Ohne Zweifel sind sie eine große Errungenschaft in der Geschichte des Umweltschutzes: Kläranlagen haben einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Qualität von Gewässern geleistet. Dadurch erholten sich viele einst extrem belastete Ökosysteme und Wasserorganismen konnten sich in ihnen erneut ansiedeln. Zum Ausgangszustand kehren die aquatischen Lebenswelten aber nicht mehr zurück, geht aus Untersuchungen hervor. Dies hat unter anderem mit der noch immer deutlich vom Menschen veränderten Wasserqualität zu tun. Ein wichtiger Aspekt ist dabei, dass die Reinigungsverfahren der Kläranlagen bisher kaum sogenannte Spurenstoffe aus dem Zivilisations-Abwasser beseitigen können. Es handelt sich dabei um vielfältige Rückstände aus Medikamenten, Körperpflegeprodukten, Pestiziden und andere synthetische Substanzen, die Organismen belasten können.
Artenvergleich stromauf- und stromabwärts
Die Studie des Forscherteams um Daniel Enns von der Goethe-Universität Frankfurt erweitert nun die bisherigen Informationen dazu, wie dieser schwer fassbare Substanz-Cocktail in den Abwässern aquatische Lebewesen beeinflussen kann. Denn bisher haben sich Studien meistens auf einzelne Anlagen und Gewässer konzentriert. Um für umfassendere Daten zu sorgen, untersuchten die Wissenschaftler, wie sich die Abwässer aus 170 Kläranlagen in Hessen auf die Artenzusammensetzung von wirbellosen Tieren auswirkt. Sie erfassten dazu diese Lebewesen in den Bach- und Fuß-Abschnitten oberhalb und unterhalb der jeweiligen Zuflüsse aus den Anlagen an insgesamt 366 Probenahmestellen.
Wie die Wissenschaftler berichten, zeichnete sich in den Ergebnissen der Erhebungen eine deutliche Veränderung in der Zusammensetzung der Artengemeinschaften ab. Wie sie betonen, entspricht das Ergebnis nicht der landläufigen Vorstellung, dass durch den Menschen verursachter Stress schlicht die Anzahl der Arten und somit die Vielfalt verringert. Stattdessen ist ein Austausch zu beobachten: Manche Spezies gehen durch die Einleitungen aus Kläranlagen sogar ganz verloren, andere können von den Veränderungen hingegen profitieren und siedeln sich an oder breiten sich aus. Es zeichnet sich dabei ein durchschnittlicher Artenumsatz von 61 Prozent ab, schreiben die Forscher. Konkret gehören zu den zahlreichen Verlierern neben Wasserschneckenarten vor allem die im Wasser lebenden Larven von Steinfliegen und Köcherfliegen. Gewinner stellen hingegen bestimmte Vertreter der Würmer und Krebstiere dar. Besonders betroffen sind von diesem Wechsel in der Artenzusammensetzung die Bäche und kleineren Flüsse, stellten die Wissenschaftler fest.
Kritische Artenverschiebung
„Unsere Ergebnisse belegen, dass Kläranlagen die Bedingungen stromabwärts zugunsten umweltverträglicherer Artengruppen und zum Nachteil empfindlicher verändern“, resümiert das Team. Auch wenn die Artenvielfalt unterm Strich ähnlich bleiben kann, ist dies als ein deutliches Zeichen verschlechterter ökologischer Gesundheit zu bewerten. Denn in den komplexen Systemen der Natur können bestimmte Veränderungen der eingespielten Artengemeinschaften zu vielschichtigen weiteren Effekten führen. Besonders kritisch ist es, wenn aquatische Larvenstadien von Insektenarten betroffen sind. Denn dies könnte zum besorgniserregenden Rückgang dieser ökologisch wichtigen Organismen beitragen. „Dementsprechend ist es wichtig herauszufinden, wie und warum sich die Gemeinschaften verändern“, schreiben die Forscher.





