Im Amazonasgebiet, einem der wichtigsten und artenreichsten Ökosysteme der Erde, leben über 400 indigene Gesellschaften, die tausende Pflanzen des Regenwaldes nutzen. Ihre Kenntnisse geben sie vorwiegend mündlich über Generationen hinweg weiter. „Anthropologen nennen das Amazonasgebiet daher auch ‚lebende Bibliothek‘ – wegen des umfangreichen Fachwissens der indigenen und lokalen Bevölkerungen“, erklären Rodrigo Cámara Leret on der Universität Zürich und seine Kollegen.
Die Pflanzen des Amazonas-Regenwalds prägen die kulturelle Identität der indigenen Gruppen. Indigene Gemeinschaften kauen beispielsweise Tabakblätter nicht nur als anregende Substanz, sondern verbrennen sie auch, bevor sie den Regenwald betreten, um Waldgeister zu besänftigen und gefährlichen Tieren Zeit zum Rückzug zu geben. „Solche Alltagsrituale zeugen vom Respekt vor der Natur und dem Wissen um die Abhängigkeit des Menschen vom Regenwald“, erklärt Lerets Kollege Jordi Bascompte.
Wie verändert der Klimawandel die Amazonas-Pflanzenwelt?
Doch der Amazonas-Regenwald und seine Bewohner sind akut durch Rodungen, Brände und den Klimawandel bedroht. Was passiert mit ihrem Wissen, wenn diese Gemeinschaften, Sprachen und Lebensgrundlagen verschwinden? Das haben nun Leret und Kollegen genauer untersucht. Dafür dokumentierten sie zunächst in einer Datenbank sämtliche Berichte zur Nutzung von Pflanzen in den Ländern Amazoniens. „Die Studie hat zum ersten Mal Informationen aus 700 Quellen aus einem Zeitraum von mehr als 500 Jahren zusammengestellt. Wir konnten feststellen, dass die Völker des Amazonasgebiets mindestens ein Drittel der bekannten Pflanzenarten der Region nutzen“, sagt Leret.
Insgesamt dokumentierte das Team 5796 genutzte Pflanzenarten, wovon viele bereits heute selten sind. Die Forschenden verknüpften diese Daten mit insgesamt 8429 Modellen zur Artenverbreitung und simulierten mithilfe von drei Klimaszenarien des Weltklimarats, wie sich die Lebensräume dieser Pflanzen zwischen 2060 und 2080 verändern könnten. Die Ergebnisse kombinierten sie mit Daten zum Rückgang indigener Sprachen, um abzuschätzen, wie stark auch das kulturelle Wissen über die Pflanzen bedroht ist.
Mit den Pflanzen verschwinden auch Sprache und Kultur
Die Analyse zeigt: Der Klimawandel könnte die Verbreitungsgebiete der von der lokalen Bevölkerung genutzten Pflanzenarten bis 2080 stärker verkleinern als jene nicht genutzter Arten. Indigene Kulturen könnten dadurch durchschnittlich 28 bis 34 Prozent der von ihnen verwendeten Pflanzenarten verlieren. Zugleich würden 18 bis 23 Prozent der damit verbundenen Ökosystemleistungen wegfallen.
Doch stirbt eine Pflanzenart aus, verschwinden auch ihr indigener Name, ihre Anwendungen und das Wissen um ihre Rolle im Ökosystem. Das biokulturelle Erbe des Amazonasgebiets könnte deswegen zwischen 2060 und 2080 um rund 26 Prozent schrumpfen. „Es stellte sich heraus, dass jene Pflanzen, welche die indigenen Gemeinschaften nutzen, stärker verschwinden könnten als bisher vermutet“, sagt Leret. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass der klimatische Kipppunkt für den Amazonas-Raum nicht nur Auswirkungen auf die biologische Vielfalt haben wird. Er wird auch bereits gefährdete Sprachen verstärkt unter Druck setzen, sodass das einzigartige kulturelle Erbe dieses Lebensraums kaskadenartig in Mitleidenschaft gezogen wird.“
Hilfe zur Rettung des indigenen Pflanzenwissens
Die Forschenden wollen durch ihre Ergebnisse und den öffentlich zugänglichen Datensatz das indigene Pflanzenwissen im Amazonasgebiet bewahren helfen und Renaturierungsprojekte unterstützen. „Wir wollen mit den neuen Erkenntnissen dazu beitragen, die negativen Auswirkungen des globalen Wandels auf Ökosysteme und kulturelle Traditionen zu stoppen oder den Trend gar umzukehren“, sagt Leret. Dafür sei es wichtig, das Wissen zur Flora gemeinsam mit den indigenen Gesellschaften weiter zu dokumentieren.
Weitere Feldforschung könnte den Datensatz noch erweitern, weil die indigenen Gemeinschaften viele Pflanzenarten kennen und nutzen, die der Wissenschaft bislang unbekannt sind. Durch die Zusammenarbeit mit dem Volk der Cacua konnten die Forschenden beispielsweise eine neue Palmenart beschreiben, die für dieses indigene Volk wichtiger Bestandteil der Ernährung ist.
Quelle: Universität Zürich; Fachartikel: Nature, doi: 10.1038/s41586-026-10741-y





