Durch den Klimawandel steigen auch die Meeresspiegel. Denn die thermische Ausdehnung des Meerwassers und der Einstrom von Schmelzwasser von den tauenden Eismassen der Polargebiete treiben die Pegel nach oben. Dies führt zu immer häufigeren Überschwemmungen, aber auch zu schleichendem Landverlust auf vielen Inseln und in Küstengebieten. In vielen Gebieten erhöht eine Bodenabsenkung die Gefahr zusätzlich. Verschärfend kommt hinzu, dass sich der Meeresspiegel-Anstieg beschleunigt: 2006 bis 2015 waren es im globalen Durchschnitt noch rund 3,6 Millimeter pro Jahr, 2019 wurden jedoch bereits Werte von 6,1 Millimetern erreicht. Zurzeit liegt der Anstieg bei im Schnitt rund vier Millimetern pro Jahr. Was nicht viel klingt, summiert sich: Dem jüngsten Weltklimabericht (AR6) zufolge könnte der globale Meeresspiegel bis 2100 um 28 bis 101 Zentimeter höher liegen als noch im Mittel von 1995 bis 2014. Je nach Region können die Pegel jedoch deutlich höhere Werte erreichen, denn auch Meeresströmungen, Wassertemperaturen und Winde beeinflussen den lokalen Meeresspiegel.
Das Geoid als Bezug reicht nicht
Für die Küstenregionen und Inseln weltweit ist es daher essenziell, möglichst genau zu wissen, wo der Meeresspiegel aktuell liegt und welche Folgen ein Anstieg haben könnte. Doch genau in diesen Punkten könnten viele der bisherigen Studien fehlerhaft sein, wie nun Katharina Seeger und Philip Minderhoud von der Universität Wageningen in den Niederlanden herausgefunden haben. „Unsere Berechnungen zeigen, dass der gemessene Meeresspiegel in vielen Küstenregionen der Erde höher ist als in den meisten Studien angenommen“, berichtet Seeger. Für ihre Untersuchung haben sie die Methodik und Ergebnisse von 385 aktuellen Veröffentlichungen zu Meeresspiegeln, Küstenschutz und Risiken für die Küstengebiete ausgewertet. Dabei stießen sie auf einen entscheidenden „blinden Fleck“ in der Methodik. Dieser entsteht zum einen, wenn Satellitendaten nicht mit lokalen Gegebenheiten und Pegelmessungen abgeglichen werden.
(Video: Wageningen University & Research)
Kern des Problems ist die Nutzung des sogenannten Geoids als Referenz. Dieses Modell zeigt das durch die Erdanziehungskraft und die Erdrotation geprägte Schwerefeld der Erde. Das irdische Geoid ähnelt eher einer zerbeulten Kartoffel als einer Kugel. Weil das Wasser der Weltmeere der Erdschwerkraft folgt, lassen sich aus dem Geoid auch die Form und ungefähre Höhe der Meeresoberflächen ableiten. Allerdings gibt es dabei einen Haken: „In Wirklichkeit wird der Meeresspiegel von zusätzlichen Faktoren wie Wind, Meeresströmungen sowie Temperatur und Salzgehalt des Meerwassers beeinflusst“, erklärt Minderhoud. Werden diese Daten nicht mit einbezogen und die Modelle durch lokale Pegelmessungen kalibriert, kommt es zu Fehleinschätzungen. Die zweite Fehlerquelle ist die Verwendung unterschiedlicher Bezugssysteme für Meeresspiegelhöhe und die Höhe der Küste. „Die Höhen von Land und Meer werden von verschiedenen Satelliten gemessen und beziehen sich oft nicht auf dasselbe Geoid“, erklärt Seeger. Will man die Meereshöhe im Verhältnis zur jeweiligen Küste korrekt ermitteln, müssen diese unterschiedlichen Referenzen entsprechend berücksichtigt und rechnerisch angepasst werden.
Bis zu einem Meter höher als gedacht
Die Auswertungen von Seeger und Minderhoud ergaben jedoch, dass mehr als 90 Prozent der von ihnen untersuchten Studien diese beiden Faktoren nicht oder nicht ausreichend berücksichtigten. Weitere neun Prozent der Studien kombinierten zwar Landhöhendaten und Pegelmessungen, wiesen aber Mängel im rechnerischen Abgleich dieser Daten auf. Als Folge ermitteln die meisten Studien einen falschen Wert für den aktuellen Meeresspiegel: „Unsere Berechnungen zeigen, dass die gemessenen Meeresspiegel an vielen Küsten höher sind als in den Studien ermittelt“, berichtet Seeger. Im Schnitt haben die bisherigen Risikoanalysen den Meeresspiegel demnach um 20 bis 30 Zentimeter unterschätzt. In einigen Regionen Südostasiens wie dem Mekongdelta liegen die Pegel sogar einen Meter höher als bislang ermittelt. „Andere Gebiete mit großen Diskrepanzen liegen in Lateinamerika, an der Westküste Nordamerikas, in der Karibik, in Afrika, dem Indo-Pazifik und dem Mittleren Osten“, so das Team. Die geringsten Abweichungen von den realen Pegeln gibt es dagegen an den meisten europäischen Küsten. Auch für die deutschen Küsten stimmen die bisherigen Daten, denn hier beruhen die Werte auf einem dichten Pegelmessnetz und einem bereits auf den Meeresspiegel bezogenen Höhenmodell.
Problematisch sind die unterschätzten Meeresspiegel vor allem dann, wenn es um das Risiko für Überflutungen und Landverlust geht. Denn die Prognosen für das vom Klimawandel verursachte Ansteigen der Pegel – beispielsweise im Weltklimabericht – sind relative Werte: Sie geben an, wie stark sich die Meeresspiegel im Vergleich zum heutigen Zustand verändern werden. Wenn aber die aktuellen Pegel zu niedrig eingeschätzt werden, wird auch die künftige Gefahr für die Küstenbewohner unterschätzt. „Einfach ausgedrückt: Wenn der Meeresspiegel an der Küste meiner Insel oder Hafenstadt höher ist als bislang angenommen, dann werden sich die Folgen des Meeresspiegelanstiegs schneller zeigen als prognostiziert“, erklärt Minderhoud. Auch die Zahl der von Überschwemmungen und Landverlust betroffenen Menschen liegt dann höher als erwartet. „Unsere korrigierten Berechnungen zeigen, dass bei einem Meter Anstieg gegenüber den jetzigen Pegeln rund 37 Prozent mehr Landflächen unter den Meeresspiegel fallen und 68 Prozent mehr Menschen betroffen sind“, so der Forscher weiter.
Konkret bedeutet dies: Schon jetzt leben zwischen 55 und 101 Millionen Menschen in Gebieten unterhalb des Meeresspiegels – bisher ging man von nur 10 bis 15 Millionen Betroffenen aus. Bei einem Meter Meeresspiegelanstieg könnten bis zu 132 Millionen Menschen betroffen sei, wie die Forschenden ermittelt haben. „Unsere Erkenntnisse machen es notwendig, die zugrundeliegende Methodik aller bestehenden Studien zu Küstengefahren neu zu bewerten und in den meisten Fällen zu aktualisieren“, sagt Minderhoud. Der nicht an der Studie beteiligte Forscher Gabriel David von der TU Braunschweig kommentiert: „Dass dies jetzt aufgedeckt wird, ist sehr positiv und zeigt, dass Wissenschaft genau so funktionieren sollte: Jede Studie macht uns etwas schlauer – sehr gute Studien sogar etwas mehr –, neue Daten und Technologien ermöglichen neue Perspektiven, mit denen wir bisherige Annahmen überprüfen und auch korrigieren können.“
Quelle: Katharina Seeger und Philip Minderhoud (Wageningen University & Research, Niederlande), Nature, doi: 10.1038/s41586-026-10196-1





