Ob Insekten, Vögel oder Landwirbeltiere: Die Artenvielfalt unseres Planeten schwindet rapide. Schätzungen zufolge könnten mittlerweile rund eine Million Spezies weltweit akut vom Aussterben bedroht sein. Verantwortlich dafür sind die Zerstörung von Lebensräumen durch uns Menschen, der Klimawandel, aber auch die gezielte Jagd. Angesichts des massiven Artenverlusts sprechen Wissenschaftler bereits von einem sechsten Massenaussterben – dem größten seit Verschwinden der Dinosaurier. Die meisten gängigen Erhebungen zum Artenschutz beruhen auf den Roten Listen der Internationalen Naturschutzunion (IUCN). In ihnen werden Daten zum Bestand verschiedener Arten zusammengetragen und diese daraufhin in Gefährdungsklassen eingestuft. Nach diesen Listen sind zurzeit rund 28 Prozent der Artenweltweit vom Aussterben bedroht.
Populationsentwicklung von 71.000 Tierarten
Doch diese Listen erfassen nicht das wahre Ausmaß des Rückgangs von Arten und Populationen, sagen Catherine Finn von der Queen’s University Belfast und ihre Kollegen. “Man kann diese Schutzkategorien als Schnappschüsse der Gefährdung einer Art ansehen. Demgegenüber bietet die Entwicklung der Populationen ein dynamischeres Abbild der Bedrohung im Laufe der Zeit.” Denn eine solche Bestandsentwicklung erfasst auch nicht gefährdete oder offiziell als bedroht geltende Arten, die sich aber rapide in Richtung eines solchen Zustands entwickeln. “Der Hintergrund ist, dass der Prozess des Aussterbens von demografischen Zusammenbrüchen innerhalb einer Spezies eingeleitet wird, der dann im Laufe der Zeit zum Aussterben führt”, erklärt das Team. “Populationstrends sind daher ein gutes Werkzeug, um das künftige Schicksal einer Art vorherzusagen.” Für ihre Studie haben Finn und ihre Kollegen die Populationstrends von insgesamt 71.000 Tierarten ausgewertet und ermittelt, ob deren Bestände abnehmen, zunehmen oder stabil geblieben sind. Zu den untersuchten Tiergruppen gehören alle fünf Hauptgruppen der Wirbeltiere – Säugetiere, Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische – sowie die Insekten.
Das Ergebnis: Bei 48 Prozent aller untersuchten Tierarten fanden die Wissenschaftler einen Rückgang der Populationen, bei 49 Prozent sind die Bestände stabil und nur drei Prozent der Arten zeigen zunehmende Populationsgrößen. “Das bedeutet, dass fast die Hälfte aller Tierarten auf der Erde, für die wir Daten haben, in ihren Beständen schwinden”, sagt Finn. Angesichts des beispiellosen Tempos, in dem Lebensräume und Umwelt weltweit durch menschliche Aktivitäten zerstört und degradiert werden, wundere es nicht, dass die Zahl der Populationen, die in Reaktion darauf schrumpfen oder kollabieren weit größer ist als die der Tierarten, die sich an schnell genug diese Veränderungen anpassen können. Hinzu komme, dass bereits viele Tierarten vom Rückgang betroffen sind, die bisher als nicht vom Aussterben bedroht galten. Für die zurzeit bei den IUCN als nicht gefährdet gelisteten Tieren zeigte sich bei 33 Prozent ein Populationsrückgang. Hält dieser Trend an, könnten mindestens 2136 bisher als ungefährdet geltende Spezies in naher Zukunft bedroht sein.





