Ohne es zu wissen, haben wir wahrscheinlich alle schon einmal Klebsormidium-Algen gesehen. Denn überall dort, wo ein unscheinbarer grüner Flaum auf kargem Boden oder sogar feuchten Steinen wächst, steckt möglicherweise diese mehrzellige Grünalge dahinter. Ihre feinen grünen Fäden sind zehnmal dünner als ein menschliches Haar und daher erst in der Masse überhaupt sichtbar. Wegen ihrer großen Bedeutung für irdische Ökosysteme, aber auch für die Wissenschaft, hat nun die Deutsche Botanische Gesellschaft Klebsormidium zur Alge des Jahres 2018 gekürt.
Pioniere der Pflanzenwelt
Klebsormidium-Algen sind echte Pioniere. Oft sind sie die ersten, die extreme Standorte besiedeln, beispielsweise den frisch freigelegten Boden eines abgetauten Gletschers. Die unscheinbaren Algen gedeihen selbst dort, wo keine andere Pflanze überleben könnte. Sie wachsen auf Sand, Gestein und Dünen, aber auch auf erkalteter Lava, auf Erdrutschen oder kargen Berghängen. Sogar in trockenen, heißen Wüsten oder in der Antarktis kann diese Alge überleben.
Gerade in diesen Lebensräumen ist Klebsormidium ein wesentlicher Teil der Bodenkrusten, den wahrscheinlich ältesten Landlebensformen auf unserem Planeten. Sie gelten als die Umgebung, die den Landgang der Pflanzen vor rund 450 Millionen Jahren erst ermöglichten. Noch heute machen die für die Trockengebiete der Erde typischen Bodenkrusten immerhin 25 Prozent der Landfläche aus – und spielen daher für den Kohlendioxid-Haushalt der Erde eine große Rolle: Rund acht Prozent des weltweit von der Vegetation aufgenommenen CO2 entfällt auf die Bodenkrusten.
Scheintot fürs Überleben
Dass dieser Pionier unter den Pflanzen selbst extreme Lebensräume nicht scheuen muss, verdankt sie einige genialen Anpassungen. Eine davon: Wenn ihnen das lebensspendende Wasser fehlt, können Klebsormidium-Algen mehrere Monate lang in den Scheintod verfallen. Sie verharren dann in einem Zustand zwischen Leben und Tod und zeigen keinerlei Lebensreaktionen mehr.
Doch die Algen sind nicht tot, sondern erwachen innerhalb weniger Minuten wieder zum Leben, sobald die Umgebung feucht wird. “Die Photosynthese-Maschinerie für die Energiegewinnung ist beispielsweise innerhalb von nur wenigen Minuten wiederhergestellt”, berichtet der Ökophysiologe Ulf Karsten von der Universität Rostock.

Klebsormidium ist oft die erste Alge, die den Boden zurückweichender Gletscher besiedelt, wie hier in im Rotmoostal im österreichischen Tirol. (Andreas Holzinger/ Universität Innsbruck)





