Gemeinsam sind sie stark: Durch raffiniert geregelte Kooperation bilden die vielen Individuen eines Ameisenvolkes eine erstaunlich leistungsfähige Einheit. Dabei werden immer wieder Parallelen zu den Konzepten menschlicher Gesellschaften deutlich. Dies gilt auch für die medizinische Versorgung: Studien haben bereits faszinierende Einblicke in das ausgeklügelte Gesundheitsmanagement von Ameisenstaaten geliefert. So war auch bereits bekannt, dass Ameisen Wunden bei verletzten Nestgenossen behandeln. Sie werden dazu gereinigt und bei manchen Arten auch mit antimikrobiellen Substanzen behandelt, um Infektionen zu verhindern.
Im Fokus der Forschenden um Erik Frank von der Universität Würzburg stand nun die Ameisenart Camponotus floridanus, die im Südosten der USA vorkommt. Das Team interessiert sich für diese sogenannten Florida-Holzameisen, da sie wie einige andere Spezies auch keine antibiotisch wirksame Sekrete in Drüsen bilden, um infizierte Wunden zu behandeln. So stellte sich die Frage, ob sie andere Strategien nutzen, um Verletzungen bei Nestgenossen zu behandeln, die vor allem bei den zwischenartlichen Kämpfen unter Ameisen häufig auftreten.
Bei verletztem Oberschenkel wird amputiert
Die Beobachtungen der Florida-Holzameisen zeigten zunächst, dass Wunden durch mechanische Pflege versorgt werden: Die Insekten reinigen sie dabei mithilfe ihrer Mundwerkzeuge. Doch dann beobachtete das Team auch eine weitere Behandlungsform, die bisher nur aus der menschlichen Notfallmedizin bekannt war: Die Florida-Holzameisen amputieren vorsorglich verletzte Gliedmaßen, um das Leben verwundeter Nestgenossen zu retten. Dabei wird das Bein am sogenannten Trochanter, der ein Element am Insektenkörper mit dem Oberschenkel verbindet, abgebissen.
Die „Patienten“ kommen mit der Behandlung und dem Verlust eines ihrer sechs Beine offenbar meist gut zurecht: Etwa 90 Prozent überleben und können weiterhin Aufgaben in der Gemeinschaft übernehmen. Wie sinnvoll die Amputation sein kann, dokumentierten die Forscher durch Versuche: Das Abtrennen eines verletzten Beins verhindert demnach, dass sich lebensgefährliche Wundinfektionen im Körper der Ameisen ausbreiten können. Ohne die Behandlung lag die Überlebensrate im Fall von infizierten Wunden dagegen bei weniger als 40 Prozent. “Es handelt sich um den ersten bekannten Fall einer ausgeklügelten und systematischen Amputation im Tierreich”, sagt Frank.
Die Forschenden konnten allerdings noch einen weiteren erstaunlichen Aspekt des Phänomens dokumentieren: Die Ameisen entscheiden demnach offenbar „klug“ darüber, wann sie eine Amputation durchführen und wann nicht. Wie sich zeigte, wird ein Bein immer abgebissen, wenn der Oberschenkel verletzt ist. Befinden sich eine Wunde dagegen am Unterschenkel, wird nur mechanisch gereinigt, auch wenn sie infiziert ist. Diese Therapie führt dann allerdings zu einer Überlebensrate von nur rund 75 Prozent. So stellte sich die Frage, warum die Ameisen nicht auch die Beine mit Unterschenkelverletzungen amputieren.





