Anomalien im orbital-frontalen Cortex (ein Bereich des Gehirns direkt über den Augen) können für Wutanfalle und unverhältnismäßige Gewaltausbrüche bei betroffenen Personen verantwortlich sein- wir berichteten. Dr Faraneh Vargha-Khadem vom University College in London erläuterte auf der Konferenz der Society for Neuroscience in New Orleans nun, dass aggressives Verhalten auch durch äußere Einflüsse, beispielsweise Kopfverletzungen, ausgelöst werden kann.
Bislang war man davon ausgegangen, dass diese physiologisch bedingten Persönlichkeitsstörungen bereits in der frühen Kindheit angelegt werden. Der Fall von zwei britischen Teenagern, die durch Schlägereien, Drogenmissbrauch und wiederholte Verhaftungen auf sich aufmerksam gemacht hatten, führte Varga-Khadem auf eine andere Spur. Beide Jungen hatten in ihrer Kindheit schwere Kopfverletzungen erlitten, die zu einer Schädigung im orbital-frontalen Cortex führten. Im Normalfall übernimmt bei einseitigen Verletzungen der Großhirnrinde die jeweils gesunde Hirnhälfte (Hemisphäre) die Funktionen der verletzten Hirnhälfte.
Bei den beiden Jungen stellte der Forscher allerdings eine Veränderung der betreffenden Hirnregion in beiden Hemisphären fest. Der Wissenschaftler sieht darin einen Hinweis darauf, dass Fehlfunktionen im präfrontalen Cortex auch verletzungsbedingt sein können. Er erläuterte, dass der betroffene Teil der Großhirnrinde, der eine wichtige Rolle im Urteilsvermögen und bei der Selbstbeherrschung zukommt, im Teenageralter aktiver als in der Kindheit sei. In den beiden beobachteten Fällen war die Schädigung so groß, dass mit dem Erreichen eines bestimmten Alters keine ausreichende Kontrolle des sozialen Verhaltens mehr möglich war.
Varga-Kahdem geht davon aus, dass die erlittenen Verletzungen in den beiden Jungen wie Zeitbomben tickten und beim Einsetzen der Pubertät die Auswirkungen sichtbar wurden. Dieses Untersuchungsergebnis führt den Forscher zu der Frage, inwieweit die Beobachtung von hirngeschädigten Kindern unter Berücksichtigung der Funktionen des orbital-frontalen Cortex hilfreich sein kann, um kriminellem Tun oder anderen Persönlichkeitsstörungen entgegenzuwirken. (US News)
Marion Herzog





