Wisente waren im 20. Jahrhundert in freier Wildbahn ausgerottet. Nur durch Züchtung und Auswilderungsprojekte können die Wildrinder wieder angesiedelt werden. In einem Nationalpark in Aserbaidschan trägt ein solches Projekt heute Früchte.
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Text: Heike Holdinghausen
Gleich links neben dem Eingang Bärenschaufenster im Berliner Tierpark liegt das Wisentgehege. Die zottigen Rinder stehen träge vor einer Raufe und zupfen Heu, oder sie liegen wiederkäuend im Sand. Hinter ihnen ragen die turmhohen Plattenbauten auf, die den Berliner Tiergarten im Ostberliner Bezirk Lichtenberg säumen, der Verkehr rauscht leise im Hintergrund. Es ist schwer vorstellbar, dass diese mächtigen Tiere, die gemütlich auf der kleinen Sandfläche ruhen, ab November im Gebirge leben, unter meterhohen Schneedecken Futter suchen und sich gegen Wölfe verteidigen sollen. Aber sie können das. Seit 2019 bringt ein großes Netzwerk aus Projektpartnern wie dem Berliner Zoo, den Umweltorganisationen WWF und Rewilding Europe sowie dem aserbaidschanischen Umweltministerium Wisente aus Europas Zoos in den 130.000 Hektar großen Shahdag-Nationalpark in Aserbaidschan.
Die Art wird in einem von über 400 Europäischen Erhaltungszuchtprogrammen des „Europäischen Verbandes der Zoos und Aquarien (EAZA)“ geführt, darunter Dutzende Primaten wie Schopfmangaben oder Silberäffchen, Vögel wie Santa-Cruz-Tauben oder Lappentaucher, zahlreiche Fische, Amphibien, Reptilien und andere Säugetiere. Menschen haben die Lebensräume der Tiere zerstört oder sie durch Jagd an den Rand der Ausrottung gebracht – jetzt führen sie penibel Zuchtbücher, um Inzucht zu vermeiden, und schicken die Tiere quer durch die Welt, um sie zu verpaaren. Zum Teil überleben diese Arten nur noch durch die systematische Zucht, so wie auch der Europäische Bison, Bison bonasus.
Vor der Ausrottung bewahrt
Besiedelte das Wildrind einst die Steppen und Wälder Europas, wurde es ab dem Hochmittelalter durch Jagd und den Rückgang von Lebensräumen dezimiert und schließlich ausgerottet. 1927 wurde im Kaukasus der letzte freie Bergwisent erschossen. Mitte der 20er Jahre gab es nur noch 56 Tiere, alle lebten in Zoos oder hinter Gattern. Kurz vor ihrem völligen Verschwinden gründete sich die „Internationale Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents“, um die Art zu retten. Seitdem erfasst ein international geführtes Zuchtbuch alle Wisente. Aktuell verantwortet die Koordinatorin Nadja Lane vom Jersey Zoo die Entscheidung darüber, welche Rinder sich untereinander fortpflanzen dürfen, um die sehr schmale genetische Basis der Art wieder zu verbreitern. Die Weltnaturschutzorganisation führt die großen Säuger nach den Schutzbemühungen der vergangenen Jahrzehnte auf ihrer Roten Liste inzwischen nur noch als „gering gefährdet“. Allerdings: Ohne die Bemühungen von Wissenschaftlern, Naturschützern und Zoos wäre die Art nicht lebensfähig. Neben Inzucht bereitet vor allem die Zerschneidung der Lebensräume Probleme. Eine stabile, sich selbst erhaltende Population kann sich so nicht aufbauen.
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Nur durch Nachzucht und Auswilderungsprogramme konnten und können die Herden gesund gehalten werden. Rund 450 Wisente befinden sich derzeit im Erhaltungszuchtprogramm der Zoos. Sie nun in ihre angestammten Lebensräume zurückzubringen und sie wieder Teil der Ökosysteme werden zu lassen, die sie jahrtausendelang mitgestaltet hatten, ist eine Herausforderung für die Naturschützer. Laut WWF leben derzeit wieder 7.200 Wisente in rund 40 Herden frei in Europa beziehungsweise Eurasien, die meisten in Polen und Weißrussland, einige Dutzend in Aserbaidschan.
Aurel Heidelberg, Kaukasus-Referent des WWF und verantwortlich für die Auswilderung der Wisente in Aserbaidschan, hat inzwischen 46 Wisentkühe und -bullen vom Berliner Tierpark zurück in die Wildnis begleitet. Zehn weitere folgen nun 2024.
Für die Auswilderung treffen über das Jahr immer wieder Wisente aus verschiedenen Zoos, etwa Innsbruck, Neumünster oder Prag, im Berliner Tierpark ein, in diesem Jahr acht Kühe und zwei Bullen. Um die zweieinhalb Jahre alt sind sie im Schnitt, nur eine Kuh ist älter. Spirgit aus dem Zoo Sóstó in der nordost-ungarischen Stadt Nyíregyháza ist schon zehn. Sie habe sich als „sehr ruhig herausgestellt“, sagt Maren Siebert, die Kuratorin des Tiergartens für Säugetiere in Berlin, „sie wird von allen respektiert und ist bislang noch mit keinem anderen Tier aneinandergeraten.“ Das ist gut so, denn Spirgit soll die Herde als Leitkuh führen.
Den Sommer über hatten die Tiere Zeit, sich kennenzulernen und Hierarchien auszubilden. Zudem wurden sie intensiv auf ihre große Reise vorbereitet: Sie wurden gegen die Blauzungenkrankheit geimpft und prophylaktisch gegen eine bestimmte Augenkrankheit behandelt; Leitkuh Spirgit und ein Bulle erhielten Sender.
Ende Oktober 2024 war es dann so weit: Mitarbeiter des Berliner Tierparks und des WWF verluden die 400 Kilogramm schweren Tiere in Transportkisten, dann wurden die Rinder quer durch Deutschland zum Flughafen Frankfurt Hahn gebracht. Von dort ging es mit der Frachtmaschine weiter bis in die aserbaidschanische Hauptstadt Baku. Nach weiteren fünf Stunden Fahrt mit dem LKW nach Nordwesten hatten sie ihr Ziel erreicht, den Shahdag-Nationalpark im Kaukasus.
Die ersten Schritte in ein neues Zuhause
In die Wildnis entlassen werden die Tiere in Etappen. Zunächst leben sie in einem Eingewöhnungsgehege nahe des Dorfes Buynuz. Dort kommen die Tiere spätabends nach ihrer langen Reise an, erwartet von Biologin Zeynab Khalilova und ihrem Team, die das Auswilderungsprogramm für den WWF-Aserbaidschan leiten. Aus ihren Transportkisten können die Wisente direkt auf die mit einer hohen Bretterwand umzäunte Koppel treten. Dort bleiben die Tiere einige Tage, um sich vom Transport zu erholen und sich zu akklimatisieren. Dann öffnen die Wildhüter ein schweres Schiebetor und geben den Weg frei in das 300 Hektar große Auswilderungsgehege. Zum Vergleich: Der weitläufige Tierpark Berlin, der größte Tierpark Europas, umfasst insgesamt 160 Hektar.
Direkt hinter dem Schiebetor führt ein Pfad auf eine kleine Wiese, dort wachsen Weißdorn und Brombeeren, an einem Baumstumpf glänzt ein Salzleckstein. Ein seichter Bach schlängelt sich durch die Landschaft. Dahinter steigt das Gelände an, Ahorne, Weißbuchen, Eichen bilden einen Wald, der schon immer wild wachsen durfte. Als Naturschützer vom WWF 2013 die Idee hatten, den ausgestorbenen europäischen Bison zurück in die Berge Aserbaidschans zu bringen, suchten sie lange nach einem geeigneten Terrain. Sie besichtigten bereits bestehende Wiederansiedlungsprojekte in Rumänien, im polnisch-weißrussischen Białowieża-Nationalpark und im russischen Nordkaukasus. Sie durchfuhren das aserbaidschanische Gebirge und wogen verschiedene Standorte gegeneinander ab. Schließlich fiel die Wahl auf den Bezirk Ismajili im Shahdag-Nationalpark. Hier, bei Buynuz, gibt es genug Platz für Eingewöhnungswiese und Auswilderungsgehege, mit dem Bach ist eine natürliche Wasserquelle vorhanden. Die Formation der Berge bildet einen natürlichen Korridor in den Kern des Nationalparks hinein, weit weg von den Dörfern an seinen Rändern.
Außerdem hat in Buynuz die Nationalparkverwaltung ihren Sitz, in den Sommerferien bietet sie Bildungs-Camps für die Kinder der Region an, sie ist Ansprechpartnerin für Bauern, die Probleme mit Wölfen haben. Die Bevölkerung ist also mit dem Thema Wildtiermanagement vertraut, und ohne dies geht es auch in den Weiten des wilden Kaukasus nicht. Zwei Wildhüter durchstreifen das Gebiet täglich, zu Fuß oder auf kleinen, trittsicheren Pferden. Sie informieren Projektleiterin Zeynab Khalilova, wo sie die Wisente gesehen haben, in welchem Ernährungszustand sie sind, ob es Verletzungen gibt und ob Kälber geboren wurden.
Baumschäden durch Rindenschälen
Im Frühjahr 2024 ist auch Aurel Heidelberg vom WWF nach Aserbaidschan gereist, um sich über das Projekt zu informieren. Zusammen mit Zeynab Khalilova besichtigen er und eine kleine Gruppe Wildhüter und Naturschützer das Auswilderungsgehege. Ihr Weg quert dabei immer wieder einen Wildbach und nutzt streckenweise die steilen Trampelpfade der Wisente. Heidelberg fällt ein junger Ahorn auf, erst wenige Jahre alt, nur daumendick seine Triebe. Im Tierschützer Heidelberg meldet sich der studierte Förster: „Abgebissen“, murmelt er und nimmt einen Trieb zwischen die Finger, der ihm nur bis zur Hüfte reicht. „Geschält“, sagt er zu einem abgestorbenen Ast, dem die Rinde fehlt. „Die Wisente schädigen die Bäume, das ist ganz klar“, sagt Heidelberg. Die Bäume störe das nicht weiter, die würden weiter wachsen. Aber krumm, schief, vernarbt. „Teures Stammholz wird das nicht mehr.“ Wegen ihrer Vorliebe fürs Rindenschälen wurde ein Freisetzungsexperiment mit Wisenten im nordrhein-westfälischen Wittgenstein 2024 abgebrochen und nach 14 Jahren in Freiheit wurden die Tiere wieder eingesperrt, zu groß war der Widerstand der örtlichen Waldbauern.
Den Wald im Shahdag-Nationalpark aber haben nicht Förster geprägt, sondern die Zeit, Wind und Wetter. In den Tälern wachsen Weiden, Birken und Pappeln, an den Hängen orientalische Buchen, Ahorne, Eichen, Hainbuchen und Weißdorn. Dicke Schichten weichen, dunkelgrünen Mooses liegen auf Baumstämmen, Ästen und Felsbrocken. Braunes Laub bedeckt den Boden, dazwischen fast verblühte Veilchen, weiße Primeln, Bärlauch, dunkelpinke Orchideen. Hier und da türmen sich wahre Baumriesen auf dem Waldboden, bilden Brücken über kleine Täler, „die sind tausend Jahre alt“, sagt Heidelberg und weist auf die sonnigen Lichtungen, die die alten Bäume schlagen, wenn sie stürzen. Sobald Licht auf den Waldboden fällt, nutzen junge Ahorne, Eichen und Buchen ihre Chance und schießen in die Höhe. So wechseln sich dicke, hohe Bäume mit mächtigen Kronen, die in großen Abständen voneinander wachsen, mit Zonen dichten, buschigen Bewuchses ab. Hier lässt sich ein gewachsener Urwald besichtigen, den es auch in den stillgelegten Forsten der Nationalparks in Deutschland nicht mehr gibt. Doch trotz der wilden Anmutung: Das Gehege ist mit einem Elektrozaun umgeben. Er ist so gespannt, dass Wölfe, Rehe, Dachse und Schakale ihn passieren können, die Wisente aber nicht. So kann Bison bonasus unter Aufsicht wild werden. Die Wildhüter können Tiere bei Bedarf medizinisch versorgen oder zufüttern, wenn der Winter zu streng ist. Bis zum Frühling bleiben die Neuankömmlinge in diesem Bereich, dann öffnet sich auch dort ein Tor für sie. Die Wildhüter hängen den Draht des Elektrozaunes aus und geben den Weg frei in den 130.000 Hektar großen Shahdag-Nationalpark.
Gefahren in freier Wildbahn
Durch die entstandene Lücke im Zaun ziehen die Wisente ins Gebirge. Unter Aufsicht bleiben sie dennoch. „Wir müssen sie von den Nutztieren fernhalten“, sagt Khalilova, „nicht, weil sie für Kühe oder Schafe gefährlich sind, eher umgekehrt“. Zum Beispiel können Insekten wie Fliegen oder Mücken verschiedene Krankheiten oder Parasiten von Hausrindern auf Wisente übertragen, ohne einen direkten Kontakt mit ihnen zu haben. Eine Gefahr sind Augeninfektionen: Das Moraxella-Bakterium kann beispielsweise Infektionen auslösen, die bis zum vollständigen Erblinden der Tiere führen. In diesem Sommer fanden die Wildhüter nur ein Tier mit Symptomen einer Augeninfektion. Da es sich in der Nähe des Auswilderungszentrums befand, konnte es durch Tierärzte und Wildhüter behandelt werden und wird nun dort weiter versorgt. „Um den noch fragilen Wisentbestand zu schützen, versuchen wir grundsätzlich den Übertragungsweg vom Haus- auf das Wildrind zu unterbrechen“, sagt Heidelberg, „oder wenigstens das Risiko einer Infektion zu verringern“. Das heißt, die transportierten Tiere werden bereits im Frühjahr, vor der Hauptsaison von Fliegen und Mücken, in die hochliegende Kernzone des Nationalparks entlassen. Seitdem gehen die nachgewiesenen Infektionen zurück. „Ob wir auch in Zukunft noch infizierte Tiere behandeln, hängt von vielen Faktoren ab“, sagt Heidelberg, man müsse sich auch an den Gedanken gewöhnen, dass die Tiere Krankheiten erliegen oder von Großraubtieren wie Wölfen gerissen werden. Beides sei Teil eines natürlichen Anpassungsprozesses.
Ein gefährlicher Zeitpunkt im Leben eines Wisents in der freien Wildbahn bleibt die Zeit unmittelbar nach der Geburt, weil sich die Kuh dabei von der schützenden Herde absondert. So haben 2024 vier von zehn Kälbern ihren ersten Sommer nicht überlebt. „Es ist zu erwarten, dass auch die Wölfe im Gebirge ihre Jagdstrategien anpassen, um diese zurückgekehrte, für sie neue Beuteressource zu nutzen und ihren Speiseplan zu erweitern“, sagt Heidelberg. In Nordamerika haben sich Wölfe auf Bisons und Moschusochsen als Beutetiere eingestellt. Sie bilden dort große Rudel, um die mächtigen Pflanzenfresser gemeinsam zu jagen. Ob die Wisente nicht nur das Verhalten der Wölfe, sondern die ganze Flora und Fauna des Kaukasus verändern könnten, ist eine der interessanten Fragen, die das Projekt aufwirft. Kehren mit den Wisenten Insekten- oder Pflanzenarten ins Gebirge zurück, die zuvor mit ihnen verschwanden? Eine wissenschaftliche Begleitforschung wäre äußerst lohnenswert, für das Projekt gibt es sie bisher allerdings wenig.
Unbekannte Wanderrouten
Eine weitere Frage kam durch die Auswilderungsprojekte auf: Wie weit wandern die Tiere? Erst in diesem Sommer zum Beispiel ist Shahzubar wieder aufgetaucht, der erste, der im Nationalpark geboren wurde. Vor etwa zwei Jahren verschwand das Tier von der Bildfläche. Im August sah ein Schäfer zwei männliche Wisente in der Nähe einer Sommerweide hoch oben auf der Alm und informierte die Wildhüter. Diese installierten eine Kamerafalle, in die Shahzubar und sein Gefährte prompt hineintappten. Die Aufnahmen zeigen die beiden Tiere in gutem Gesundheitszustand. Interessant wäre es zu erfahren, welche Wanderwege die Bullen die vergangenen zwei Jahre im Hochgebirge genommen haben. „Wir bräuchten hier deutlich mehr Forschung“, sagt Heidelberg, „um zu verstehen, wie Wisente und das Ökosystem Wald interagieren“. Bislang ist die Zahl der Rinder zu gering, als dass sie in Landschaft oder Artenvorkommen eingreifen könnten. Doch die Zootiere vermehren sich. Aus 46 Wisenten, die bislang in den Nationalpark gebracht worden sind, ist eine Population von 70 Tieren geworden, die in mehreren Herden durch die Wälder ziehen. „Bis 2028 sollen es 130 bis 150 werden“, sagt Heidelberg, so viele seien für einen vitalen Bestand mindestens notwendig. Ob die Bevölkerung einen so hohen Bestand duldet, ist allerdings noch unklar. Denn die Region mag zwar dünn besiedelt sein – menschenleer ist sie jedoch nicht.
Der Bauer Nabi Alijev etwa lebt schon immer in der Region Ismajili. Er besitzt 40 Kühe und ebenso viele Schafe. Die schickt er im Sommer mit dem anderen Vieh aus dem Dorf hoch auf die Almen im Nationalpark. Abwechselnd ziehen die Bauern für einige Tage hinauf auf die Sommerweiden zu ihren Tieren. Sporadisch kämen dorthin auch die Wisente, berichten die Hirten, überwiegend hielten sich die Wildrinder aber im Wald auf. „Noch gab es keine Konflikte“, sagt Heidelberg, „aber wir müssen das weiter beobachten“. Der Hirte Alijev hat bislang nichts gegen die neuen Mitbewohner auf der Alm. Er fürchtet eher die Wölfe, die seine Schafe reißen, und ärgert sich über Bären, die den Honig aus seinen Bienenstöcken klauen. Würde die Zahl der Wisente für die Almbauern irgendwann zum Problem werden, könne man sie ja wieder jagen, sagt Alijev. Bis dahin aber ist es noch ein weiter Weg. //
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