H.G. Wells, der Autor der Zeitmaschine, hat in seinen politischen Schriften einmal gesagt, dass man mündigen Bürgern Lesen, Schreiben und statistisches Denken beibringen muss, sagt Ulrich Hoffrage vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Hoffrage und sein Team haben untersucht, wie Experten und Laien Urteile und Entscheidungen aufgrund von statistischen Informationen treffen. Ihre Ergebnisse präsentieren sie in der Zeitschrift Science.
Die Forscher fanden, dass nicht nur Laien, sondern auch Akademiker große Schwierigkeiten haben, prozentuale Wahrscheinlichkeitsangaben richtig einzuschätzen. Von 96 Medizinstudenten waren nur 18 Prozent zu einer richtigen Interpretation in der Lage. Von 48 Ärzten, die an einer früheren Studie teilgenommen hatten, gaben nur 16 Prozent die richtige Antwort.
Die Ergebnisse verbesserten sich aber schlagartig, wenn die Versuchsteilnehmer die gleiche statistische Information in Form von Häufigkeiten präsentiert bekamen. Von den Ärzten gaben dann 46 Prozent die richtige Antwort, bei den Studenten waren es sogar 57 Prozent.
Zu lösen war die Aufgabe, mit welcher Wahrscheinlichkeit bei einem positiven sogenannten Haemoccult®-Test Darmkrebs vorliegt. Bei diesem Test wird der Stuhl des Patienten auf versteckte Blutbeimischungen hin untersucht. Die Studenten und die Ärzte bekamen dazu zunächst die folgenden prozentuellen Angaben:
Die Wahrscheinlichkeit, dass ein über 50jähriger, symptomfreier Mann Darmkrebs hat, beträgt 0,3 Prozent. Wenn Darmkrebs vorliegt, dann beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass er einen positiven Befund erhält, 50 Prozent. Wenn kein Darmkrebs vorliegt, dann beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass er trotzdem einen positiven Test-Befund erhält, 3 Prozent.
Erst nach der “Übersetzung” dieser Informationen in Häufigkeiten fiel den Versuchsteilnehmern die Lösung der Aufgabe wesentlich leichter: Von je 10.000 Männern haben 30 Darmkrebs. Von diesen 30 haben 15 ein positives Testergebnis. Von den verbleibenden 9.970 haben etwa 300 ein positives Testergebnis.
In der zweiten Darstellung erkennt man leicht, dass von 315 Männern mit positivem Testbefund nur 15 tatsächlich Darmkrebs haben.
Ähnliche Resultate erhielten Hoffrage und sein Team bei Befragungen von Juristen und AIDS-Beratern. Beide Berufsgruppen müssen bei ihrer Arbeit häufig statistische Informationen verwerten. Hoffrages Resümee: “In einer technologisch hochentwickelten Gesellschaft, in der immer wieder neue Risiken entstehen, ist es wichtig, den Menschen psychologische Methoden anzubieten, die das Verständnis von Risiken und Testbefunden erleichtern.”
Axel Tillemans





