Im Laufe der Erdgeschichte hat die Natur immer wieder große Massenaussterben durchlebt – ausgelöst von Asteroideneinschlägen wie am Ende der Kreidezeit, Vulkanausbrüchen oder auch Klimaveränderungen. Doch als der Mensch die Bühne der Evolution betrat, kam er in eine Welt, die so artenreich war wie niemals zuvor. “Zwar leben heute nur rund zwei Prozent aller Spezies, die es jemals auf der Erde gab, aber die absolute Zahl der Arten ist heute größer als je zuvor”, erklären Gerardo Ceballos von der Autonomen Nationaluniversität Mexiko und seine Kollegen. Das allerdings ändert sich gerade rapide, weil der Mensch immer stärker in die Lebensräume und Lebensgrundlagen seiner tierischen und pflanzlichen Zeitgenossen eingreift. “Die Aussterberate ist heute hundert- bis tausendmal höher als die Hintergrundrate des Artensterbens in den letzten mehr als zehn Millionen Jahren”, sagen die Forscher. “Jedes Mal, wenn eine Art oder Population verschwindet, erodiert dies in einem gewissen Maße auch die Fähigkeit der Erde, Ökosystemfunktionen aufrechtzuerhalten, denn jede Art ist einzigartig.”
515 Landwirbeltierarten stehen am Rand der Ausrottung
Um herauszufinden, wie schnell das Tempo des Artensterbens heute fortschreitet, haben Ceballos und sein Team am Beispiel der Landwirbeltiere untersucht, wie viele Spezies seit 1900 ausgestorben sind und wie viele am Rand des Aussterbens stehen. Als solches definierten sie Arten, von denen es weltweit nur noch weniger als 1000 Vertreter gibt. Dies entspricht der Individuenzahl, ab der die International Union for Conservation of Nature (IUCN) eine Art in ihrer Roten Liste als “vom Aussterben bedroht” einstuft. “Wenn die Zahl der Individuen in einer Population oder Art zu weit absinkt, kann sie zu klein werden, um sich noch zu erhalten und zu reproduzieren”, erklären die Forscher. Denn in einer so kleinen Population ist die genetische Vielfalt und auch die Widerstandsfähigkeit gegenüber Störungen stark verringert.
Die Auswertung von rund 29.700 Tierarten ergab, dass im Laufe des 20. Jahrhunderts schon 543 Landwirbeltierarten ausgestorben sind. “Im normalen Verlauf der Evolution hätte es bis zu 10.000 Jahre gedauert, bis so viele Spezies aussterben”, sagen Ceballos und seine Kollegen. Für den Anteil der akut bedrohten Tierarten ermittelten die Forscher eine ähnlich hohe Zahl: “515 Spezies haben nur noch weniger als 1000 verbleibende Individuen – das entspricht 1,7 Prozent der Landwirbeltierarten”, berichten die Forscher. Bei mehr als der Hälfte dieser 515 Arten sei die Zahl der Tiere sogar schon auf unter 250 Exemplare abgesunken. Weitere 388 Landwirbeltierarten haben nur noch weniger als 5000 Exemplare.
Den größten Anteil an den akut bedrohten Spezies haben die Vögel, gefolgt von Amphibien, Säugetieren und Reptilien. Die geografische Verteilung dieser Tierarten am Rand der Ausrottung unterschiedet sich dabei leicht: Zwar findet sich die Mehrheit von ihnen in den tropischen und subtropischen Regionen der Erde. Bei den Vögeln konzentriert sich die Mehrheit aber in Südamerika und Ozeanien, während bei den Säugetieren besonders viele Arten in Asien und Ozeanien bedroht sind, wie die Forscher berichten. Nur ein Prozent dieser 515 Spezies leben in Europa.





