Korallenriffe sind Hotspots der Artenvielfalt – und der Fischerei. Schätzungen zufolge arbeiten weltweit rund sechs Millionen Menschen in der Rifffischerei. Im Nahen und Mittleren Osten sowie in der Karibik macht sie etwa 40 Prozent der gesamten Meeresfischerei aus. Besonders begehrte Fänge aus Riffgebieten sind unter anderem Schnapper, Zackenbarsche, Lippfische und Doktorfische. Doch wie stark ihre Bestände unter der Fischerei leiden, war bislang nur bruchstückhaft bekannt.
Volkszählung im Riff
Forschende um Jessica Zamborain-Mason von der Harvard University haben nun erstmals eine weltweite Bestandsaufnahme für Riff-Fische durchgeführt. Dafür verschafften sie sich zunächst einen Überblick über die aktuellen Bestände, indem sie die Fische von über 2.000 Korallenriffen jeweils entlang festgelegter Bereiche zählten und ihre Arten bestimmten. Da sie diese Zählungen sowohl an befischten Riffen als auch an solchen fernab menschlicher Einflüsse durchführten, konnten sie am Ende vergleichen, wie stark die Fischerei den natürlichen Zustand eines Korallenriffes verändert hatte und ob es bereits zu Überfischung gekommen war.
Zusätzlich ermittelten die Forschenden anhand der gesammelten Daten auch sogenannte Nachhaltigkeits-Referenzwerte für jedes einzelne Riff. Konkret lassen sich mit diesen Werten zwei zentrale Fragen beantworten: Wie hoch wäre der maximale Ertrag eines Riffs, wenn nachhaltig gefischt würde? Und wie groß müsste die Biomasse der Fischbestände im Korallenriff sein, um diesen Ertrag zu erzielen?
Viele Riffe sind überfischt
Die große Riff-Volkszählung offenbarte: „An fast zwei Dritteln der Standorte wird mehr gefischt als die Bestände an Biomasse nachproduzieren können – sie werden also überfischt“, berichtet Zamborain-Masons Kollege Sebastian Ferse vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung in Bremen. In jedem zehnten befischten Riff seien die Fischbestände sogar bereits zusammengebrochen. Dort fanden die Forschenden weniger als zehn Prozent der Biomasse, die das Riff eigentlich haben müsste, wenn dort kein Fisch gefangen würde. Der Anteil überfischter Riffe war vor allem in Südostasien, dem Persischen Golf und Teilen der Karibik hoch, wie Zamborain-Mason und ihr Team berichten. Das liege unter anderem daran, dass in diesen Regionen überdurchschnittlich viele Menschen von der Rifffischerei leben.
Die aktuellen Zahlen mögen zwar auf den ersten Blick alarmierend erscheinen, doch den Forschenden zufolge gibt es verschiedene Stellschrauben, die der Überfischung entgegenwirken können. „Die Modelle zeigen, dass ein verbessertes Fischereimanagement und die Reduktion der Fischerei auf 80 Prozent des maximal möglichen Ertrages schon zu einer deutlichen Entspannung der Bestände und mehr Artenvielfalt führen. Es ist nicht nötig, Fischerei aus dem Riff zu verbannen, um das Ökosystem zu retten“, erklärt Ferse. Für jeden Standort müssten nun mithilfe der gesammelten Daten Kompromisse gefunden werden, die sowohl die Belange der Bevölkerung als auch den Umweltschutz ausreichend berücksichtigen.





