Anders als Menschenaffen, Hunde oder auch manche Vögel gelten Kühe nicht gerade als die hellsten Leuchten im Tierreich. Der Cartoonist Gary Larson karikierte dies häufig in seiner “Far Side Gallery”, in der er Tiere in oft allzumenschlichen Situationen darstellte. Kühe stellte er in seinen Cartoons oft als eher dumm und unbeholfen dar. “Dies greift eine weit verbreitete Annahme auf: Kühe sind nach dieser weder Problemlöser noch Werkzeugnutzer”, erklären Antonio Osuna-Mascaró und Alice Auersperg von der Veterinärmedizinischen Universität Wien. “Doch die kognitiven Fähigkeiten von Nutztieren werden oft unterschätzt.” Hinzu kommt, dass die Fähigkeiten von Kühen trotz ihrer 10.000-jährigen Domestikationsgeschichte kaum untersucht wurden. Forschung zu Rindern konzentrierte sich meist auf ihre Haltung, Milchleistung und Mast.

Borsten für den Rücken, Stielende für sensible Partien
Jetzt beweist eine Kuh namens “Veronika”, dass Kühe mehr im Kopf haben als landläufig gedacht. Die zum Braunvieh gehörende Kuh lebt auf einem Biohof als eine Art Haustier: Sie gilt fast schon als Teil der Familie, hat engen Kontakt zu ihrem Besitzer Witgar Wiegele
und reichlich Auslauf. Schon vor rund zehn Jahren beobachtete Wiegele, dass Veronika ab und zu Stöcke mit dem Maul aufhob und sich damit kratzte. Als die Verhaltensforscherin Auersperg ein Video dieses Verhaltens sah, wurde sie aufmerksam: “Mit war sofort klar, dass dieses Verhalten kein bloßer Zufall sein konnte”, sagt sie. Um den Fähigkeiten dieser Kuh auf den Grund zu gehen, besuchten Auersperg und ihr Kollege Osuna-Mascaró den Hof und führten systematische Tests mit Veronika durch. Dabei legten sie immer wieder Besen in verschiedener Ausrichtung auf den Boden und beobachteten, was die Kuh damit anstellte.
Und tatsächlich: “Wir zeichneten im Verlauf von zehn Versuchsdurchgängen 76 Vorkommnisse einer Werkzeugnutzung auf”, berichten die Biologen. Die Kuh nahm dabei den Besenstil ins Maul, justierte ihren Biss, bis der Besen zu ihrer Zufriedenheit ausgerichtet war und nutze ihn dann, um sich an verschiedenen Körperstellen zu kratzen. “Veronika nutzt dabei nicht einfach nur ein Objekt, um sich zu kratzen: Sie verwendet verschiedene Teile dieses Werkzeugs für unterschiedliche Zwecke und nutzt dabei jeweils andere Techniken, je nach Körperregion und Nutzungsart”, erklärt Auersperg. So bevorzugt die Kuh das mit Borsten besetzte Ende des Besens für großflächige Körperteile wie ihren Rücken oder die Rumpfseiten und kratzt sich dort mit weitausholenden, kräftigen Bewegungen. Bei weicheren, sensibleren Körperregionen wie dem Bauch oder Euter wechselt die Kuh dagegen zum abgerundeten, schmalen Stielende. Dabei sind ihre Bewegungen deutlich vorsichtiger und kleiner, wie die Forschenden beobachteten.
Erster Beleg für flexible Werkzeugnutzung bei einer Kuh
Nach Angaben von Auersperg und Osuna-Mascaró demonstriert die Kuh Veronika damit zum ersten Mal, dass auch Rinder Werkzeuge nutzen können. Es ist zudem der erste Fall der flexiblen Nutzung eines Mehrzweck-Werkzeugs bei dieser Spezies. Denn die Kuh verwendet die beiden sehr unterschiedlichen Enden des Besens gezielt und konsequent für unterschiedliche Zwecke. “Ein vergleichbares Verhalten wurde bisher nur bei Schimpansen beobachtet”, so die Forschenden. Der Einsatz eines Werkzeugs am eigenen Körper, wie hier im Fall des Kratzens, gilt zwar gemeinhin als weniger komplex und anspruchsvoll als die Manipulation andere Objekte damit. “Dafür hat die Kuh deutliche physische Einschränkungen, weil sie ihr Werkzeug nur mit dem Maul manipulieren kann”, erklärt Osuna-Mascaró. Es sei aber erstaunlich, wie gut sie diese Einschränkungen kompensiere, indem sie ihren Biss und ihre Bewegungen entsprechend anpasse.
“Obwohl sie seit Jahrtausenden domestiziert sind, wurden Nutztiere bisher fast völlig aus der Diskussion über tierische Intelligenz ausgeklammert”, schreiben Auersperg und Osuna-Mascaró. “Der Fall Veronikas enthüllt nun, dass die Fähigkeit zum technischen Problemlösen nicht auf Spezies mit großem Gehirn, Händen oder Schnäbeln beschränkt ist.” Die aktuellen Beobachtungen werfen allerdings auch die Frage auf, warum diese Fähigkeiten von Kühen nicht schon früher bemerkt wurden. Die Biologen führen dies auf die Lebensumstände der meisten Rinder zurück: Die meisten Kühe leben in Ställen oder auf Weiden ohne Zugang zu potenziellen Werkzeugen. Zudem sterben die meisten als Milchvieh oder Fleischlieferant gehaltenen Rinder schon relativ früh. Sie haben daher kaum Gelegenheit, sich diese Fähigkeiten anzueignen. Veronika ist dagegen schon relativ betagt, lebt unter günstigen Bedingungen und hat viele Möglichkeiten zum Erkunden und Ausprobieren von Neuem, wie die Forschenden erklären. Sie wollen nun weiter untersuchen, unter welchen Umständen auch weitere Rinder und Nutztierarten möglicherweise bisher übersehene Fähigkeiten zeigen. “Wir vermuten, dass solche Fähigkeiten weiter verbreitet sind als bisher dokumentiert”, sagt Osuna-Mascaró.
Quelle: Antonio Osuna-Mascaró und Alice Auersperg (Veterinärmedizinische Universität Wien), Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2025.11.059





