche Auswirkungen, wie die Beeinträchtigung der Luftqualität und wirtschaftliche Folgen. Zu Letzteren zählt beispielsweise die Destabilisierung durch den Rückgang der Ressourcen. Und natürlich nicht zu vergessen: die sozialen und kulturellen Dimensionen. Denn Wälder haben für die meisten Menschen in Ghana auch einen immateriellen Wert. Auch für Adoma. „Uns liegt die Natur am Herzen.“ Sie klettert auf einen der Baumstämme. Es wirkt wie ein Protest, als wolle sie dadurch die Bäume beschützen, die gefällt auf den Abtransport warten. Schweigend schaut sie in die Ferne. //