Nur der Mensch, so dachte man früher, erfülle all diese Voraussetzungen. Doch inzwischen ist klar, dass Schimpansen, Orang-Utans, Bonobos, ja sogar die mit den Raben verwandten Buschhäher in Gefangenschaft planerisches Talent an den Tag legen. Ein Schimpanse im Zoo etwa sammelte früh morgens bereits Steine und Betonbrocken, um später die eintrudelnden Besucher damit zu bewerfen. Eine zentrale Frage blieb jedoch ungeklärt: Sind die Leistungen der Tiere lediglich ein Nebeneffekt ihrer kognitiven Entwicklung? Oder profitierten sie in freier Wildbahn von ihrem vorausschauenden Denken?
Forscher der Universität Zürich legen nun erstmals Belege dafür vor, dass zumindest das Planungstalent der Orang-Utans in freier Wildbahn zum Einsatz kommt. Das Team um Carel van Schaik wertete Daten zu den täglichen Reiserouten der Menschenaffen aus, die zwischen 1994 und 1999 im Nationalpark Gunung Leuser in Sumatra gesammelt wurden. Orang-Utans sind – außer zur Paarungszeit – Einzelgänger; die Weibchen halten sich jedoch gern in Rufweite des Alphamännchens auf, um nicht von aufdringlichen Rivalen belästigt zu werden. Die beobachteten Affen legten im Schnitt einen Kilometer pro Tag zurück.
Die Artgenossen richten sich nach dem Reiseplan
Die Forscher interessierten sich vor allem für die sogenannten Long Calls der ausgewachsenen Männchen. Das sind laute Rufe, die bis zu einen Kilometer weit zu hören sind – zumindest in der Richtung, in die sie abgegeben wurden. Die Hypothese der Wissenschaftler: Die Männchen entscheiden sich im Voraus für die Reiseroute, die sie tagsüber einschlagen werden, und teilen ihren Artgenossen durch einen Ruf die anvisierte Richtung mit.
Um ihre Vermutung zu überprüfen, verglichen die Forscher mehr als 200 Rufe von 15 verschiedenen Männchen mit der später eingeschlagenen Reiserichtung. Und tatsächlich: „Wir stellten fest, dass die Männchen die meisten Long Calls in jene Richtung abgaben, in die sie wenige Stunden später oder sogar nach ihrer Nachtruhe weiterzogen”, berichtet Co-Autorin Karin Isler. Nach dem ersten Ruf des Morgens wich der Weg der Tiere durchschnittlich acht Stunden lang um weniger als 90 Grad von der vorgegebenen Richtung ab. Brüllten die Männchen noch ein zweites Mal, signalisierten sie damit, sich umentschieden zu haben: Der zweite Long Call gab die Richtung meist genauer vor als der erste.
Sogar vor dem Schlafengehen kommunizierten die Orang-Utans – allen voran der Chef der Gegend – ihre geplanten Routen. Damit lieferten die Affen bis zum Nachmittag des kommenden Tages eine ungefähre Vorhersage ihres Weges – sie hatten ihn also nahezu einen ganzen Tag im Voraus geplant und sich unterwegs trotz zahlreicher Ablenkungen nicht davon abbringen lassen.





