Es ist ablaufendes Wasser und die Nordsee hat sich vor der Südwestspitze der Hallig Nordstrandischmoor weit zurückgezogen. Auf dem freigefallenen Meeresboden erstrecken sich weite, braunschwarze Flächen. Es ist Torfboden, ein Relikt der alten Küstenlandschaft, die – hauptsächlich in zwei großen, mörderischen Orkanfluten – vor einigen Jahrhunderten hier unterging. Damals wurde das Land zerrissen und die Küstenlinie neu gezeichnet. Die heutigen Halligen blieben übrig, zehn von ihnen gibt es in Nordfriesland.
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Text: Oliver Abraham
Es ist ablaufendes Wasser und die Nordsee hat sich vor der Südwestspitze der Hallig Nordstrandischmoor weit zurückgezogen. Auf dem freigefallenen Meeresboden erstrecken sich weite, braunschwarze Flächen. Es ist Torfboden, ein Relikt der alten Küstenlandschaft, die – hauptsächlich in zwei großen, mörderischen Orkanfluten – vor einigen Jahrhunderten hier unterging. Damals wurde das Land zerrissen und die Küstenlinie neu gezeichnet. Die heutigen Halligen blieben übrig, zehn von ihnen gibt es in Nordfriesland.
Sie werden von der Nordsee nicht nur umspielt, sondern auch regelmäßig überflutet. Bei Sturmsee ragen nur noch die Warften aus dem Wasser, die künstlich aufgeschütteten Hügel mit den Wohn- und Wirtschaftsgebäuden. Dort wird das „Landunter“ dann von den Halligbewohnern ausgesessen, gemeinsam mit ihrem von den Weiden heraufgeholten Vieh. In der Regel sind solche Überflutungen nicht dramatisch, und vor allem: Sie werden gebraucht. Denn jede Flut bringt Sedimente mit, dort, wo das Wasser zur Ruhe kommt, setzen sich Sand und Schlick ab. Letzterer ist ein feiner Schlamm aus mikroskopisch kleinen Tonmineralien und organischen Resten. Wenn Schlick trocknet, entsteht daraus fester, fruchtbarer Boden. Dadurch wachsen die Halligen – und das müssen sie in Zeiten des Klimawandels noch mehr, um mit dem steigenden Meeresspiegel Schritt zu halten.
Dass sich hier vor der Hallig im Watt jetzt der alte Torf wieder zeigt, ist eine schlechte Entwicklung. Es bedeutet, dass die See bei ihren zwei täglichen Gezeitenfluten an dieser Stelle mehr Sediment mitnimmt, als sie an Sand und Schlick zurückbringt. Gründe sind veränderte Strömungen oder stärkere Fließgeschwindigkeiten. Das Wattenmeer ist schon immer ein dynamischer Raum, der sich ständig verändert, heute verstärkt der Klimawandel diese Prozesse. Doch die Halligen brauchen die Sedimente, um nicht unterzugehen.
Höhere Warften
Die Hallig Nordstrandischmoor hat rund 20 Einwohner. Einer von ihnen ist Nommen Kruse, dessen Familie schon seit 300 Jahren auf der Hallig lebt. Nachdem die Warft in den Jahren um 2020 mit 88.000 Tonnen Sand auf sieben Meter über Normalnull aufgeschüttet worden war, wurden sein Haus und Hof dort neu gebaut – zwei Meter höher als der elterliche Hof, der wie geduckt nebenan steht.
Die neue „Klimawarft“ wurde nach der Hauptwindrichtung ausgerichtet. Auch der Neigungswinkel der Böschung wurde bei der Neuanlage angepasst, flacher als bisher, bietet sie der See bei einer Sturmflut nun weniger Angriffsfläche. Die erste Bewährungsprobe dafür kam schon eine Woche nach Einzug der Familie im Februar 2022. Kruse erinnert sich: „Wäre unsere Warft nicht schon fertig gewesen, hätte der Wellenschlag viel mehr Schaden angerichtet.“ Und die Bedrohung steigt – durch den Klimawandel sind auf der Hallig zukünftig höhere Überflutungswasserstände mit stärkerem Wellenschlag zu erwarten.
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Man könnte einen hohen Deich um die knapp zwei Quadratkilometer große Hallig ziehen, um sie vor dem Wasser zu schützen, aber dann säßen die Halligbewohner irgendwann dauerhaft unter dem mittleren Tidehochwasser hinter einem immer höheren Deich. Parallel zu dem steigenden Meeresspiegel müsste man immer wieder und immer mehr in den Deich investieren und dabei immer stärker gegen die Natur arbeiten.
Küstenschutz im Einklang mit der Natur
Doch Nommen Kruse will lieber mit der Natur arbeiten als gegen sie. Das Land vor dem Haus und Hof seiner Familie ist eine Salzwiese, Lebensraum vieler an nasse und salzige Verhältnisse angepasster Tier- und Pflanzenarten, Brut- und Aufzuchtgebiet seltener Vögel, Rastplatz im Vogelzug und Weidegrund für eine extensive Schafhaltung.
Nommen Kruse ist Landwirt im Nebenerwerb. Sein Hauptberuf ist Bauwerker für Küstenschutz, angestellt beim Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein (LKN-SH). Er ist Chef einer fünfköpfigen Truppe – drei Mann von der Hallig, zwei vom Festland –, deren Aufgabe es ist, die Hallig Nordstrandischmoor, ihre Bewohner und ihr Vieh, Häuser und Wirtschaft zu schützen. Wobei diese Aufgabe zwei Richtungen hat: den Schutz vor dem Wasser und den Schutz vor Landverlust. Dafür bauen, kontrollieren und pflegen die Männer die nötigen Infrastrukturen, etwa die vor der Hallig im Watt liegenden Lahnungsfelder.
Mit Lahnungsfeldern wird bei den Halligen und vor der Festlandküste seit Langem gearbeitet. Es gibt sie in unterschiedlich großen Flächen, eingezäunt mit Doppelreihen hölzerner Pfähle, zwischen die Buschwerk gedrückt wurde. Bei Niedrigwasser sind die Lahnungen weithin sichtbar. „Das sind seit Jahrhunderten bewährte Anlagen – sie sind einfach und sie funktionieren“, berichtet Kruse. „Zwischen diesen Strukturen kommt das Wasser bei Flut zur Ruhe und der Schlick kann sich absetzen.“ Irgendwann gehen die Karrees nicht mehr unter, und aus dem eingesammelten Schlick bilden sich neue Salzwiesen.
Andere Anlagen zur „Beruhigung“ des Wassers sind Buhnen, meist rechtwinklig zum Ufer verlaufende Dämme aus Holzpfählen, Steinschüttungen oder Beton. Beides, Lahnungsfelder und Buhnen, sind Bollwerke gegen die zerstörerische Kraft des Wasser und Helfer für den Landgewinn.
Der vom Meer mitgebrachte Schlick sei eine natürliche und kostenlose Ressource, betont Nommen Kruse. Aber man müsse sich mehr darum kümmern, ergänzt er mit Blick auf die erodierten Wattflächen vor der Norderwarft. „Man muss das managen“, sagt Kruse, „weil auf der Hallig Schlick gebraucht wird, um den Aufwuchs sicherzustellen.“ Und er ist sich seiner Verantwortung bewusst: „Wir können jetzt einen Weg einschlagen, um den Bestand der Hallig für Generationen zu sichern“, so Kruse.
Mit den Lahnungsfeldern könne man Schlick einfangen und über den Sommer ein Depot bilden, das die Fluten des Winters dann auf die Hallig tragen würden, erläutert Kruse. Doch das allein reiche noch nicht, sagt er. Die Einlassung und Verteilung von Wasser und Sedimenten auf den Halligen muss umfassend gesteuert werden. Dabei müssen natürliche wie künstlich geschaffene Bedingungen einbezogen werden.
So bildet sich etwa an der Kante der Hallig durch natürliche Ablagerungen von Sedimenten wie Sand, Muscheln oder Schlick ein Uferwall. Doch um ein Aufwachsen der Hallig insgesamt zu erreichen, wird das Sediment weiter innen auf der Hallig benötigt und nicht am Rand.
Außerdem wurde um die Hallig ein künstlicher „Igel“ gebaut, eine mit Bitumen abgedichtete Steinschüttung, die ihren Namen den ringsum hervorstehenden Steinen verdankt. Dieser Igel verhindert insbesondere in den Sommermonaten kleinere Überflutungen und schützt das Weidevieh und die Vogelbrut. Andererseits verhindert er aber, dass Sedimente auf die Hallig gelangen – und das selbst bei Fluten, die den Igel überwinden, da Sedimente bodennah mitgeführt und damit trotzdem von dem Hindernis zurückgehalten werden. Dafür braucht es Lösungen.
Direkt vor Kruses Warft liegt der „Rohrkoog“, eine besondere Weide, ausgestattet mit einer Rohrleitung und Gräben. An manchen Stellen ist die Weidenoberfläche – getrocknetes Sediment – rissig aufgebrochen und Milchkraut drängt hervor. Nommen Kruse nimmt einen kleinen Brocken vom Boden in die Hand: hellgrau, bröckelig, schon von Wurzeln durchzogen, einen halben Zentimeter dick – es ist das Ergebnis von einem Jahr Überflutungen, natürlichen wie auch gezielt herbeigeführten.
Der Rohrkoog ist durch ein Rohr mit einem Durchmesser von 50 Zentimetern mit der Wattfläche vor der Hallig verbunden, indem es unter dem Igel hindurchgeführt wird. „Während der Beweidungszeit und der Vogelbrut zwischen März und Oktober sind die Klappen außenseitig verschlossen“, erklärt Kruse. Ansonsten können Überflutungen von dem Küstenschützer gezielt gesteuert werden: „Bei hohen Außenwasserständen, also einer noch zurückgehaltenen Flut, kann suspensionsreiches Wasser bei geöffneten Klappen vom Wattboden durch das Rohr auf die Halligoberfläche fließen.“ Vor dem auf der Halligseite endenden Rohr liegen Schalen von Austern, Herz- und Miesmuscheln, Zeichen für die gute Transportleistung des Wassers.
Es gibt pro Jahr 30, 40 natürliche Landunter auf der Hallig. Bis zu 100 weitere Flutungen, die bisher durch den Igel aufgehalten wurden, kann Kruse nun zusätzlich auf den Rohrkoog einlassen. Durch das Rohr wird das Wasser in die Hallig hineingeleitet, Wasser und Sedimente werden über Gräben verteilt. Die Projektfläche des Rohrkoogs umfasst rund 6.000 Quadratmeter, seit dem Jahr 2020 wird hier mit sedimentreichem Wasser gezielt geflutet. „Wir konnten einen Anwachs von fünf Millimetern pro Jahr bilanzieren“, berichtet Nommen Kruse und kniet sich neben einen der Messpunkte. Auf den Flächen außerhalb des Versuchsfeldes liegt das Oberflächenwachstum auf der Hallig bei 0,5 bis 1,5 Millimeter pro Jahr. Und es steckt noch mehr Potenzial in den Maßnahmen, ist sich Kruse sicher. Um die Sedimente auf der Hallig möglichst gut zu verteilen, wird noch an Feinjustierungen wie Grabentiefen und Rohrhöhen gearbeitet.
Eine Überlegung ist auch, im Süden weitere Einlassrohre zu installieren und davor noch ein Lahnungsfeld anzulegen. Dann könnte man bei anderen Windverhältnissen dort vor der Küste möglichst viel Sedimente „fangen“ und später bei Flut und Sturm auf definierte Flächen fließen lassen. Man müsse flexibel werden, so Kruse, und alle Wetterlagen und jedes mögliche Sediment-Depot draußen im Watt nutzen. Natürlich immer einzeln abgestimmt mit dem Natur- und Küstenschutz.
Das Rohr der Versuchsanlage endet außendeichs auf dem Wattboden, man sieht es bei Niedrigwasser trockenliegen. Läuft die Flut auf, gelangt schlickbeladenes Wasser vor das Rohr und der hydrostatische Wasserdruck drückt das Wasser durch das Rohr in die Hallig. „Die einmaligen Kosten für den Bau einer solchen Rohranlage liegen bei knapp über 10.000 Euro“, rechnet Nommen Kruse vor, das sei doch überschaubar. Die Maßnahme sei leicht umsetzbar und ihr Effekt groß. Im Winter sei das Rohr meist durchgehend geöffnet.
Weitere Einlassrohre sind geplant, damit auch direkt die geöffnet werden können, vor denen ein Sturm steht und wo die Sedimente am stärksten aufgewühlt sind. „Wir brauchen eine Sedimenttransportoptimierung“, betont Kruse, „dazu müssen wir uns um die Westspitze ausweiten.“ Noch im Sommer 2026 soll es weitergehen.
Das „Projekt Rohrkoog“ wird von Matthias Deicke vom Geowissenschaftlichen Zentrum der Universität Göttingen, Abteilung Sedimentologie und Umweltgeologie, wissenschaftlich begleitet. Der Geologe und Geochemiker beschäftigt sich seit Längerem mit der Frage, wie angesichts eines global ansteigenden Meeresspiegels die Schutzmaßnahmen auf Halligen angepasst werden können. Dazu untersucht er Aufschlickungsprozesse und unterhält seit 2007 auf vier Halligen mittlerweile 63 Dauermessstationen, an denen das Oberflächenwachstum bestimmt werden kann. Um Aufschlickung und Oberflächenwachstum gezielt während eines Landunters dokumentieren zu können, setzten er und sein Team zudem Kunstrasenstücke, ähnlich einer Fußmatte, als Sedimentfallen ein.
Die Ergebnisse der Messungen zeigen: Sedimentation auf einer Hallig erfolgt nicht überall in gleicher Intensität, und nicht jedes Hochwasser bringt die gewünschten Sedimentmengen mit. Jede Hallig und jeder Ort darauf müssen einzeln betrachtet werden. Es lasse sich auch nicht pauschal sagen, dass Halligen umso besser aufwachsen, je häufiger sie überflutet werden, so Deicke. Das Oberflächenwachstum liege den Beobachtungen zufolge im Zentrum der meisten Halligen bei weniger als einem Millimeter pro Jahr. Nur auf den Versuchsfeldern auf Hooge, Langeneß und Nordstrandischmoor konnten aufgrund der durchgeführten Maßnahmen in de letzten Jahren höhere Werte gemessen werden.
Schutz vor Sturmflutschäden
Sinnvoll sei es, die Aufschlickungsflächen direkt um die Warften zu positionieren, sagt Deicke. Denn da für die Nordseeküste zukünftig höhere Überflutungswasserstände erwartet würden, bestünde für die Warften die direkte Gefahr, bei einer Sturmflut durch Wellenschlag stärker beschädigt zu werden. Vorherige gezielte Überflutungen zum Eintrag von Sediment könnten als Schutz vor diesen Sturmflutschäden dienen. „Je höher die Oberfläche liegt, umso geringer ist während eines Landunters die Wassertiefe und folglich wird auf diese Weise auch der Wellenaufbau reduziert“, erklärt Deicke. „Wenn die Zahl der Überflutungen moderat angehoben und dieses suspensionsreiche Wasser gezielt verteilt wird, kann das einen Beitrag zur Sicherung der Halligen leisten.“ Wie schon die Lahnungsfelder, wirken auch die gezielten Flutungen doppelt: Schutz vor Schäden durch das Wasser und Landgewinn – allerdings direkt auf der Hallig selbst.
Dabei spielen aber nicht nur die neuen Rohre eine Rolle, sondern auch die Stöpen – Öffnungen der auf einigen Halligen vorhandenen kleinen Sommerdeiche. Und ebenso die Sieltore dort, wo die großen Gräben ein- und ausfließen. Bei einer drohenden hohen Flut sind oder werden diese normalerweise verschlossen, doch auch hier müsste zukünftig gezielter gesteuert werden. Wobei wichtig sei, dass eingeleitetes Wasser schnell, schon nach wenigen Stunden, wieder ablaufe, da sonst die Pflanzen sterben könnten, was wiederum die Erosion fördern würde.
Matthias Deicke betreibt diese Forschung zwar an den Halligen, doch er denkt weit darüber hinaus. Es geht ihm darum, mit der Natur arbeitende Küstenschutzlösungen zu entwickeln, die am Ende auch weltweit angewendet werden können, „und zwar von Marschländern bis zu Südseeatollen, wo im Endeffekt die gleichen Mechanismen ablaufen“, sagt der Wissenschaftler. „Die Halligen sind für mich ein wissenschaftliches Testfeld, quasi eine Modellregion für den Kampf gegen den globalen Meeresspiegelanstieg.“ //
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