Text: Oliver Abraham
Bergwiesen und Wälder, das ist die Rhön. Es ist kühl und nieselig, der Wind geht beständig. Wolken wehen um die Felsen. Kein Zweifel: Die Gegend ist rau. Und sie ist ein Land der Quellen. Der Wasserreichtum kommt nicht von ungefähr. Hier am Naturschutzgebiet Kesselrain fallen 1100 Millimeter Niederschlag im Jahr, weit mehr als anderswo.
Wie viele Quellen hier im Dreiländereck von Hessen, Bayern und Thüringen sprudeln und sickern, weiß niemand so genau. Da wundert es nicht, wenn so wenig darüber bekannt ist, was dort lebt. Und inwiefern diese Nischen in Gefahr sind.
Stefan Zaenker will das ändern, er sucht nach diesen Grenzlebensräumen und erforscht sie. Denn weil so viele Quellen bis heute verborgen sind, ist es umso wichtiger, sie zu kennen. „Eines der Ziele des Biosphärenreservates Rhön ist die vollständige Kartierung aller Quellaustritte“, sagt Zaenker. „Darauf aufbauend können Maßnahmen zur Verbesserung und zum Erhalt stattfinden.“
So ein Ursprung des Wassers hat für Menschen seit jeher eine starke Symbolkraft. Quellen versinnbildlichen den Anfang, aus dem etwas Großes werden kann. Zudem ist Wasser Leben. „Und stehen Quellen nicht auch für Herkunft und Werden, sind sie nicht ein bedeutendes emotionales Element in den kulturellen Äußerungen des Menschen?“, fragt Zaenker. „Oft wurden Orte oder Kultstätten an Quellen errichtet, Namensendungen wie zum Beispiel -born oder -springe deuten darauf hin.“
Zaenker ist allerdings weniger der Kultur als der Natur auf der Spur. Er gehört zu einer kleinen Gruppe von Laienwissenschaftlern – eigentlich Hobby-Höhlenforschern –, die im Auftrag der Naturschutzbehörden und des Biosphärenreservates Rhön Quellen kartieren und inventarisieren. Ihnen ist zu verdanken, dass die Rhön heute wie kein anderes Gebiet in Deutschland hinsichtlich ihrer Quellen erforscht ist und damit eine wichtige Vorreiterrolle und Vorbildfunktion einnimmt. Man hat dort inzwischen einen ersten Überblick, was wo an Wasser austritt, was dort lebt und wächst, wie der Zustand ist. Dennoch sind auch hier längst nicht alle Quellen bekannt.
Von Quellen und vermeintlichen Quellen
Und so ist Stefan Zaenker immer wieder draußen. Er trägt wetterfeste Kleidung und in seinem Rucksack allerlei Gerät: Kescher, GPS-Gerät, Thermometer, Leitfähigkeits- und pH-Messer. Wenn er durch den Wald pirscht, kommt zum Rauschen des Windes in den Kronen und den Vogelstimmen immer wieder leises Plätschern. Ein Hinweis, dem der Quellenforscher nachgeht.
Die Arbeit dieser Laienforschergruppe ist so wertvoll, dass sie längst zur universitären Forschung herangezogen wird. Stefan Zaenker, eigentlich Finanzbeamter aus Fulda, arbeitet inzwischen die Hälfte seiner Dienstzeit für das Land Hessen in der Oberen Naturschutzbehörde.





