Seit Jahren war klar, daß es passieren würde. Doch als es schließlich geschah, waren alle überrascht: Ende 1995 erschufen Physiker am Europäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf das erste Anti-Wasserstoff-Atom. Das Ereignis sorgte im Januar 1996 für Schlagzeilen – der “Spiegel” beschwor gar die herannahende Antiwelt.
Walter Oelert vom Forschungszentrum Jülich und ein Team von CERN-Physikern hatten in einem relativ simplen Experiment Antiprotonen und Positronen zu insgesamt neun Anti-Wasserstoff-Atomen verschmolzen. Doch die Handvoll Teilchen sind nicht mehr als das Ergebnis einer geglückten Fingerübung – für die Wissenschaft sind sie wertlos. Selbst Walter Oelert gibt zu, daß sein Team mit den paar Atomen keinerlei Messungen machen konnte. Ein CERN-Forscher verrät hinter vorgehaltener Hand: “Die meisten Experimente am CERN sind wissenschaftlich interessanter als der Anti-Wasserstoff.”
Dennoch könnte sich der Rummel auszahlen. Das gelungene Experiment kommt gerade zu einer Zeit, in der die Teilchenforschung am CERN im Umbruch ist (s. bdw-Highlight 11/96 “Tunnel,Teilchen, Theorien”). Viele kleinere Forschungsvorhaben – darunter die Antimaterie-Versuche – sind Ende 1996 zugunsten des geplanten, knapp vier Milliarden Mark teuren Beschleunigers “Large Hadron Collider” eingestellt worden.
“Das Anti-Wasserstoff-Experiment hat soviel Publicity gebracht, daß das CERN gezwungen ist, die Forschung weiterzuführen”, sagt Klaus Röhrig aus Jülich, der an dem Genfer Großforschungszentrum ebenfalls mit Antiteilchen arbeitet. Wenn alles so klappt, wie Walter Oelert und sein Team es sich vorstellen, wird in zwei Jahren am CERN eine neue Antiprotonen-Bremse samt Antiprotonen-Sammler startklar sein. Damit sollen Antiprotonen und Positronen im Flug zusammengebracht und auf Herz und Nieren untersucht werden.
Doch die Kollegen am Fermilab in Chicago könnten schneller sein: Sie meldeten Mitte November, daß es ihnen in einem ähnlichen Experiment gelungen sei, Anti-Wasserstoff-Atome mit höherer Ausbeute herzustellen.
Bernd Müller





