Schimpansen können entgegen der gängigen Ansicht möglicherweise doch Alzheimer bekommen: Zum ersten Mal haben Forscher im Gehirn eines verstorbenen Tiers die beiden Hauptkennzeichen für die Krankheit ? verklumpte Proteinplaques und Bündel aus fadenförmigen Eiweißmolekülen ? nachgewiesen. Sowohl Aussehen als auch biochemische Eigenschaften der Eiweißablagerungen ähnelten stark denen der Verklumpungen bei menschlichen Alzheimerpatienten, berichten die Wissenschaftler um Rebecca Rosen vom Yerkes-Primatenforschungzentrum an der Emory-Universität in Atlanta. Die betroffene Schimpansin war mit 41 Jahren bereits relativ alt, hatte einen Schlaganfall erlitten und war Zeit ihres Lebens übergewichtig gewesen ? Kriterien, die auch beim Menschen das Risiko für die Demenzerkrankung erhöhen.
Bei Alzheimer verändert sich das Gehirn der Betroffenen in einer ganz charakteristischen Weise: Zwischen den Gehirnzellen und in den Wänden der Blutgefäße bilden sich senile Plaques, die hauptsächlich aus einem Abeta genannten Proteinfragment bestehen. Parallel dazu entstehen innerhalb der Nerven- und Stützzellen des Gehirns sogenannte neurofibrilläre Bündel, langgestreckte Ablagerungen aus einem Protein namens Tau, die aussehen wie zwei nebeneinanderliegende verdrillte Bänder. Dieses Krankheitsbild galt bisher als einzigartig für den Menschen. Zwar haben Forscher bereits mehrfach entweder Plaques oder Tau-Ablagerungen in den Gehirnen von Tieren gefunden, niemals jedoch beides zusammen.
Genau das entdeckten Rosen und ihr Team nun jedoch im Hirn der verstorbenen Schimpansin mit der offiziellen Bezeichnung CO494. Betroffen waren vor allem die Hirnregionen im Neocortex des Tieres, die auch beim Menschen die meisten Veränderungen zeigen. Auch die Form der Ablagerungen, ihre Dichte und ihre Zusammensetzung entsprachen in etwa denen beim Menschen. Allerdings gab es im Vergleich zu Alzheimerpatienten wesentlich weniger Plaques, und die Verteilung der Tau-Fibrillen unterschied sich etwas von der beim Menschen. Bei anderen Schimpansen, deren Gehirne die Wissenschaftler zum Vergleich ebenfalls unter die Lupe nahmen, fanden sich hingegen keine derartigen Veränderungen.
Warum ausgerechnet CO494 das Krankheitsbild entwickelte, können die Forscher noch nicht sagen. Sie vermuten jedoch, dass Faktoren wie das Übergewicht oder der hohe Cholesterinspiegel des Tieres nicht nur den Schlaganfall, sondern auch die Hirnveränderungen ausgelöst haben könnten. Alternativ könnte es auch der Schlaganfall selbst gewesen sein, der zu Bildung der Ablagerungen führte. Da Schimpansen nach bisherigem Wissen höchstens ein Alter von 59 Jahren erreichen, was die Affendame zudem recht alt. Eines habe die Studie jedoch mit Sicherheit gezeigt, schreiben die Forscher: Die Annahme, dass der Mensch als einziger Primat Alzheimer entwickeln kann, müsse revidiert werden.
Rebecca Rosen (Emory-Universität, Atlanta) et al.: Journal of Comparative Neurology, Bd. 509, S. 259 ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel





