Der Europäische Braunbär (Ursus arctos arctos) kommt schon seit mindestens 175.000 Jahren in Europa vor und hat bereits mehreren Eis- und Warmzeiten getrotzt. Erst durch den Einfluss des Menschen und die Jagd sind die Bestände dieses großen Landraubtiers auf unserem Kontinent deutlich zurückgegangen. In West- und Mitteleuropa gibt es dadurch nur noch kleinere Restpopulationen, deutlich verbreiteter sind die Braunbären dagegen noch in Nord- und Osteuropa.
Unterkiefer-Anatomie verrät Nahrungsspektrum
Doch über die eiszeitliche Vergangenheit der Europäischen Braunbären war bisher wenig bekannt, unklar blieb daher auch, wie diese Bärenart es schaffte, die extremen Klimaschwankungen dieser Zeit zu überstehen. Eine Studie der Zoologinnen Anneke van Heteren von den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns und Monica Villalba de Alvarado von der Universität del País Vasco zeigt nun, was zu dieser Anpassungsfähigkeit beigetragen hat. „Ihre Fähigkeit, so extreme Klimaschwankungen zu bewältigen, spielte wahrscheinlich eine entscheidende Rolle für ihren evolutionären Erfolg. Braunbären sind seit dem mittleren Pleistozän kontinuierlich in Europa präsent. Spezialisiertere Arten wie der Höhlenbär starben hingegen aus”, sagt van Heteren.
Für ihre Studie verglichen die Forscherinnen mithilfe von 3D-Analysen die Unterkiefer fossiler und heutiger Braunbären mit denen der am nächsten verwandten Arten, darunter zwei ausgestorbenen Höhlenbärenarten sowie Eisbären. Die Morphologie der Knochen und Zähne erlaubt Rückschlüsse darauf, wie sich die Ernährung fossiler Braunbären in den vergangenen Kalt- und Warmzeiten verändert hat. „Die Form des Unterkiefers enthält viele Informationen über die Ernährung“, erklären die Zoologinnen. Sie untersuchten deshalb, ob und wie sich die Kieferformen verschiedener Bärenarten in den verschiedenen Klimaphasen unterschieden.
Kaltzeit-Bären kauten anders als Warmzeit-Bären
Die vergleichenden Analysen ergaben: Der grundlegende Bauplan des Kiefers blieb bei den Europäischen Braunbären über Jahrtausende hinweg erstaunlich stabil. Im Gegensatz zum spezialisierten pflanzenfressenden Höhlenbären oder dem fleischfressenden Eisbären behielt der Braunbär seine für eine vielseitige, allesfressende Ernährung geeignete Kieferstruktur bei.
Dennoch gab es im Laufe der Zeit auch kleine, aber entscheidende Anpassungen: Die Forscherinnen fanden feine Unterschiede an der Ansatzstelle des großen Kaumuskels. Im Laufe der Entwicklung veränderten sich diese Strukturen in Abhängigkeit davon, ob die jeweiligen Tiere in warmen oder kalten Klimaperioden lebten. Die Kaumuskeln fossiler Braunbären aus Kaltzeiten ähneln dadurch denen von Bären, die in kühleren Regionen der Nordhalbkugel und in großen Höhenlagen heimisch sind. Die Kaumuskeln fossiler Braunbären aus Warmzeiten, egal welchen geologischen Alters, unterscheiden sich davon deutlich.
„Diese morphologische Flexibilität der Kaustrukturen bei den Braunbären zeigt uns, dass die Tiere offensichtlich in der Lage waren, sich optimal an die selektiven Anforderungen ihrer Umgebung anzupassen”, erklärt van Heteren. Braunbären blieben demnach Allesfresser, passten sich aber durch die flexible Veränderung ihrer Kaumuskulatur an das unterschiedliche Nahrungsangebot an. Wahrscheinlich überlebten sie dadurch die starken Klimaschwankungen, während spezialisiertere Arten verschwanden.
Quelle: Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns; Fachartikel: Comptes Rendus Palevol, doi: 10.5852/cr-palevol2026v25a11





