natur: Herr Kühn, die wirtschaftliche Entwicklung wirkt sich auf die Artenvielfalt aus. Diese Erkenntnis klingt banal. Trotzdem gibt es bisher kaum Studien zu dieser These. Zusammen mit Ihrem Team haben Sie nun eine Studie vorgelegt. Worum ging es Ihnen ?
Ingolf Kühn: Wir wollten wissen, warum die Roten Listen immer länger werden – ein Trend, der sich in 40 Ländern in Europa beobachten lässt. Warum gelten also immer mehr Tiere und Pflanzen als bedroht? Das Ergebnis hat uns überrascht und erschreckt. Wir hatten angenommen, dass sich der Artenschwund aus aktuellen Wirtschaftsdaten ersehen lässt. Wir dachten: Wenn man weiß, wie groß die heutige Bevölkerungsdichte ist, wenn man sich das Brutto-Inlandsprodukt pro Kopf anschaut und die Landnutzung in Augenschein nimmt, dann wird klar, unter welchem Druck die Artenvielfalt steht.
Aber das war ein Trugschluss …
Ja, denn die aktuellen Roten Listen lassen sich viel besser aus den Wirtschaftsdaten von 1950 oder sogar von 1900 erklären. Wir haben für die Studie ein gängiges statistisches Verfahren verwendet: Dabei kann man die Zahl der Rote-Liste-Arten eines Landes mit den Daten in Beziehung setzen. Am Ende war klar: Die Modelle mit den früheren Zahlen haben zum Teil weitaus mehr erklärt als die aktuellen.
Wie kommt das?
Es gibt etliche langlebige Arten, die noch überleben, selbst wenn ihr Lebensraum schon weiträumig zerstört ist, etwa weil häufiger gemäht wird. Ich denke an Arten wie den Großen Brachvogel, der auch auf Maisäckern lebt, die mit Pestiziden gedüngt werden. Er kann dort leben, aber seine Nachkommen schaffen es nicht mehr. Oder mehrjährige Pflanzen wie das Frühlings-Adonisröschen oder viele Orchideenarten, die auf den verbliebenen Resten früherer Grünländer gedeihen; sie blühen noch, werden auch noch bestäubt, aber produzieren irgendwann keine Samen mehr.
Aber warum zieht sich das Aussterben über Jahrzehnte hin?
Weil die Lebensräume nur sehr langsam kleiner werden. Man knapst mal hier was ab, mal dort. Viele Arten gelangen auf eine Rote Liste, weil Böden trockengelegt werden – zum Beispiel Blumen wie Arnika oder Herbstzeitlose. Andere, weil immer mehr Saatgut von unerwünschten Unkrautsamen gereinigt wird, wie die Kornrade, die zur Familie der Nelken gehört. Für die Artenvielfalt ist die Landwirtschaft das große Problem, denn die macht den größten Teil der Flächennutzung aus; in Deutschland ungefähr zwei Drittel der Flächen.




Dr. Ingolf Kühn
