Was ist denn daran so schlimm?
Es beleidigt uns. Wir sind unbescholtene Hormone. Wir leisten ehrliche, saubere Arbeit im Organismus: Wir organisieren die Blutbildung. Blut ist ein ganz besonderer Saft! Ohne uns keine roten Blutkörperchen, kein Sauerstoff im Blut, keine Muskelleistung, kein zartes Erröten.
Aber Sie verhelfen auch Top-Sportlern zu mehr Leistung. Da könnte man doch stolz drauf sein.
Bah, widerlich! Diese hochgezüchteten Bioreaktoren mit ihren verschwitzten Körpern, die immer auf Hochtouren laufen! Das ist nicht unsere Welt. Wir haben vornehme Aufgaben, die wir voller Stolz erfüllen.
Sie sind ja ein ganz Lieber.
Kein Spott, bitte! Wir sind unverzichtbar! Wenn schnell neues Blut gebraucht wird, sind wir zur Stelle: bei der Dialyse, bei Anämien, nach der Chemotherapie. Was glauben Sie, wie vielen Menschen wir schon das Leben gerettet haben! Und wir können noch mehr. Wir spielen eine Rolle bei der Zellteilung, beim Kalzium-transport durch die Zellmembran, bei der Wundheilung, bei der Bildung neuer Blutgefäße …
Schon gut, wir sind überzeugt. Aber warum …
Wir werden auch in der Forschung immer wichtiger: Mit uns wird an neurologischen Erkrankungen geforscht, an Schlaganfall, Krebserkrankungen …
Beeindruckend.
Schön, dass wenigstens Sie das jetzt einsehen. Aber die meisten anderen interessieren sich trotzdem immer nur fürs Doping.
Tja, und warum ist das so?
Weil ständig neue Varianten von uns produziert werden. Seit die ersten Menschen es geschafft haben, uns künstlich herzustellen, bastelt jedes bessere biochemische Labor an uns rum, wie es ihm gefällt. Es sind schon über hundert verschiedene Epo-Präparate im Umlauf, aus aller Herren Länder – reine Anarchie!
Warum kann man Sie denn so leicht verändern?
Weil wir so komplex gebaut sind. Es reicht bei uns schon, eine Aminosäure auszutauschen oder ein bisschen das Glykosylierungsmuster zu verändern …





