Die Schwarze Gartenameise (Lasius niger) reagiert typischerweise aggressiv auf Artgenossen, die nicht zur eigenen Kolonie gehören. Trifft eine Sammlerin bei der Futtersuche auf eine Konkurrentin aus einem fremden Nest, beißen sich die beiden Insekten mit ihren Beißzangen, den Mandibeln, oder versprühen Säure, um die fremde Ameise zu vertreiben oder zu töten. Wie hart die Ameisen dabei vorgehen, hängt unter anderem davon ab, aus welchem Nest das Gegenüber stammt. Besonders aggressiv reagieren sie zum einen auf Individuen, deren Geruchssignatur sich stark von der eigenen unterscheidet – zum anderen aber auch auf Individuen aus eng benachbarten Nestern.
Zunehmende Aggression
Eine Erklärung für diesen „böser-Nachbar-Effekt“ liefern nun Experimente eines Forschungsteams um Mélanie Bey von der Universität Freiburg. Demnach merken sich Ameisen, mit wem sie schon einmal in Konflikt geraten sind und reagieren bei nachfolgenden Begegnungen aggressiver. Für ihre Studie setzten Bey und ihr Team einzelne Ameisen aus verschiedenen Nestern an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen jeweils für eine Minute zusammen und beobachteten die Interaktionen zwischen den Tieren.
„Wenn eine Ameise wiederholt mit einer Artgenossin aus einem anderen Nest konfrontiert wurde, nahm die Aggression von Tag zu Tag zu“, berichten die Forschenden. Begegnete eine Test-Ameise nach dieser mehrtägigen Trainingsphase erneut einer Ameise aus dem gleichen fremden Nest, verhielt sie sich aggressiver als wenn sie stattdessen einer Ameise aus einem anderen Nest begegnete, mit dessen Mitgliedern sie zuvor noch keine Erfahrungen gesammelt hatte. Offenbar lernten die Ameisen aus den wiederholten konfliktreichen Begegnungen, den Geruch der bekannten Konkurrentinnen negativ zu verknüpfen und mit gesteigerter Aggressivität zu reagieren.
Feindliche und neutrale Begegnungen
Doch was wäre, wenn die ersten Kontakte nicht feindlich verliefen? Um das zu testen, entfernten Bey und ihr Team einigen Ameisen die Antennen, bevor sie sie mit einer Test-Ameise aus einem anderen Nest zusammensetzten. In Ermangelung ihrer wichtigsten Sinnesorgane verhielten sich die so manipulierten Ameisen neutral. Die Test-Ameise konnte also lernen, dass sie von Angehörigen dieses fremden Nestes keine Angriffe zu befürchten hat.
Und tatsächlich: Wurde die Test-Ameise nach mehreren dieser neutralen Begegnungen mit anderen, nicht manipulierten Individuen aus dem gleichen fremden Nest zusammengesetzt, verhielt sie sich deutlich weniger aggressiv als gegenüber Individuen aus unbekannten fremden Nestern. „Das zeigt, dass die Aggression, die eine Ameise erfährt, die Bewertung der Erkennungsmerkmale verändert“, folgern die Forschenden. Laut Beys Kollegen Volker Nehring unterstreicht dieses Ergebnis, dass Ameisen individueller agieren als angenommen: „Wir haben häufig die Vorstellung, dass Insekten wie vorprogrammierte Maschinen funktionieren. Unsere Studie liefert einen neuen Hinweis darauf, dass im Gegenteil auch Ameisen aus ihren Erfahrungen lernen und nachtragend sein können.“





