Text: Oliver Abraham
Eine der Ziegen streckt sich nach frischem Grün, eine andere macht es ihr nach, es raschelt in den Ästen, schließlich knicken einige Zweige ab. „Wenn sich die Ziegen auf die Hinterläufe stellen und recken, können sie eine Höhe von 1,60 Meter erreichen“, sagt Christian Hohmann. Der Landwirt im Nebenerwerb aus Wickers in der Rhön hält Ziegen zur Landschaftspflege. Die Herde besteht aus 30 Exemplaren der Rassen Deutsche Edelziege und Thüringer Waldziege. Seinen Bestand hat Hohmann sorgfältig aufgebaut: „Die Ziegen haben unterschiedliche Charaktere und unterstützen sich gegenseitig. Sie lernen zum Beispiel voneinander, wie am besten und welche Baumrinde abgefressen werden kann.“
Fleißig schützen die Paarhufer hier eine historische Kulturlandschaft – und damit ein ökologisch wertvolles Arteninventar – vor dem Überwachsen durch Gestrüpp. Sie knabbern geschickt Triebe und Blätter von Büschen und Bäumen. Zudem schälen sie mit ihren Hörnern beim Scheuern Rinde von Stämmen und Ästen ab. Unerwünschtes Gehölz geht ein, wenn sich Ziegen daran gütlich tun. Und sie tun es mit Hingabe. „Ziegen stören im Gegensatz zu großem Weidevieh keine Vögel. Deshalb können sie auch zur Brutzeit eingesetzt werden, wenn das Gehölz im Saft steht und so effektiv bekämpft werden kann“, sagt Hohmann. „Und sie verbeißen auch keine seltenen und gewünschten Silberdisteln.“
Der Ziegenhalter setzt seine Tiere unter anderem in der Reulbachhute ein. Ein steiniges, steiles Gelände, das den Tieren einiges an Trittsicherheit abverlangt. Zudem ist das Futter dornig. „Die Landschaft hier ist nun einmal, wie sie ist – für die Beweidung anspruchsvoll“, sagt Hohmann. „Wollen wir diese offene Kulturlandschaft erhalten, brauchen wir Ziegen. Aber Ziegen sind gewieft und nicht einfach zu halten. Man benötigt einen ordentlichen Zaun, der die Kletterkünstler an Ort und Stelle hält“, betont er.
In der Hute müsse besonders die dornige Schlehe im Zaum gehalten werden. „Die Tiere fressen die kleinen frischen Triebe des neuen Austriebs ab und verhindern so die Ausbreitung“, erklärt Hohmann und fährt fort: „Ich stelle die Ziegen von Schlehe zu Schlehe. Erst wenn sie den Busch weit genug heruntergefressen und damit geschwächt haben, geht es an einen neuen, frischen.“
Die „Kuh des kleinen Mannes“ als Artenschützer
Seit 30 Jahren beweiden auch die Ziegen – hauptsächlich Burenziegen – von Werner Siewers aus Beverungen (NRW) einen ökologisch wertvollen Kalkmagerrasen. Das Naturschutzgebiet ist gut acht Hektar groß. „Die Ziegen verbeißen enorm“, sagt Siewers. Und leisten damit einen großen Beitrag zum Erhalt eines Gebiets in seiner früheren Form, als Nutztiere dort noch zum Landschaftsbild gehörten. „Bis in die 60er Jahre wurden hier Ziegen gehalten“, berichtet Siewers, „der Hirte holte die Tiere morgens ab und brachte sie an den Berg, abends liefen sie von allein zurück.“ Ziegen galten als „Kuh des kleinen Mannes“, erzählt er. Sie waren günstiger und anspruchsloser als Rinder, lieferten aber trotz der mageren Weidegründe gute Milcherträge und Fleisch. Damals waren die Herden zehnmal so groß wie heute.





