Erst ist es nur ein Schatten, der an den Buchen und Weißtannen am Rande der Lichtung vorbeihuscht. Doch dann werden die Konturen des Tieres gegen den Kontrast der tiefen Nachmittagssonne deutlich. Endlich: ein Braunbär. Erst kurze Aufregung unter den Gästen in der flachen Holzhütte, dann Stille – denn der Bär ist nur etwa zehn Meter entfernt und soll uns nicht hören. Das spezielle Beobachtungsversteck hier im Wald des Zabola-Guts in Rumänien, knapp 70 Kilometer von der Stadt Brașov entfernt – einst als das siebenbürgische Kronstadt bekannt –, ist genau dafür gebaut: halb in den Boden gegraben und von außen kaum sichtbar. Im Inneren ist es kühl, nach Erde riechend. Bärenflüsterer Levente Péter hat nicht zu viel versprochen. Der rumänische Ranger arbeitet für Conservation Transylvania. Die gemeinnützige Stiftung rund um das Anwesen Zabola gibt den Bären der Gegend Namen, bietet ihnen Mais an und erklärt das Leben der Wildtiere den Besuchern. „Jeden Tag lege ich hier Futter aus und es…
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Text: Roman Goergen
Erst ist es nur ein Schatten, der an den Buchen und Weißtannen am Rande der Lichtung vorbeihuscht. Doch dann werden die Konturen des Tieres gegen den Kontrast der tiefen Nachmittagssonne deutlich. Endlich: ein Braunbär. Erst kurze Aufregung unter den Gästen in der flachen Holzhütte, dann Stille – denn der Bär ist nur etwa zehn Meter entfernt und soll uns nicht hören. Das spezielle Beobachtungsversteck hier im Wald des Zabola-Guts in Rumänien, knapp 70 Kilometer von der Stadt Brașov entfernt – einst als das siebenbürgische Kronstadt bekannt –, ist genau dafür gebaut: halb in den Boden gegraben und von außen kaum sichtbar. Im Inneren ist es kühl, nach Erde riechend. Bärenflüsterer Levente Péter hat nicht zu viel versprochen. Der rumänische Ranger arbeitet für Conservation Transylvania. Die gemeinnützige Stiftung rund um das Anwesen Zabola gibt den Bären der Gegend Namen, bietet ihnen Mais an und erklärt das Leben der Wildtiere den Besuchern. „Jeden Tag lege ich hier Futter aus und es wird immer gegessen. Ich weiß nicht die genaue Uhrzeit, aber irgendwann kommen die Bären immer“, verspricht Péter.
Auf Tuchfühlung
So auch Bärin Anna, die nun wachsam die kleine Wiese umrundet und nach dem ausgelegten Mais schnuppert. Sie ist allein, denn „Mütter mit Jungen kommen hier nicht her“, flüstert Péter. „Es ist zu offen. Wenn große Männchen auftauchen, wird es gefährlich. Die Kleinen können zwar blitzschnell auf Bäume klettern, aber auf dieser Lichtung gibt es keinen Schutz.“ Männliche Bären töten mitunter den Nachwuchs eines Rivalen, um die Mutter schneller wieder in Paarungsbereitschaft zu bringen.
Kurz nach fünf Uhr schiebt sich ein solches Männchen aus dem Wald. Mit seinem breiten Schädel und bestimmt 300 Kilogramm ist es ein besonders imposantes Exemplar. „Blondie“, sagt Péter. Der fast 20 Jahre alte Braunbär geht zum kleinen Teich, lässt sich ins Wasser sinken und schüttelt nach dem Bad kräftig das hellbraune Fell. Tropfen sprühen wie Funken im Gegenlicht, während Bärendame Anna ihm in weitem Bogen ausweicht – eine stumme Bestätigung von Péters Worten über die Vorsicht gegenüber Rivalen.
Levente Péter ist in dieser Gegend aufgewachsen. „Schon bevor ich meine Frau traf, habe ich das getan, weil ich den Wald liebe. Ich werde das für niemanden aufgeben.“ Freunde und Familie nennen ihn nur den „Bearman“. Für ihn ist die Beobachtungshütte ein geeignetes Werkzeug, um die Einstellung der Menschen zu verändern. „Deshalb haben wir sie gebaut. Ich bringe auch Leute aus dem Dorf mit, um zu zeigen, dass Bären nicht gefährlich sind. Lässt man sie in Ruhe, passiert nichts.“
Dass wir Bären wie Blondie aus nächster Nähe sehen können, ist auch Bence Máté zu verdanken. Der ungarische Naturfotograf gewann zahlreiche internationale Auszeichnungen und wurde mit seinen spektakulären Wildtieraufnahmen weltweit bekannt. Trotz seines Ruhmes sitzt er still auf einer Hinterbank des von ihm persönlich erdachten Verstecks. Máté gilt als Pionier der sogenannten Einwegglas-Hides, welche Observationen in eine Richtung ermöglichen, ohne dass die Beobachteten etwas merken – ähnlich wie bei den bekannten Verhörräumen aus amerikanischen Krimis. Der Fotograf baut solche Hütten in vielen Teilen der Welt, doch das Versteck in Zabola ist für ihn ein besonderer Ort: „Hier sind die Bedingungen friedlich, das Licht ist gut – und die Chance, Tiere aus nächster Nähe zu erleben, ist einzigartig.“
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Zabola ist ein Anwesen mit dichtem Mischwald auf rund 500 Hektar, mehreren Teichen und einem von eindrucksvollen Gebäuden gezierten englischen Landschaftspark, der sich über weitere 50 Hektar erstreckt. Tagsüber wirken die alten Gemäuer fast märchenhaft, sie gestatten den Gästen hier in Transsylvanien eine flüchtige Dracula-Fantasie – doch in der Abendstunde geht es nicht um Vampire, sondern um das, was wirklich draußen lebt: Hirsche, Wildschweine – und eben die Bären, die Rumänien zu Europas Wildtier-Erlebnisland Nummer eins machen. Rund 6.000 der großen Säugetiere ziehen hier durch die Karpaten, die größte Population des Kontinents. Zabola ist somit nicht nur ein Ziel für Naturreisende, sondern auch ein Ort, an dem sich das Verhältnis von Mensch und Bär verändert – eine Brücke zu dem, was das Gut und seine Stiftung insgesamt anstreben: ein friedliches Miteinander.
Der englische Landschaftspark mit seinen Gästehäusern bildet einen starken Kontrast zum dunklen Wald der Umgebung. Besucher können zwischen Reitställen, Teichen und alten Bäumen hindurchschlendern. Doch für den Eigentümer Gregor Roy-Chowdhury ist das Ensemble nicht bloß Kulisse, sondern ein Ort, an dem Geschichte und Zukunft miteinander ringen.
Über seine Mutter ist er Nachfahre der ungarischen Adelsfamilie Mikes, die seit 1450 in Zabola ansässig ist. Doch als 1948 die Kommunisten die Macht in Rumänien ergriffen, war es damit erst einmal vorbei. „Meine Mutter und ihre Familie wurden 1949 abgeholt. Meine Großmutter kam in ein Arbeitslager im Donaudelta“, berichtet Roy-Chowdhury, der selbst in Österreich geboren ist, wo seine Mutter seinen ebenfalls adligen indischen Vater kennengelernt hatte. Nach dem Ende des Ceaușescu-Regimes 1989 begann in Rumänien eine chaotische Restitutionsphase, in der die Enteignungen rückgängig gemacht wurden – ein Zustand, der bis heute den Naturschutz im Land verkompliziert. Die Roy-Chowdhury-Familie erhielt Zabola 2005 wieder zurück, doch um die zum Gut gehörenden Wälder wird noch immer mit dem Staat gestritten. „Damals war der Gedanke, dass man so eine Anlage nur mit sanftem Tourismus erhalten kann. Eine konkrete Idee gab es nicht. Aber schon in den ersten Wochen waren Doug und Kris Tompkins bei uns“, sagt Roy-Chowdhury mit Verweis auf das bekannte US-amerikanische Naturschützerpaar, das in Patagonien Nationalparks gegründet hat. „Da entstand die Idee, dass wir, falls wir jemals Wälder zurückbekommen, diese auch für Naturschutz nutzen könnten.“
Und sie hatten Erfolg. Heute arbeiten mehr als 60 Menschen auf dem Gut. Erste Waldstücke wurden formell als unberührter Urwald anerkannt. Unterstützt von Universitäten ließ Roy-Chowdhury Flora, Fauna und Feuchtgebiete erforschen. „Mit unserem kleinen Besitz können wir zeigen, wie es funktionieren könnte. Vielleicht finden sich irgendwann Nachahmer.“ Ähnliche Ziele verfolgt auch die Stiftung Fundatia Conservation Carpathia (FCC), die seit 2009 in Rumänien an einem riesigen Nationalpark arbeitet. Im Vergleich dazu wirkt Zabola überschaubar, doch es ergänzt die großen Ziele der FCC auf seine Weise. „Wir sind klein und bieten Kultur. Sie sind groß und bieten Natur“, sagt Roy-Chowdhury. Aus einer solchen Kombination von historischem Gut und wilder Bergwelt könne so ein neuer naturbewusster Tourismus entstehen.
Wilde Wälder
Gut zwei Autostunden östlich von Zabola, in den Făgăraș-Bergen, nimmt genau diese Vision der FCC Gestalt an. Christoph Promberger, Mitbegründer der Stiftung, begleitet eine kleine Gruppe auf einem schmalen Pfad in das Strâmba-Tal. Die Luft ist feucht, das Licht wirkt gedämpft. Ab und zu ist der Ruf oder das Klopfen eines Schwarzspechtes zu hören. Hier am Nordostrand des Gebirges liegt ein Stück echter Urwald – seit 2017 Teil des UNESCO-Weltnaturerbes. „Die Făgăraș-Berge sind mit über 200.000 Hektar die größte zusammenhängende Wald- und Alpenregion Rumäniens. Das ist wahrscheinlich das wildeste Stück Landschaft, das wir in Mitteleuropa noch haben“, sagt Promberger. Nach den Plänen der FCC soll hier der größte Nationalpark Europas entstehen – fast so groß wie das gesamte Ruhrgebiet. An Prombergers Seite läuft Gheorghe Roman, Förster im Strâmba-Tal. „Ich betreue hier 1.400 Hektar, davon 350 Hektar streng geschützten Urwald“, sagt der Rumäne mit sichtlichem Stolz. Wer hier wandert, spürt sofort den Unterschied zu den Forsten, die wir aus Mitteleuropa kennen. Nichts wirkt aufgeräumt, kein Förster hat Linien gezogen. Gerade das Chaos aus umgestürzten Stämmen und nachwachsenden Jungbäumen zeigt, wie ein Wald aussieht, wenn er über Jahrhunderte sich selbst überlassen bleibt.
Promberger kam schon in den 90er Jahren als Wolfsforscher nach Rumänien. Immer wieder beugt sich der gebürtige Bayer über die herumliegenden morschen Stämme: „Wenn ein alter Baum stirbt, bleibt er oft noch 60 oder 70 Jahre stehen. In dieser Zeit bietet er Nahrung für unzählige Insekten. Danach fällt er um, es entsteht eine Lichtung, und sofort sprießen junge Bäume nach. Ein Baum wie dieser schafft bis zu 100 Jahre Lebensraum – selbst im Tod.“ Promberger klopft gegen ein Stück Holz, in das Spechte ihre Höhlen gehämmert haben. „Das Totholz ist das Fundament des Waldes. Erst kommen die Pilze, dann die Käfer, dann die Spechte. In deren Höhlen ziehen später Eulen oder Hohltauben ein. Wenn man das tote Holz entfernt, beginnt das ganze System zu leiden.“ Die Erläuterung ist auch ein Plädoyer gegen die übermäßige und oft illegale Abholzung, die Promberger und seine Stiftung in Rumänien bekämpfen.
Ein paar Schritte weiter führt der Weg durch eine Forschungsfläche. Jeder Stamm ist nummeriert, mit Bohrungen wurde das jeweilige Alter bestimmt. Eine Tanne ist zum Beispiel 250 Jahre alt. „Auf einem Hektar haben die Forscher hier 1.500 Kubikmeter Holz gemessen. In einem bewirtschafteten Wald finden Sie nur 300 bis 400 Kubikmeter. Selbst die ältesten Wirtschaftswälder erreichen höchstens 800. Hier haben wir fast das Doppelte – und fünfmal so viel wie im Durchschnitt”, erläutert Promberger. Solche Vergleiche machen klar, dass Urwälder nicht nur älter und schöner sind – sie sind auch nützlicher. Jeder zusätzliche Kubikmeter Holz bedeutet gespeicherte Energie, gebundenes CO₂, Lebensraum für Arten, die in bewirtschafteten Forsten längst verschwunden sind.
Dann hebt Promberger den Blick. „In den letzten drei Jahren wurden allein in den Făgăraș 300.000 Bäume gefällt, die älter als 150 Jahre waren. Und das Tragische ist: Je älter der Baum, desto wahrscheinlicher endet er als Brennholz.“ Für Promberger ist klar: Damit der Wald bewahrt werden kann, muss dies auch ökonomisch begründet sein. Und das scheint möglich, denn schon jetzt erzielen die geschützten Wälder mehr Einnahmen als Wirtschaftswald – über Eintrittsgelder, geführte Touren und lokale Wertschöpfung.
Noch stärker aber wiegt das Argument „Wasser“: „Die Făgăraș-Berge machen nur ein Prozent des rumänischen Territoriums aus – aber liefern Trinkwasser für 20 Prozent der Bevölkerung. Wenn Bukarest eines Tages ohne Wasser dasteht, weil hier oben nichts mehr gespeichert wird, begreift man vielleicht, was diese Wälder wert sind“, mahnt der Experte. Eine Studie der Weltbank zeigt: Eine minimale Abgabe von sieben Cent pro 1.000 Liter würde ausreichen, um den gesamten Schutz der Karpatenwälder zu finanzieren – inklusive Kompensation für Waldbesitzer. Dass ausgerechnet Brennholz oft mehr zählt als ein Jahrtausend-Ökosystem, wirkt in diesem Moment absurd. Zwischen den gewaltigen Stämmen wird deutlich, wie wenig unsere kurzfristigen Gewinne mit dem Wert solcher Wälder zu tun haben – und wie groß die Verantwortung ist, sie zu bewahren.
Mit seiner Frau Barbara hat Promberger 2009 FCC gegründet – das Ziel, den größten Nationalpark Europas zu schaffen, immer vor Augen. Über 150 Mitarbeitende sind inzwischen im Auftrag der Organisation im Einsatz: zur Wiederaufforstung, gegen Wilderei, für die Rückkehr von Bibern und Wisenten. Über das Tochterunternehmen Travel Carpathia bringt die Stiftung Gäste in die Wälder. Um zu zeigen, dass Tourismus eine langfristige Alternative für das Einkommen der Menschen sein kann – und eine Chance für die Region.
Doch Naturschutz offenbart sich nicht nur in Zahlen, Berechnungen und internationalen Studien. Wer verstehen will, was auf dem Spiel steht, muss die Berge mit eigenen Sinnen erleben.
Mittendrin statt nur dabei
Am nächsten Morgen geht der Weg mit Naturführerin Oana Harabagiu hinauf ins Hochgebirge, zur Comisu-Hütte am Hang des gleichnamigen Berges in mehr als 1.800 Meter Höhe – dorthin, fwo Wildnis greifbar wird und Wisente, Wölfe und Luchse ihre Spuren hinterlassen.
Der Pfad steigt stetig an, durch feuchten Mischwald, in dem das Licht gefiltert durch die Kronen fällt und sich mit der feuchten Luft mischt – in der Nacht hat es geregnet. Ein Stück weiter zeigt Harabagiu auf den Stamm einer Fichte, an dem sich offenbar ein großes pelziges Tier geschrubbt hat. Die Rinde ist rau und vom Harz überzogen; zwischen den Kratzspuren haften Reste von Fell. Der Gedanke, dass irgendwo zwischen diesen Bäumen wirklich Bären leben, verändert die Wahrnehmung: Die Geräusche wirken lauter, jeder Schatten bekommt Gewicht. Harabagiu geht vorneweg, ein Bärenspray aus scharfem Capsikum für den Notfall griffbereit am Gürtel. Ein beruhigender Gedanke. Denn auch wenn die Bären normalerweise friedlich sind, handelt es sich um Wildtiere. Die Naturliebhaberin musste sich zwar noch nie gegen die großen Braunen verteidigen – wohl aber gegen aggressive Herdenschutzhunde.
Sie stammt aus Bukarest, hat Stadtluft und Routine hinter sich gelassen, um hier draußen zu leben – nicht, weil es leichter ist, sondern weil sie die Berge versteht wie andere Menschen Straßenkarten. „Ich mache diesen Beruf, weil ich gern draußen bin“, sagt sie. „Und weil ich glaube, dass wir den Kontakt zur Natur verloren haben. Ich wünsche mir, dass mehr Menschen – und mehr Kinder – wieder hinausgehen und sich mit ihr verbinden.“
Harabagiu bleibt immer wieder stehen, zeigt die feinen Unterschiede zwischen Fichte und Tanne, zwischen Nadeln, die stechen, und solchen, die weich sind. Sie spricht mit gedämpfter Stimme über Waldbesitz und Verantwortung, über Schutz, der nur funktioniert, wenn er auch Menschen einschließt. Dann deutet sie auf eine kahle Stelle im Hang: „Das Gesetz sagt, dass nach einem Kahlschlag innerhalb von drei Jahren aufgeforstet werden muss“, sagt sie, „aber oft passiert das nicht dort, wo gefällt wurde.“
Dahinter liegt eine Wiese wie ein grünes Tuch zwischen den Bergen. An ihrem Rand steht die kleine Wildbeobachtungshütte von Comisu, kaum größer als ein Stall. Von Gras bewachsen ist sie fast eins mit der Landschaft. Etwas höher befindet sich ein zweites Gebäude, schlicht und rechteckig: das Nachtquartier. Am Abend glimmt das Holz in kleinen Öfen. In der älteren Comisu-Hütte sitzen wir hinter den Panoramafenstern. Kein Netz, kein Strom, nur das Knacken des Feuers im Ofen. Tiere zeigen sich noch nicht, aber in der Dämmerung beginnt die Vorstellung, das Unsichtbare zu sehen.
Am nächsten Morgen schließlich die Bestätigung mit eigenen Augen: Ein Wisent tritt aus dem Schatten am Rande der Lichtung. Schwer, schwarzbraun, fast lautlos – ein Überrest jener Wildheit, die in Europa schon fast verschwunden war. Die riesigen Grasfresser erreichten 2019 auch die Făgăraș-Berge, als Tiere aus Polen, Deutschland und Schweden hier ausgewildert wurden. Alle heute in Europa existierenden Wisente stammen von nur zwölf Individuen ab – den einzigen, die nach dem Zweiten Weltkrieg überlebt hatten. Inzwischen leben hier wieder rund 100 Exemplare, verteilt über Täler und Almen. „Sie schaffen offene Flächen – das ist wichtig für die Erneuerung des Waldes“, sagt Harabagiu. So entstehen Wiesen und Lebensraum für Insekten, Vögel, junge Bäume. Am alten Gatter, wo die ersten Tiere in die Freiheit entlassen worden waren, erzählt sie, wie skeptisch die Stimmung anfangs war: „Viele dachten, die Wisente würden alles zerstören – Felder, Zäune, Gärten. Erst als die Menschen sahen, dass nichts Schlimmes passiert, begannen sie zu fragen, wo sie sie sehen können.“
Auf der anderen Seite des Bergkamms liegt auf 1.420 Meter Höhe Poiana Tămaș, das letzte Lager dieser Reise. Wir kommen verschwitzt an, aber unsere Duschen warten schon. Vier kleine Holzkabinen stehen am Hang, offen zum Tal. Aus einem Eimer fließt heißes Wasser in einen einfachen Duschkopf. Während man in einem Wechselbad aus klirrend kalter Luft und dem wärmenden Nass nackt vor dem Făgăraș-Massiv steht, fühlt man sich plötzlich beobachtet – nicht von Menschen, sondern von den Tieren, auf deren Spuren wir seit Tagen unterwegs sind. Nach der Dusche prüfen wir oberhalb des Camps die Aufnahmen einer Kamerafalle, denn kurz zuvor hatte Harabagiu am Pfad frischen Luchs-Kot entdeckt. Und tatsächlich: Auf dem Video ist ein einzelner Luchs zu sehen, der durchs Gras streift. Wahrscheinlich dasselbe Tier, das zuvor weiter unten sein Geschäft verrichtet hat. Wieder stellt sich das Gefühl ein, beobachtet zu werden. „Du weißt eigentlich immer, dass die Tiere in der Nähe sind. Manchmal tauchen sie auf, aber meistens bleiben sie verborgen”, sagt unsere Führerin.
Gerade in solchen Momenten zeigt sich, worum es hier wirklich geht. Wildnis wird nicht vorgeführt, sie entzieht sich der Erwartung. Ihre Anwesenheit spürt man eher, als dass man sie sieht – in Geräuschen, Spuren, im Blick über eine verlassene Wiese. Das ist auch die Idee, die hinter dieser urtümlichen rumänischen Landschaft steht: keine Bühne, sondern ein Raum, in dem Natur wieder nach eigenen Regeln existieren darf. Christoph Promberger fasst es so zusammen: „Es geht nicht darum, eine Wildnis zu schaffen, in der keine Menschen erlaubt sind, sondern darum, Wege zu finden, wie Menschen und Natur miteinander existieren können.” So wächst im Bärenland Europas tatsächlich ein neues Miteinander – getragen von Stimmen wie denen von Harabagiu, Promberger oder Roy-Chowdhury, von Gemeinschaftsprojekten und von der Hoffnung, dass Akzeptanz stärker wirkt als Abgrenzung. //
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