Bei der Wende weg von fossiler hin zu erneuerbarer Energie wird Wasserstoff – insbesondere nachhaltig erzeugter, „grüner“ Wasserstoff – wahrscheinlich eine immer wichtigere Rolle spielen. Er könnte in Brennstoffzellen als Antrieb dienen und in einigen Industrieprozessen wie der Stahlerzeugung oder Ammoniakproduktion als Brennstoff eingesetzt werden. Aus Wasserstoff lassen sich auch synthetische, emissionsarme Kraftstoffe herstellen. Zudem eignet er sich zum Speichern von nicht benötigtem Strom.
Erster globaler H2 -Potenzialatlas veröffentlicht
Sich als Land für die Zukunft zu rüsten, bedeutet somit auch, frühzeitig mögliche Wasserstoff-Lieferketten und -Produktionsanlagen im Blick zu haben. Um dabei eine Orientierung zu bieten, haben Forschende um Martin Wietschel vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe nun den ersten globalen H2 -Potenzialatlas veröffentlicht. In technischen, ökonomischen, regulatorischen und sozialen Analysen ermittelte das Team dafür unter anderem die besten Standorte für grüne Wasserstoffwirtschaft, den Gesamtbedarf der Zukunft und mögliche Preise pro Kilogramm Wasserstoff.
Ein zentrales Ergebnis: Die globale Nachfrage nach grünem Wasserstoff und seinen Syntheseprodukten wird wahrscheinlich deutlich steigen. Im Jahr 2050 könnte der Bedarf Wietschel und seinem Team zufolge bereits zwischen vier und elf Prozent des globalen Endenergiebedarfs betragen, in Deutschland aufgrund der ausgeprägten Industriekultur sowie des wichtigen Stahl- und Chemiesektors sogar rund 20 Prozent. Komplett selbst produzieren können wir diese enormen Wasserstoffmengen allerdings nicht, wie die Forschenden feststellen. Wir werden stattdessen stark auf Importe aus anderen Ländern angewiesen sein. Doch aus welchen?
Welche Länder wären die besten Exporteure?
Innerhalb Europas würden sich dem Potenzialatlas zufolge zum Beispiel Spanien, Frankreich, Dänemark, Großbritannien und Polen als Wasserstoff-Exporteure anbieten. Wietschel und seine Kollegen plädieren daher für eine gut ausgebaute europäische Wasserstoffpipeline-Infrastruktur. Auch außerhalb Europas könnte Deutschland geeignete Handelspartner finden, darunter vor allem Marokko, die Vereinigten Arabischen Emirate, Kanada, Brasilien sowie Chile. Günstig wären die Importe allerdings nicht. Wie die Forschenden errechnet haben, dürfte jedes nach Europa importierte Kilogramm Wasserstoff im Jahr 2030 zwischen 3,50 Euro und 6,50 Euro kosten. Bis 2050 könnten die Kosten immerhin ein wenig sinken: auf 2,50 bis 4,50 Euro pro Kilogramm.
So oder so plädiert Wietschel für frühzeitige Bemühungen: „Im Projekt wurde klar, dass sich Deutschland als großer künftiger Nachfrager um eine stabile und nachhaltige Versorgung mit dem zukunftsträchtigen Energieträger Wasserstoff kümmern muss – gerade auch mit Blick auf seine künftige Wettbewerbsfähigkeit, da der Wasserstoffeinsatz zur Dekarbonisierung in wichtigen Industriebereichen alternativlos ist. Daher gilt es, sich um internationale Kooperationen sowohl mit anderen importierenden Ländern als auch mit Exportländern zu bemühen. Fehler aus der Vergangenheit wie einseitige Abhängigkeiten sollten vermieden werden und bei der Auswahl künftiger Partner neben ökonomischen auch soziale und politische Faktoren eine zentrale Rolle spielen.“





