Im Kampf gegen den Klimawandel und das weltweite Artensterben spielt die Wiederherstellung beschädigter Ökosysteme eine wichtige Rolle. Aber wie? Eine mögliche Lösung ist das Rewilding – dabei soll Natur in einen ursprünglicheren Zustand zurückversetzt werden.
Sie haben noch 2 von 3 kostenlosen Artikeln übrig1/3
Text: Bettina Wurche
Intakte Ökosysteme sind nicht nur Lebensräume für Tiere, Pflanzen und andere Lebewesen, sondern auch Grundlage menschlichen Lebens. Fehlt ein Puzzleteilchen, kann eine Lawine ins Rollen kommen. Darum haben die Vereinten Nationen im Jahr 2020 die Dekade zur Wiederherstellung von Ökosystemen ausgerufen. Helfen könnte dabei Rewilding, eine Naturschutzidee aus den 80er Jahren, die die Weltnaturschutzunion IUCN so erklärt: „Beim Rewilding werden Ökosysteme wiederhergestellt, die zuvor durch menschliche Eingriffe verändert wurden, und zwar unter Verwendung der Pflanzen und Tierwelt, die vorhanden wären, wenn die Eingriffe nicht stattgefunden hätten.“
In den USA gibt es solche Ansätze schon länger: Seit den 70er Jahren läuft dort zum Beispiel die Wiederansiedlung von Bisons. Noch vor 200 Jahren zogen Millionen von ihnen über die Prärien, sie erschufen und erhielten Lebensräume für eine Vielzahl anderer Arten. Mit ihren Hufen lockerten sie den Boden, dadurch entstand ein Mosaik aus Mini-Ökotopen für kleinere Tiere, vom Präriehuhn bis zu Zwergzikaden. Beim Wälzen hinterließen sie Kuhlen, in denen sich Wasser sammelte. Ihr Kot war Dünger für Pflanzen und Kinderstube für viele Insekten, die wiederum als perfekte Proteinhäppchen für Vögel dienten. Bis die europäischen Siedler kamen, die Bisons abschlachteten und aus der Prärie Acker- und Weideland machten. Doch seit die Erträge der landwirtschaftlichen Nutzung sinken, weil der Wassermangel durch die Klimakrise zunimmt, haben es Projekte wie „Rewilding Americas Prairies“ in Montana leichter und können aufgegebene Flächen nutzen. Und sorgen dafür, dass mithilfe der Bisons der degradierte Boden wieder zu Prärie werden kann.
Riesige Landschaftspfleger
Gewaltige Pflanzenfresser, wie Bisons und Elche, aber auch Raubtiere wie Wölfe, große Vögel und Fische, gehören zur sogenannten Megafauna. Nach der letzten Eiszeit vor 12.000 Jahren gab es auf der Nordhalbkugel nur noch wenige solcher Riesen. So existierten auf der sibirischen Wrangel-Insel noch bis vor etwa 4.000 Jahren Mammuts. Und in den mitteleuropäischen Buchenwäldern streiften bis in die Neuzeit Wisente und Auerochsen, Bären und Wölfe umher, bis siedelnde Menschen sie ausrotteten. Heute leben die meisten Großtiere auf der von Menschen weniger stark geprägten Südhalbkugel. Auf der Nordhalbkugel sind sie nicht mehr so häufig zu finden, denn gerade große Tiere konkurrieren oft mit menschlichen Interessen. Darum versuchen Naturschützer jetzt behutsamere Rückverwilderungen, in denen auch Platz für die Menschen bleibt.
Wölfe regulieren den Wildbestand
In natürlichen Ökosystemen regulieren große Raubtiere die Huftierbestände und schützen damit Wälder vor der Überweidung. In Nordamerika und Europa sind Wölfe neben Bären die wichtigsten Jäger. Ein Lehrstück über ökologische Zusammenhänge sind die Wölfe im US-amerikanischen Yellowstone-Nationalpark. Dort hatten sich nach der Ausrottung der grauen Jäger um 1920 Wapiti-Hirsche unkontrolliert vermehrt und den Baumbestand schwer geschädigt. Die Wiedereinführung von Wolfsrudeln ab 1995 veränderte den Park allmählich. Auch der Baumbestand hat sich erholt. Heute leben rund 100 Wölfe im Park, in acht Rudeln.
Mehr aus Erde & Umwelt
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Erde & Umwelt.
Braunbären haben als echte Anpassungskünstler mehrere Eiszeiten überlebt. Eine 3D-Analyse zeigt nun den Grund dafür - er steckt im Unterkiefer.
Erde & Umwelt
Aus Alt mach Neu: Retrofitting macht Dieselbusse zu E-Bussen
8. Juli 2026
Die Verkehrswende ist eine Voraussetzung für die Klimaneutralität. Eine Studie zeigt, wie Dieselbusse klimafreundlich auf Elektroantrieb umgerüstet werden…
Prinzipiell besteht Rewilding aber nicht nur aus der Wiederansiedlung von großen Arten, sondern auch aus der Umsetzung des „3C-Konzepts“: Große Kernschutzgebiete (Cores) sind durch Korridore (Corridors) verbunden, sodass sich auch große Raubtiere (Carnivores) über weite Distanzen frei bewegen können. So sollen die Artengemeinschaften ein Gebiet allmählich wieder ursprünglicher und artenreicher machen.
Pleistozän-Park mit Mammuts
Eine weitere, zentrale Frage beim Rewilding lautet: Was ist der Urzustand eines Ökosystems? Ein russisches Rewilding-Projekt will sogar über 11.000 Jahre zurückgehen – in die eiszeitlichen Steppen des Pleistozäns. So hatte der russische Geophysiker Sergey Zimov bereits 1989 die Idee des Pleistozän-Parks: ein wissenschaftlich begleitetes ökologisches und Klimaschutz-Projekt in den eisigen Weiten Ostsibiriens. Im Projektgebiet leben neben Rentieren auch andere zottelige Grasfresser wie jakutische Pferde, Moschusochsen sowie Trampeltiere. Gemeinsam sollen sie die bewaldeten Tundra- und Taiga-Ökosysteme in die gräserne Mammutsteppe von vor 10.000 Jahren zurückverwandeln. Ziel des Pleistozän-Park-Projekts ist, das Auftauen des Permafrostes zu verlangsamen. Denn die Erderwärmung führt in Sibirien zum großflächigen Auftauen des Bodens, was besonders große Mengen des klimaschädigenden Methans freisetzt.
Während die meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Wandel von den pleistozänen Graslandschaften zur heutigen Taiga und Tundra durch Klimaveränderungen wie den Anstieg der Feuchtigkeit erklären, meint Zimov, dass die menschliche Bejagung maßgeblich zur Ausrottung der großen Tiere führte und darum die Wiederansiedlung der früheren Artengemeinschaft den Boden automatisch verbessern wird. Auf den kontrollierten Versuchsflächen sind erste Erfolge zu sehen, erklärt Nikita Zimov, der als Direktor des Pleistozän-Parks gemeinsam mit seinem Vater Sergey forscht. Bodenanalysen zeigen, dass der Boden durch die Grasfresser dichter und trockener wird, außerdem bindet er mehr Kohlenstoff. Messstationen im Park sind Teil eines arktischen Forschungsnetzwerkes zur Atmosphärenforschung, an dem auch deutsche Wissenschaftler beteiligt sind.
In Paläo-Ökosystemen war meist auch eine Nische für Rüsseltiere, die aufgrund ihrer Größe den Boden besonders effektiv bearbeiteten. Der US-amerikanische Genetiker George Church arbeitet in seinem Bio-Labor Collosal deshalb daran, Mammuts für den Pleistozän-Park zu klonen, bislang erfolglos. Und zudem umstritten: Die künstliche Wiederbelebung ausgestorbener Tierarten ist eine ethische Grundsatzfrage, genauso wie das Verpflanzen des Mammut-Klons in eine Elefantenkuh – Elefanten stehen unter striktem Artenschutz. Dass ein soziales Lebewesen wie ein Mammut nicht allein aufwachsen kann, wäre das nächste Problem.
Wie wild kann Europa werden?
Die UN-Dekade zur Wiederherstellung von Ökosystemen ist auch im dicht besiedelten Europa ein wichtiges Thema: 2020 hat die Europäische Kommission die europäische Biodiversitätsstrategie für 2030 vorgelegt. Geschädigte Ökosysteme sollen wiederhergestellt, neue Schutzgebiete geschaffen werden. Aber gerade in Europa kollidiert der Naturschutz schnell mit menschlichen Interessen. So ist die Wiederansiedlung von Wisenten in Nordrhein-Westfalen nach einem langjährigen Rechtsstreit offenbar endgültig gescheitert. Die Tiere waren im Rahmen eines Artenschutzprojekts vor elf Jahren ausgewildert worden. Doch aus acht Wisenten wurden bald über 40. Auch verließen die Zotteltiere immer wieder das Projektgebiet und erregten dadurch den Zorn anderer Waldbesitzer, da sie in deren wirtschaftlich genutzten Wäldern finanzielle Schäden verursachten. So warten die Tiere nun in einem Gehege auf neue Besitzer.
Eine Erfolgsgeschichte ist dagegen die Wiederansiedlung von wilden Pferden im Nordosten Portugals, im Côa-Tal. Pferde genießen unter anderem als Reittiere ein hohes Ansehen und damit eine höhere Akzeptanz in der Bevölkerung. Darum leben Sorraia-Pferde seit 2013 wild auf aufgegebenen Weiden, deren Bewirtschaftung sich aufgrund des zu geringen Ertrags nicht mehr lohnt. Aber den genügsamen Tieren reicht es, und so renaturieren sie mit Grasen und Verdauen, Trampeln und Wälzen die Graslandschaft und stellen deren Ökosystemfunktionen wieder her – wie die Eindämmung der in Südeuropa zunehmenden Buschbrandgefahr.
Rewilding auf 450.000 Hektar
An der deutsch-polnischen Grenze erstreckt sich von der Odermündung bis weit ins Binnenland das 450.000 Hektar große „Rewilding Oder Delta“-Programm mit Steilküsten und Sandstränden, Buchenwäldern und trockenen Heidelandschaften, Auenwäldern und Mooren. Es wurde von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) initiiert. Der Umweltverband arbeitete dabei mit deutschen und polnischen Kooperationspartnern aus Naturschutz, Tourismus und Unternehmen zusammen, die Anfänge gehen zurück bis ins Jahr 2012. Seit 2019 koordiniert nun der dafür gegründete Rewilding Oder Delta e. V. (www.rewilding-oder-delta.com) das Programm.
Erprobt werden dabei auch freiwillige Formen der Landschaftsentwicklung, erklären die Nachhaltigkeitswissenschaftlerin Stephanie Jahn und der Ökonom Bernd Hansjürgens vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. „Wir können die Uhr ja nicht 200 Jahre zurückdrehen“, sagt Bernd Hansjürgens, Naturschutz gelinge nur mit den dort lebenden Menschen. Die Teilnahme ist daher freiwillig, es gibt keine verpflichtenden Naturschutzvorgaben. Rewilding bedeutet hier, dass neben der Bewirtschaftung ökologisch wertvolle Prozesse gefördert werden. Wildtiere werden nicht ausgesperrt, sondern dürfen neben Rindern oder Pferden weiden. So ziehen sie auch andere Arten nach sich.
Auch Moore können nachhaltig bewirtschaftet werden: Statt Entwässerung und damit verbundener Freisetzung von CO2 aus dem Boden, können Schilf oder Gräser geerntet und als Baumaterialien verkauft werden. Eine weitere wichtige Einnahmequelle ist der naturnahe Tourismus. Am Ostsee-Sandstrand liegen die über zwei Meter großen Kegelrobben, deren im Winter geborene Junge mit dem weißen Fell eine besondere Attraktion sind. Und als wichtiger Rastplatz für Zugvögel zieht das Areal viele Vogelbeobachter an. Die von Stephanie Jahn und Bernd Hansjürgens durchgeführte ökonomische Machbarkeitsstudie zeigte wohl deshalb auch eine hohe Zustimmung der befragten Bürgerinnen und Bürger.
Elche, Kegelrobben und Störe
Nach Abschluss der Machbarkeitsstudie begannen Biologinnen und Biologen mit der Bestandsaufnahme: Mit Kamerafallen im deutschen und polnischen Teil der Ueckermünder Heide und einem polnischen Areal zeichnen Néstor Fernandez Requena vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung Halle–Jena–Leipzig und andere Forschende die dort lebenden Arten auf: „Die Aufnahmen zeigen neben Reh-, Dam- und Rotwild häufig auch Wölfe und Biber.“ Auf der polnischen Seite gibt es Spuren von Elchen, die mehrfach schon über die Grenze geschwommen und getrabt sind. Zusätzlich rekonstruieren die Biologen aus historischen Quellen das einstige Artenspektrum.
Aus all diesen Informationen, so erklärt Néstor Fernandez Requena, werden Karten von möglichen Korridoren zur Verbindung der einzelnen Lebensräume für Behörden, Naturschutzorganisationen und private Landbesitzer erstellt – damit Elche und andere Tiere wieder im gesamten Oderdelta umherstreifen können.
Zu den Oderdelta-Ikonen gehört auch ein urtümlich gepanzerter Fisch: der bis zu fünf Meter lange Baltische Stör. Der Letzte wurde um 1960 dort dokumentiert. Störe pflanzen sich im Fluss fort, wachsen dort heran und wandern als Jungtiere in die Ostsee. Jörn Geßner, Biologe am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei Berlin, arbeitet seit 1996 an ihrer Wiederansiedlung. Sorgen macht ihm, dass am Mittellauf der Oder neue Staustufen entstehen sollen, um den Fluss als wichtigen Verkehrsweg durchgehend für große Schiffe befahrbar zu machen. „Die Buhnen, die den Strom kanalisieren und gleichförmig machen sollen, vernichten wichtige Lebensräume. Die geplanten Staustufen für ausreichende Wassertiefe unterbrechen die Wanderroute der Fische und machen aus dem Strom einen See. Leider ist – auch in den Schutzgebieten – der weitere Flussausbau geplant.“
Positiv sei, so Gessner, dass Polen die Salzeinleitung aus Bergbaubetrieben reduzieren will. 2022 war die Salzkonzentration bei sommerlichem Niedrigwasserstand so hoch geworden, dass eine giftige Goldalgenblüte ein Fisch-Massensterben verursachte: „Die Giftwelle hat auch 20.000 von unseren 30.000 Jungstören getötet.“ Glücklicherweise war zumindest ein Teil der älteren Fische schon sicher in der Ostsee angelangt. Anfang Juni 2024 kam es dann zu einem weiteren Massensterben von Fischen – wieder durch Goldalgen. Dabei hatte das polnische Umweltministerium erst im Mai 2024 die Verbesserung der Oder-Wasserqualität zugesagt.
Städte wagen Wildnis – gegen Asphaltwüsten
Rewilding im Kleinen versuchen inzwischen auch Städte, denn sie leiden besonders unter der Klimaänderung: Beton, Asphalt und Stein erwärmen sich im Sommer auf unbarmherzige Temperaturen und Starkregen flutet Straßenschluchten, U-Bahn-Schächte und Keller. Dabei kühlen schon kleine Grünflächen ihre Umgebung und regulieren den Wasserhaushalt. Da freie Flächen in Metropolen Mangelware sind, müssen Umweltämter erfinderisch werden, um Platz für kleine Stadtwildnisse zu finden, erklärt Thomas Hartmanshenn, Abteilungsleiter im Umweltamt der Stadt Frankfurt am Main. In der Main-Metropole bot sich dafür die 15 Hektar große Fläche am Fuße der sanierten Mülldeponie „Monte Scherbelino“ an. Statt der geplanten Aufforstung mit Bäumen entschied man sich hier fürs Nichtstun: Die Fläche blieb unbepflanzt und offen für die natürliche Wiederbesiedlung durch Pflanzen und Tiere, die aus dem restlichen Stadtgebiet herangeflogen oder -gekrabbelt kommen. Vom benachbarten Stadtwald oder den Friedhöfen mit ihrem alten Baumbestand und den Refugien nicht nur für Vögel. Auf einigen Kiesflächen des „Monte Scherbelino“ nisten Flussregenpfeifer, Geröll- und Sandhalden bieten kleine Paradiese für Wildbienen und Zauneidechsen. Ein Zaun schützt das Areal vor Störungen, vor allem durch Menschen und Hunde. Die keimende Wildnis darf nur bei Führungen betreten werden.
Die Rückverwilderung durch Nichtstun kann verlorene Artengefüge und ökologische Prozesse zurückbringen. Sie kann mehr Kohlenstoff binden und in Städten und Landschaften Pufferzonen gegen Hitzewellen, Starkregen und andere Extremwetter-Ereignisse schaffen. Rewilding-Projekte können Agrar- und Industriebrachen zu ökologisch wertvollen Räumen machen und Naturverständnis in urbane Räume bringen, auch im dicht besiedelten Europa. Für mehr Wildnis ist überall Platz – an manchen Orten für ein paar Wildblumen, andernorts für Wisente. Oder sogar Wölfe. Dass die EU im Juni 2024 die Verordnung zur Wiederherstellung der Natur (Nature Restoration Law) beschlossen hat, lässt ebenfalls hoffen. //
Erde & Umwelt
Ozeanerwärmung lässt Meerestiere schrumpfen
6. Juli 2026
Meerestiere werden in Reaktion auf Umweltkrisen kleiner, besonders bei einer Erwärmung der Ozeane. Dadurch könnte der aktuelle Klimawandel den marinen…
natur PlusErde & Umwelt
Schutz der Halligen
6. Juli 2026
Auf der Hallig Nordstrandischmoor wird erprobt, wie Halligen durch vermehrte Einschwemmung von Sediment den Klimawandelfolgen besser trotzen können.