Auf der Emscher unterwegs: Am Fluss geht’s aufwärts - natur.de | natur
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Am Fluss geht’s aufwärts
Sie galt lange als dreckigster Fluss Deutschlands, doch ein milliardenschweres Renaturierungsprogramm hat der Natur und den Menschen die Emscher zurückgegeben. Eine Radtour durch den Wandel im Ruhrgebiet.
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Text: Oliver Abraham
Die Reise beginnt in Dortmund. Ausfallstraße, Brücken, viel Verkehr. Hier fließt die Emscher noch – unter fünf Brücken, die neben- und übereinanderstehen, mit streng gefasstem Ufer, ein Zulauf plätschert in die an dieser Stelle graue Emscher, die Pfeiler sind dicht mit Graffiti bemalt. Wenig später rauschen Pappeln und Weiden im Wind, ein Bussard pfeift im Himmel. An einem unterirdischen Stauraumsystem riecht es manchmal noch wie früher. Wie die alte Emscher, deren gewaltiger Strom aus Abwasser den Radfahrer begleiten wird. Verlegt zehn, 20 und mehr Meter tief in der Erde, fließt er in der Regel parallel zur neuen Emscher.
Schon immer haben Anwohner ihre Abwässer in die Emscher geleitet. Doch als Mitte des 19. Jahrhunderts die Bergbauindustrie entlang des Flusses zu boomen begann, sich Zechen, Kokereien, Stahl- und Chemieindustrie ansiedelten und Menschen anlockten, artete dies zu einer ökologischen Katastrophe aus. Verbrauchtes Wasser, Fäkalien und Abwässer der Industrie und des Bergbaus verschmutzten den Fluss, der von nun an „Köttelbeke“ hieß. Wegen des Bergbaus war es nicht möglich, das Abwasser unter die Erde zu verlegen. Bergsenkungen, also das Einsacken des Untergrundes durch den Abbau der Steinkohle, hätten die geschlossenen Abwasserkanäle immer wieder zerstört. Also floss über die Emscher und ihre zuführenden Bäche alles offen ab. Nach Überschwemmungen, durch die sich Seuchen verbreiteten, wurde sie begradigt und kanalisiert. Durch ihre V-förmigen Betonprofile strömte rasend das Wasser. Die Emscher war biologisch tot, stank gerade in warmen Sommern mit wenig Niederschlag zum Himmel, in der grauen Brühe schwammen Fäkalien, nach Hochwasser hing Monatshygiene im Gebüsch.
Neues Leben für den Fluss
Heute ist der Fluss abwasserfrei, streckenweise erfolgreich renaturiert. Ein etwa 100 Kilometer langer Fahrradweg führt den Fluss entlang – von der Quelle in Holzwickede über Dortmund, Castrop-Rauxel, Recklinghausen, Herten, Herne, Gelsenkirchen, Essen, Bottrop und Oberhausen bis nach Voerde bei Dinslaken, wo die einstige Kloake in den Rhein mündet. Wer an der Emscher entlang radelt, erlebt eine Reise der Gegensätze: hier aufgegebene Industrie, die einst Herzkammer und Motor von Wohlstand und Wiederaufbau Westdeutschlands war, dort dickes Grün. Der Weg führt entlang menschengemachter Natur und stillgelegter Zechen, vorbei an Autobahnen und durch Alleen aus alten Bäumen. Es ist eine Reise durch das neue und das alte Ruhrgebiet. Möglich dank eines milliardenschwere Renaturierungsprojekts.
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Hinter breiten Straßen, nach Unterqueren mächtiger Rohre von Versorgungsleitungen und Eisenbahnen, vorbei an einem Altautorecyclinghof im Dortmunder Norden, radelt man durch einen Tunnel frischen Grüns, aus Ahorn, Birke, Hasel und Kiefer. Das Wasser der Emscher ist jetzt klar und strömend, flutendes Grün darin und Enten darauf. Es riecht nach frisch gemähtem Heu.
An der Grenze zwischen Dortmund und Castrop-Rauxel führt der Weg an einem Rückhaltebecken entlang. Im Ernstfall kann es 1,1 Millionen Kubikmeter Wasser halten – und soll so die flussabwärts gelegenen Städte Herne, Gelsenkirchen, Essen, Oberhausen und Dinslaken vor Hochwasser schützen. Schon während der Bauzeit von 2011 bis 2018 haben Vögel das Rückhaltebecken für sich entdeckt. Flussregenpfeifer, Kampfläufer, Haubentaucher, verschiedene Gänsearten, Reiher, Enten und Möwen leben hier. Seit 2014 brüten außerdem durchschnittlich etwa zehn Kiebitzpaare am Rückhaltebecken Emscher-Auen. Willem Prietzel geht mit seinem Hund in dem Naherholungsgebiet spazieren. „Köttelbeke haben wir die Emscher früher genannt“, erinnert er sich. Nach den Fäkalien, die einst offen in der Emscher trieben. „Das hat hier damals schon extrem gestunken. Auch für manche Anwohner, wenn der Wind schlecht stand“, sagt der Mann, der einst auf Zeche Auguste Viktoria gearbeitet hat. „Manchmal riecht man die Emscher immer noch. Aber nicht mehr so extrem, man muss schon sehr gut wissen, wo man seine Nase hinhält. Achten Sie auf ihrer Radtour mal darauf.“
Milliardenschweres Renaturierungsprojekt
Vor der Überquerung des Rhein-Herne-Kanals, in der Nähe des Schiffshebewerks Henrichenburg, führt ein Umweg von der Emscher weg, Baustellen und Umwege gehören auf diesem Radweg dazu. Die Emschergenossenschaft baut an dieser Stelle die Brücke „Sprung über die Emscher“, die bald in schwungvollem Bogen über den Fluss führen soll, der selbst den Kanal unterquert. Nachdem der Bergbau im Ruhrgebiet eingestellt wurde, ließen auch die Bergsenkungen nach. In den 1990er Jahren wurde es deshalb möglich, über einen Umbau des gesamten Emscher-Systems nachzudenken. Im November 1991 beschloss die Versammlung der Emschergenossenschaft den Umbau des Flusses – und damit ein beispielloses Projekt, das zeitweise zu den größten wasserbaulichen Maßnahmen der Welt gehörte. Schon im Februar 1992 begannen die ersten Großmaßnahmen. Ende der 1990er Jahre wurde der erste Radweg freigegeben. 2021 mit Inbetriebnahme des Pumpwerks Oberhausen die letzte Großmaßnahme abgeschlossen. Für mehr als fünf Milliarden Euro wurden unter anderem über 430 Kilometer Abwasserleitungen unterirdisch verlegt, vier neue Großkläranlagen gebaut, drei Schmutzwasserpumpen, die das Abwasser des Hauptkanals aus bis zu 40 Metern Tiefe nahe an die Oberfläche holen. Am 1. Januar 2022 wurde die Emscher offiziell für abwasserfrei erklärt, wenngleich es noch immer ein paar Hundert Meter Bachstrecken gibt, in denen ungeklärtes Abwasser offen fließt. Etwa in Essen-Altenessen oder Berne. Die Brücke „Sprung über die Emscher“ ist eines der letzten Projekte des Emscher-Umbaus. Im Sommer 2024 soll sie fertig sein. Dann führt sie Spaziergängerinnen und Radfahrer in den Natur- und Wassererlebnispark Castrop-Rauxel.
Dort, wo der Suderwicher Bach in die Emscher mündet, hat die Emschergenossenschaft mit den Städten Castrop-Rauxel, Herne, Herten, Recklinghausen und dem Regionalverband Ruhr eine Auenlandschaft angelegt, ein Imkerhaus und eine Streuobstwiese, einen Aussichtsturm, Themengärten und Staudenbeete. An den kleinen Bach kann man ran, an die Emscher nicht. Wie fast immer und überall fließt sie hinter Zaun und Stacheldraht. Schwäne darauf, Fische darin. Der Park ist ein schöner Platz zum Flanieren und Pausieren. Es riecht nach Rose, Rosmarin und Lavendel. Nach Thymian und Minze. Die grüne Landschaft bildet einen krassen Kontrast zu den Industrieanlagen, zu Kühltürmen, Schornsteinen und Stromtrassen, die die Weiterfahrt am Fluss begleiten, zu den Verkehrswegen, die sie oft einzwängen.
Der Natur und den Menschen die Natur zurückgeben
„Es zieht die Menschen wieder an die Emscher“, sagt Ilias Abawi, Pressesprecher des Wasserwirtschaftsverbandes EGLV, und fährt fort: „das ist keine No-go-Area mehr, die sie einst samt ihrer zuführenden Bäche mal war, das ist inzwischen ein Naherholungsgebiet. Wir geben den Menschen und der Emscher ihre Natur zurück. Ihre Freiheit.“ Die Emscher selbst wolle man bis auf Weiteres allerdings eingezäunt lassen, der Sicherheit wegen und auch deshalb, damit sich die Natur zunächst in Ruhe selbst entwickeln kann. „Seitdem sie hauptsächlich Quell-, Grund- und Niederschlagswasser führt, wäscht sie sich selbst aus, sie wird von allein immer sauberer“, erklärt Abawi.
Schnurgerade sticht die Emscher, und mit ihr der Radweg, Richtung Herne und Recklinghausen, Bäume rauschen im Wind, ein Pferdehof zur Rechten, Ackerland zu beiden Seiten. Dies sind die Orte, an denen man vergisst, in einem der größten Ballungsräume Europas unterwegs zu sein. Die Emscher fließt schnell und strömend, und nach der Aue wieder streng kanalisiert. Ganz und gar und überall wird man der Emscher niemals die Natur zurückgeben können.
Hinter Herne ist der Radweg zwischen Fluss und Kanal eingezwängt, führt zwischen Schnellstraße und Industriegebiet. In der Luft liegt ein chemischer Geruch. Wieder rumpeln Waggons über Gleise, Lkws donnern vorbei, die Emscher ist dunkel und trüb. Die Sonne bricht durch nebligen Dunst, das riesige „Heizkraftwerk Herne“ dominiert die Kulisse. Der Schornstein des Steinkohlekraftwerks ragt in den Himmel. Der Radweg führt durch eine Straße im Gewerbegebiet – „Im Emscherbruch“. Vorbei an einer Müllverbrennungsanlage, die süßlich, faulig, metallisch riecht; an einem Schrottplatz entlang, auf dem die Arbeit poltert und kreischt; vorbei an einem summenden Umspannwerk.
Johannes Tautz ist auf dem Rückweg nach Oberhausen. „Ich radle oft an der Emscher entlang, habe sie schon mehrfach von der Quelle bis zur Mündung befahren – das ist ein schöner Radweg jetzt, zum Beispiel von Oberhausen bis zur Mündung“, sagt er und lädt ein, ihn ein Stück zu begleiten. Es geht entlang des Rhein-Herne-Kanals, auf dem schwer beladene Binnenschiffe unterwegs sind, über historische Rundbogenbrücken aus genietetem Stahl. Und bald auf eine der wohl eindrücklichsten Teilstrecken: rechts die kanalisierte Emscher, dahinter Industrie, links die dröhnende A 42, auch „Emscherschnellweg“ genannt. Es ist laut, man spürt den Verkehr, auch unter der gewaltigen Autobahnbrücke, wo der Radweg verläuft, und fühlt sich vor den monumentalen Wänden und Pfeilern aus Beton völlig verloren. Johannes Tautz verabschiedet sich an dieser Stelle, wo die Emscher alles quer kreuzt, mit dem Hinweis auf den unmittelbar nah gelegenen BernePark, hier in Bottrop-Ebel:
Früher stand hier – an der Mündung der Berne in die Emscher – ein kleines Klärwerk. Längst ist dieses einer Parkanlage gewichen. Eines der ehemaligen Klärbecken ist mit Blumen bepflanzt, das andere weiterhin mit Wasser befüllt und über Brücken begehbar. Kinder können auf einem Spielplatz spielen, Radler auf Tour sich für die nächste Teilstrecke ausruhen. Für Tagesausflügler gibt es im Café Kaffee und Kuchen oder Currywurst mit Pommes. Wer über Nacht bleiben will, kann in Unterkünften aus Kanalrohren ähnlich denen, die hier unterirdisch verlegt sind – 2,4 Meter Durchmesser, drei Meter Länge – übernachten. Der BernePark steht für den Wandel an der Emscher – vom einstigen Un-Ort zum Erholungsgebiet mit Industriekultur.
Letzte Umbauten
Hinter Oberhausen geht es in den Endspurt, Richtung Dinslaken an den Rhein. Die Gegend entlang des Weges ändert sich zunächst unmerklich, dann umso deutlicher. Die Landschaft wird offener, das Dichte und Drängende weicht. Auf den letzten Kilometern begleiten alte Pappeln und Kastanien die Emscher, Blätter rauschen im Wind. Weit, offen, niederrheinisch.
Endspurt auch beim Umbau. Ilias Abawi, der EGLV-Pressesprecher, steht auf der letzten Brücke über die Emscher, kurz vor der Mündung des Flusses in den Rhein. Er blickt auf eine sich noch im Umbau befindende Mondlandschaft, auf ein riesiges, stillgelegtes Kraftwerk dahinter.
Hier flossen auch in den vergangenen Jahrzehnten nie Fäkalien, ein paar Kilometer flussaufwärts liegt die Kläranlage Emscher-Mündung, eine der größten Europas, die die Emscher zur Reinigung einst komplett durchfloss. „Wir haben die Mündung hier bereits einen halben Kilometer nach Norden verlegt. Damit weiten wir den gesamten Bereich auf und schaffen ein kleines Delta, in dem sich die Emscher auf bis zu drei Flussarme verteilt“, sagt Abawi gegen den Lärm von Baggern und Lkws.
Natur aus Menschenhand. An der Emscher wird noch immer ganz groß gedacht und richtig rangeklotzt. Ilias Abawi: „Das ist hier ein ökologischer Schwerpunkt – wir legen Inseln an, Teiche, Flachwasserbereiche, schaffen Lebensraum für Fische und Vögel.“ Ein Schwarm Gänse fliegt ein. Kirschbäume und Akazien stehen um das Ausflugsziel Emscher Hof, Hecken schützen vor dem Wind, es ist ein angenehmer Ort zur Einkehr. Es ist geschafft. Auch die Emscher hat ihre Arbeit getan. Geografisch wie geschichtlich. //
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