Wie steuert man ein großes Forschungszentrum? Marum-Chef Gerold Wefer im Gespräch mit dem bild der wissenschaft-Chefredakteur. Gerold Wefer ist seit 2001 Direktor von Marum, dem rund 400 Mitarbeiter zählenden Zentrum für Marine Umweltwissenschaften in Bremen. Der Professor für Allgemeine Geologie an der Universität Bremen (Jahrgang 1944) ist als Wissenschaftler wie als Manager hoch angesehen. Er etablierte ab 1985 die Geowissenschaften in Bremen und sorgte maßgeblich dafür, dass Bremen/Bremerhaven 2005 die erste deutsche Stadt der Wissenschaft wurde. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhielt er bereits 2001 den mit 50 000 DM dotierten Communicator-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft für die Vermittlung wissenschaftlicher Ergebnisse an die Öffentlichkeit.
bild der wissenschaft: Am Marum arbeiten Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen Hand in Hand. Geht das problemlos?
Gerold Wefer: Da gibt es keine Schwierigkeiten. Unsere Forschungsfragen sind so komplex, dass sie von Wissenschaftlern nur einer Disziplin gar nicht beantwortet werden können. Ich sehe unsere Tätigkeit als großes Uhrwerk, in dem meine Kollegen oder ich einzelne Zahnräder sind.
Wie schneiden Sie neue Projekte zu?
Wir treffen uns einmal im Jahr zu einer Klausurtagung. Dort werden neue Ideen vorgestellt. In der Diskussion entwickelt sich ein Rahmen für zukünftige Projekte. Dabei orientieren wir uns auch an dem, was internationale Meeresforscher an anderen Institutionen aktuell bewegt. Dann blicken wir auf unsere Kompetenzen und fragen: Haben wir die Leute und das Wissen, um in einem bestimmten Bereich eigenständige Spitzenforschung leisten zu können? Neue Bereiche zu definieren ist im Übrigen weniger diffizil, als bestehende Bereiche zu beenden. Jemandem zu sagen, dein Projekt hat sich festgefahren und sollte beendet werden, ist mitunter ebenso notwendig wie schwierig.
Wie hängen Durchbrüche von den technischen Möglichkeiten ab?
Oft entscheidend. Seit wir unsere Unterwasserfahrzeuge haben, können wir Fragen ganz anders angehen. Ein Fokus unserer Arbeit ist beispielsweise, Oasen des Lebens am eher tristen Meeresgrund aufzuspüren und detailliert zu untersuchen. Das können wir nur, weil wir Tauchroboter besitzen, deren Fähigkeiten auf solche kleinteiligen Aspekte zugeschnitten sind.
Sie und Ihre Mitarbeiter arbeiten in einem menschenfeindlichen Milieu und brauchen intelligente ferngesteuerte Geräte, um Erkenntnisse zu gewinnen. Vieles erinnert mich an die Weltraumforschung. Profitieren Sie denn von ihr?
2010 haben wir das Institut Martech-Bremen gegründet. Das ist ein Zusammenschluss eines satellitenorientierten Instituts des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, des Deutschen Forschungsinstituts für Künstliche Intelligenz, das Roboter baut, und von uns. Wichtigstes Ziel dieses Zusammenschlusses ist die Weiterentwicklung von Unterwasserfahrzeugen unter Schaffung von Synergien.
Beispielsweise …?
Fahrzeuge, die nicht nur nach einem festgelegten Programm am Meeresboden entlangfahren, sondern die die eingesammelten Daten selbstständig analysieren und dadurch „wissen”, wie man ein Hindernis umfahren kann.
Um das Meer zu erforschen, braucht man Forschungsschiffe – zum Beispiel die „Meteor” oder die „Sonne”. Diese Schiffe sind in Bau und Unterhalt zu teuer, um über ein einziges Institut finanziert zu werden. Das heißt: Ein Institut teilt sich die Schiffsinfrastruktur mit anderen. Was muss man tun, damit eine Forschungspassage genehmigt wird?
Man schreibt einen etwa 20-seitigen Antrag, in dem darzulegen ist, dass es sich um eine interessante wissenschaftliche Fragestellung dreht, die vom Antragsteller auch umfassend beantwortet werden kann. Ein solcher Antrag zielt auf Forschungsfahrten, die in zwei bis drei Jahren realisiert werden. Über die Genehmigung entscheidet ein Gutachtergremium.
Bei der diesjährigen Marum-Expedition ins Schwarze Meer gab es Schwierigkeiten mit dem Meeresboden-Bohrgerät, MeBo, das im Meeresboden einsank, worauf die Kühlung versagte. Zudem wurde eine erdölführende Schicht angeritzt. Ist damit das geplante Forschungsvorhaben im Schwarzen Meer am Ende?
Natürlich ist ein solcher Rückschlag zunächst einmal frustrierend. Doch wir lassen uns nicht entmutigen. Das Gerät selbst ist ja nicht kaputt. Nach unserer Fehleranalyse werden wir den Nachfolger MeBo II so konstruieren, dass die Hydraulikpumpen selbst dann noch im Wasser sind, wenn der untere Bereich des Geräts im Schlick eingesunken ist. Überdies war die Expedition ja kein Totalausfall, denn wir konnten Teilfragen mit anderen Geräten lösen. Gegenwärtig werten wir die Proben aus. Wenn die Ergebnisse vorliegen, werden wir einen neuen Expeditionsantrag stellen – das wird voraussichtlich in zwei Jahren sein. Im Übrigen laufen die meisten Expeditionen super, und wir gewinnen Ergebnisse oft rascher und umfangreicher als erwartet.
Welche Forschungsergebnisse aus der jüngeren Zeit haben Sie überrascht?
Die Oasen der Tiefsee und deren einzigartiger Lebensraum faszinieren mich. Dort tritt bis zu 400 Grad Celsius heißes Wasser aus dem Meeresboden aus. Und sie ernähren eine eigenständige Fauna. Bei jedem Tauchgang kommen Dinge zutage, die vorher noch keiner gesehen hat! Aus meinem eigenen Forschungsbereich kann ich die Wechselbeziehungen Ozean-Kontinent nennen. So konnten wir nachweisen, dass der Atlantische Ozean das Klima über Nordafrika bis zum heutigen Tag sehr stark beeinflusst.
Blicken wir auf Ihre jungen Kollegen: Was machen die anders, was können die besser, als es Ihre Forschergeneration in jungen Jahren vermochte?
Sie sind weniger schüchtern, als wir das damals waren. Und sie sind besser ausgebildet: Durch die strukturierte Doktorandenausbildung werden sie heute mehr gefördert, aber auch mehr gefordert. Wir setzen uns alle sechs Monate zusammen und besprechen den Fortgang der Arbeiten detailgenau. Früher war man oft auf sich allein gestellt. Darüber hinaus bieten wir heute Crashkurse für spezielle Arbeitstechniken an, in denen man in zwei Tagen das erlernt, wofür man früher drei Wochen brauchte.
Coachen Sie selbst junge Forscher?
Ja, aber mehr als Generalist, weil ich in den einzelnen Projekten einfach nicht so tief drinstecke. Ich sitze nicht mehr am Mikroskop oder schaue mir alle Daten genau an. Doch ich habe einen Überblick und weiß, was wichtig wird. Und ich glaube, motivierend wirken zu können. Ich versuche, nicht als großer Chef aufzutreten und möchte stets Doktoranden und anderen Mitarbeitern das Gefühl vermitteln, mit anderen Forschungsgruppenleitern und mir jederzeit sprechen zu können. Auch Anerkennung der Arbeit ist sehr wichtig.
Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg, sagte jüngst in einem Interview: „Wer promoviert und nachts gut schläft, arbeitet nicht richtig.” Ist das am Marum auch so?
Das fände ich schrecklich. Im Gegenteil: Wer gute Leistung bringen will, muss ausgeruht an die Arbeit gehen. Vielleicht schläft man kurz vor der Abgabe der Arbeit nicht ganz so gut, wenn man zum Schluss unter Zeitdruck geraten ist.
Können Sie ausschließen, dass am Marum jemand seine Doktorarbeit erschwindelt?
Das kann ich ausschließen.
Welchen Stellenwert hat das Marum unter den Forschern weltweit?
Bei der Paläoklimaforschung, bei der Erforschung der mittelozeanischen Rücken und in der tiefen Biosphäre – also in der geowissenschaftlich orientierten Meeresforschung – sind wir internatio-nal so hoch anerkannt, dass wir uns zu den führenden Instituten weltweit rechnen können.
Sie sind jetzt 67. Ihr Nachfolger als Direktor ist gefunden. Er heißt Michael Schulz und arbeitet bereits am Marum. Was wünschen Sie ihm und dem Institut für die Zukunft?
Wir brauchen eine noch stärkere Integration in die Universität. Bisher konnten wir unsere guten Forschungsergebnisse auf breiter Basis nur deshalb erzielen, weil es gelang, jedes Jahr über zehn Millionen Euro an sogenannten Drittmitteln einzuwerben. Würde ein größeres Projekt nicht bewilligt, ginge das rasch zu Lasten der Substanz des Instituts. Deshalb müssen wir das Marum noch stärker in der Universität Bremen verankern. Immerhin haben wir soeben einen großen Erfolg erzielt: Nahezu gleichrangig mit den zwölf Fachbereichen sind wir jetzt als Forschungszentrum fest in der Universität etabliert. Wissenschaftlich exzellent sind wir auf jeden Fall.
Sie haben mit der marinen Mikrobiologin Antje Boëtius und dem Geochemiker Uwe Kai Hinrichs schon zwei Leibniz-Preisträger am Institut, die den höchstdotierten deutschen Wissenschaftspreis von der Deutschen Forschungsgemeinschaft erhielten. Was bedeutet das für das Marum?
Ein solcher Preis bringt internationales Ansehen: Wer Spitzenforscher ist, achtet diesen Preis. Er ist mit 2,5 Millionen Euro dotiert, die dem Arbeitsumfeld des Ausgezeichneten zugutekommen. Doch das ist nicht alles, was wir an Auszeichnungen vorzuweisen haben. Andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben europäische Preise erhalten oder sind prämierte Nachwuchsforschungs-Gruppenleiter. Kurzum: Ich sehe das Marum als attraktiven Standort für Wissenschaftler – und das soll so bleiben. ■





