Aus seinen Worten spricht die Überraschung und Freude, nach all den Strapazen in den kargen kasachischen Steppen: „Als ich den Fuß des Berges erreichte, beglückte mich die Göttin Flora mit einem Wald voller wunderschöner Äpfel… Die Äpfel, die ich hier fand, waren gute, schmackhafte Tafelobstsorten. Selbst in ihrem wilden Zustande haben sie die Größe eines Hühnereis und eine rotgelbe Färbung.“
Der deutsche Pharmazeut Johann August Carl Sievers reiste 1793 im Auftrag Katharina der Großen durch Sibirien und Zentralasien, als er unverhofft auf den asiatischen Urapfel stieß. In seinem Bericht an die Akademie in Sankt Petersburg beschrieb er den Apfel das erste
Mal, weshalb er heute den wissenschaftlichen Namen Malus sieversii trägt. Er gilt als der Urvater all unserer gezüchteten Apfelsorten. So wie wir Menschen alle irgendwie von Lucy abstammen, sind unsere modernen Äpfel Nachkommen von Malus sieversii. In Kasachstan soll es ihn seit 30 Millionen Jahren geben. Ein lebendes Fossil. Schon die Dinosaurier haben die Äpfel gefressen, sagen sie in Kasachstan stolz.
Der Urapfel zur Rettung
Jetzt rückt der asiatische Wildapfel wieder in den Blick von Wissenschaftlern. Das amerikanische Boyce Thompson Institut der Cornell Universität, das sich dem Anbau von Nutzpflanzen widmet, hat das Genom von 117 modernen Apfelsorten und 20 Wildapfelarten analysiert: Rund 45 Prozent der DNA unserer Kulturäpfel stammen vom kasachischen Wildapfel. Anders als unsere auf Geschmack und Größe gezüchteten modernen Äpfel, die ohne chemische Hilfsmittel nicht den gewünschten Ertrag bringen, sind die Äpfel aus Kasachstan widerstandsfähiger gegen Krankheiten und Insekten, Hitze und Kälte. Weltweit sehen Forschende, Züchterinnen und Züchter in ihrer genetischen Vielfalt eine einmalige Ressource, um unsere zukünftigen Äpfel robuster gegen die Folgen des Klimawandels zu machen.
Aktivismus für Apfelbäume
Und so ist mit einem Mal der Mut von Menschen wie Vassilssa Kuanyshewa wichtig. Sie steht vor den Trümmern eines Hauses, zerstört auf richterliche Anordnung, und wirkt dabei sehr zufrieden. Die Sonne scheint auf die grünen, mit allerlei Obstbäumen bestandenen Hänge ringsum, unten im Tal liegt die große Stadt Almaty. Die Ruine ist Vassilssa Kuanyshewas bisher größter Triumph. Das Immobilienunternehmen „Der Traum“ hatte den mehrstöckigen Bau illegal in einem Garten errichten und dafür hunderte Apfelbäume abholzen lassen. „Der Boden an den Hängen ist gut für Bäume, nicht für Häuser. Wenn die Wurzeln nicht mehr das Wasser halten, kommt es zu Erdrutschen“, sagt Vassilssa Kuanyshewa, die die Klage gegen den Neubau eingereicht hat. Sie träumt davon, wieder Apfelbäume wachsen zu sehen, wo sich jetzt noch ein Haufen Schutt auftürmt.





