Mit Löwen auf Du und Du und echte Elefanten vor der Kamera: In Südafrika kommen Touristen dem Großwild gefährlich nahe. Vor Unfällen bewahrt nur profundes Wissen über das Verhalten.
Über dem Krüger-Nationalpark ging gerade die Sonne auf, als Safari-Führer Johan Fourie mit acht Parkbesuchern zum Morgenrundgang aufbrach. Zwei Kilometer vom Camp entfernt steuerte der „Field Guide” auf ein ausgetrocknetes Flussbett zu. Da hörte er ein Geräusch, das er später als „eruptives Brummen” beschrieb. Unten im Flussbett tauchte zwischen den Büschen eine Löwin auf. Mit einem Wink brachte Fourie die Gäste dicht hinter sich. Reglos standen alle hinter seinem schussbereiten Gewehr, während die Löwin auf sie zu rannte – bis sie nur etwa 15 Meter entfernt stoppte. Sie grollte, fauchte und „spuckte Galle”, so der Field Guide. Dann zeigte sie der Safarigruppe ihr Hinterteil und trabte auf die Büsche zu, wo vermutlich ihre Welpen warteten.
Immer die Löwin im Blick, wichen Guide und Gruppe zurück. Dank ihrer feinen Sinne erfasste die Raubkatze aber, dass sich hinter ihr etwas bewegte. Sie stürmte erneut los. Stumm und starr sah die Safari-Gruppe dem Tier dabei zu, wie es genau an derselben Stelle anhielt wie zuvor. Und wieder erlebten die Besucher das Drohritual einer aufgebrachten Löwenmutter – bis sie davon trabte, woraufhin Fourie einen neuen Rückzug wagte. Doch schon nach ein paar unsicheren Schritten im Rückwärtsgang gab er ein Zeichen zum Stehenbleiben, denn die Löwin kam wieder. Da sie aber nach jedem Angriff an derselben Stelle abdrehte, wuchs der Abstand zu ihr. Zum Glück. Irgendwann sah das Muttertier seine Jungen außer Gefahr und verschwand zu ihnen in die Büsche.
DER MENSCH IST NUR SELTEN BEUTE
Hinterher konnte niemand mehr genau sagen, wie oft sich das Wechselspiel von Angriff, Stillstehen und Zurückweichen wiederholt hatte. Selbst der Guide nicht, der von den Touristen hörte, dass er sehr blass aussah. Dabei war alles so gelaufen, wie er es in den Trainings des Nationalparks durchgespielt hatte. Und mit den Erkenntnissen der südafrikanischen Verhaltensforschung stimmte Fouries Rückzugsstrategie ebenfalls überein. Philip Bateman, Zoologe und maßgeblicher Verhaltensökologe der Universität Pretoria, erklärt, dass „mit Stillstehen und Schweigen die Drohsignale reduziert werden”, denn zunächst nehme das Tier den Menschen als Angreifer wahr. Als Beute sehe es den Menschen nur, wenn er flüchte, weshalb „ Stillstehen den Jagdanreiz reduziert”. Also hat Fourie, der seine Tier-Erlebnisse heute in Seminaren für angehende Field Guides analysiert, richtig gehandelt. Und dass er alle Gäste dicht um sich scharte, ist für Bateman auch in Ordnung: „Löwen fürchten Menschen in großen Gruppen”, erklärt er. „Generell meiden sie uns.”
Doch wie ein Wildtier reagiert, wenn es überraschend auf den Homo sapiens trifft, ist nie genau vorherzusagen, denn sein Verhalten unterliegt einer Vielzahl von Einflüssen. Eine der wichtigsten Einflussgrößen, die Distanz zwischen Mensch und Tier, wurde vom Schweizer Zoologen und Tierpsychologen Heini Hediger (1908 bis 1992) erforscht. Hediger teilt sie in drei Zonen ein: die Individual-, die Flucht- und die Angriffsdistanz, auch kritische Distanz genannt. Zoologen der Universität Pretoria beschreiben aufgrund aktueller Forschungsergebnisse vier Distanzzonen: Innerhalb der „Komfortzone” ignoriert das Wildtier die Gegenwart des Menschen. Es äst zum Beispiel ruhig weiter. Dringt der Mensch aber in die näher liegende „Alarmzone” (auch „ Persönlicher Raum” genannt) ein, hört das Tier mit dem Fressen auf und beobachtet von nun an den Eindringling. In der „Warnzone” erlebt das Tier die Annäherung als so stark, dass es Warnzeichen gibt. Doch erst das Eindringen in Zone vier, frei nach Hediger „ Kritische Zone” genannt, provoziert Flucht oder Angriff.
AUF DIE FITNESS KOMMT ES AN
Hediger bezeichnet die Flucht als „primär” – hält sie also für die erste Wahl des Tieres. Ob das bedrängte Tier aber tatsächlich das Weite sucht oder vielmehr den Menschen anfällt, hängt nach neueren Erkenntnissen von einer Reihe von Faktoren ab. Das können Vorerlebnisse sein, der Schutz von Jungtieren (wie beim Vorfall mit der Löwenmutter) oder die örtlichen Verhältnisse. Ist einem Wildtier der Fluchtweg abgeschnitten, greift es eher an, als wenn es freie Bahn hat. „Jedes Verhalten hat ‚Fitnesskosten‘ und ‚ Fitnessgewinne‘. Gewählt wird das Verhalten, dessen Gewinn die Kosten übersteigt”, erklärt der international renommierte Biologe John Alcock von der Arizona State University. Der beschriebene Kosten-Nutzen-Vergleich läuft über genetische, sensorische, neurologische und hormonelle Schienen. Oberstes Ziel ist die „ Darwin’sche Fitness”, meint der deutsche Biologe und Ethologe Udo Gansloßer von der Universität Greifswald, also das Prinzip, dass „ jeder möglichst viele Träger seines eigenen Erbgutes in die nächste Generation einbringt”. Die individuelle Fitness, in der Verhaltensökologie „Resource Holding Power” genannt, bewegt sich auf einer anderen Ebene: Sie zielt darauf ab, Ressourcen wie Revier, Partner oder Futter zu verteidigen.
Darwin’sche Fitness, Kosten-Nutzen-Vergleich und variable Distanzzonen – sie helfen zu entschlüsseln, warum die Löwenmutter angriff. Wegen der hilflosen Welpen kam Flucht nicht in Frage. Ohnehin wird in der Tierwelt nur Reißaus genommen, „wenn die Kosten der Flucht, zum Beispiel die energetischen Kosten, geringer sind als die Kosten des menschlichen Näherkommens”, so der südafrikanische Tierforscher Bateman. Deshalb sind die Distanzzonen in den Reservaten viel kleiner als in der freien Wildbahn, wo gejagt und gewildert wird.
GEFÄHRLICHE PANIKREAKTION
Seit Jahren beobachtet Philip Bateman, dass Parktiere den Menschen erlauben, näher zu kommen. Seine Kollegin Megan Bradfield, Zoologin und Kommunikations-Managerin von vier südafrikanischen Nationalparks, warnt angesichts der gewachsenen Toleranz gegenüber den Menschen vor einem „falschen Sicherheitsgefühl”. Das Verhalten eines Tieres könne von einer Sekunde auf die andere wechseln, und dann kommt es immer wieder zu Unfällen. „Für die Parkbesucher wird es gefährlicher”, fürchtet Philip Bateman. Denn: „Einem Tier, das nicht flieht, solange es Zeit dazu hat, bleibt keine Wahl, als zu seiner Verteidigung anzugreifen.” Elefanten zum Beispiel tolerieren die unmittelbare Nähe von Menschen oft, können aber plötzlich in Panik geraten und angreifen. Besonders reizbar sind Elefantenbullen in der Brunft. Ihr Testosteronspiegel verdoppelt sich, und damit wächst auch die Aggressivität – besonders zu Beginn der Brunft, die über mehrere Monate geht. Demnach muss der Bulle, dem Johan Fourie eines Tages im Busch begegnete, vor Kurzem brünftig geworden sein. Fourie war mit seiner Gruppe auf ein Wasserloch zugepirscht, als er das Knacken von Zweigen hörte. Etwa 25 Meter entfernt blitzte im Laub der Bäume das Weiß eines Stoßzahns auf. Gleich darauf war der ganze Elefant zu sehen – fünf Meter hoch und ein Bulle. Während er auf die Safarigruppe zulief, gab der Guide leise Order, ans andere Bachufer zu fliehen.
Die Touristen eilten, der Elefant folgte – und Fourie blieb stehen, um das Tier zu verscheuchen. Er klatschte mit einer Hand auf den Gewehrkolben und schrie so laut er konnte. Doch der Bulle lief weiter, bis zu einem Termitenhügel. An dem stemmte er seine rund fünf Tonnen Körpergewicht hoch und hob mit weit abgestellten Ohren den Rüssel. Dann schien es vorbei zu sein. Der Bulle trabte zum Wasserloch. Fourie, der dem Drohritual mit der Waffe in der Hand zugesehen hatte, schloss zur Gruppe auf. Da sah er durchs Fernglas, wie der Elefant erneut Kurs auf ihn nahm, und er erkannte die Anzeichen der Brunft: Ausfluss an Schläfen und Hinterbeinen. Den Ernst der Lage im Blick, floh er auf eine Anhöhe, wo Felsen standen – Felsen, an denen der Elefant nicht vorbei kam.
Warum es Fourie nicht gelang, den Elefantenbullen durch Klatschen und Schreien zu vertreiben, liegt für den Verhaltensforscher Bateman auf der Hand. Zwar löse menschlicher Lärm bei Wildtieren eine „neophobische” Antwort aus: Was sie nicht kennen, fürchten sie, und so suchen sie das Weite. Aber ein gereizter Bulle in der Brunft wird sich „nicht stoppen lassen, wenn er jemanden oder etwas wirklich will”. Was einen mit Testosteron vollgepumpten Dickhäuter aber aufhalten kann, sind Hindernisse im Gelände, wie das Erlebnis von Field Guide Fourie zeigt. Zwar könnte ein Elefant einen Termitenhügel leicht umgehen. Er nimmt ihn Bateman zufolge aber als natürliche Barriere wahr, die „das Sicherheits- und Distanzbedürfnis des Tieres bedient”.
EIN NASHORN KOMMT NÄHER
Im Krüger-Nationalpark geriet Johan Fourie einem Breitmaulnashorn in die Quere. Die Dickhäuter verlangen nicht nur nach Distanz und Sicherheit. Ältere Bullen beanspruchen auch Gebiete bis zu 116 Quadratkilometern für sich. Um seinen fest umrissenen Lebensraum abzusichern, bringt ein Bulle jeden Morgen seine gut drei Tonnen Gewicht auf den Weg, trottet die Grenze ab, markiert sie mit Urin und Kot. Field Guide Fourie und acht Safari-Gäste sahen einem solchen Rundgang zu, als das Tier etwa 250 Meter entfernt war. Sein unter der täglichen Tonnenlast ausgetretener Pfad hätte das Nashorn höchstens 100 Meter an die Menschen herangeführt. Doch es roch sie, verließ den Pfad und trabte auf sie zu. Den einzigen Schutz in der Savanne bot eine entwurzelte Akazie. Hinter dem Wipfel dieser natürlichen Barriere versteckt, beobachteten Guide und Gäste, wie der Bulle am umgekippten Wurzelstock stehen blieb. Er schnaubte, blies Sand umher und drehte sich wie ein Kreisel. Nach einigen Minuten war die Sache für ihn erledigt, und er trottete davon.
KONFUSER KRAFTPROTZ
Im Normalfall hätte ein Breitmaulnashorn sofort das Weite gesucht, erklärt Philip Bateman. Da aber Schnauben und Kreiseln für ihn ein „typisches Verhalten bei milder Konfusion ist”, nimmt er an, dass „der vielleicht schon durch den Duft eines Weibchens erregte Bulle den Geruch der Menschen nicht einordnen konnte und in Konfusion geriet”. Dabei stand der Wind damals, wie sich Safariführer Fourie erinnert, ungünstig für das Tier. Er wehte weg vom leistungsstarken Riechorgan – doch das hatte im Boden schon den Geruch der Eindringlinge wahrgenommen. Afrikanische Großsäugetiere, Löwen und andere Augentiere ausgenommen, „ identifizieren ihr Umfeld primär über den Geruchssinn”, erklärt Fourie heute in seinen Seminaren für angehende Field Guides. Wie weit das gehen kann, hat der Südafrikaner mit ungefähr 350 Kaffernbüffeln im Nacken erlebt.
Er hatte die Tiere erspäht, als sie noch friedlich weideten und dann etwas Grassamen in die Luft geworfen. Daher wusste er, dass der Wind zu seinen Gunsten stand. Während er mit der Safari-Gruppe um die Herde herum schlich, reckten die Büffel die Schnauzen. Sie wollten Wind von dem bekommen, was sie sahen. Als Fourie mit der Gruppe gerade an der Herde vorbei war, bemerkte er, dass ihm die Tiere zu folgen begannen. Als Erstes bedeutete er seinen Gästen, ruhig weiterzugehen. Gemessenen Schrittes gingen sie voran, die Büffel stets auf den Fersen. Dann filterte einer der Büffel plötzlich aus den Fußspuren den Menschengeruch heraus. Fourie hörte hinter seinem Rücken ein Schnauben, und die Herde stob in einer Stampede davon.
„Da Kaffernbüffel auf ihre individuelle Kraft und auf die Stärke ihrer Herde vertrauen, fliehen sie nicht sofort”, erklärt Philip Bateman den Vorfall. Raubtiere verjagen sie oft erfolgreich, und Gerüchen folgen sie so lange, bis die Geruchsquelle geprüft ist. „Sie wollen herausfinden, ob es sich lohnt, vor etwas davonzurennen.” Auch andere Beutetiere verhalten sich so. Bateman beobachtete schon ein Zebra unter einem Löwenbaum und ein Kudu, das einem Leoparden nachging. In der Haut von Johan Fourie hätte der Verhaltensforscher bei dem unfreiwilligen Abenteuer mit den Kaffernbüffeln jedoch nicht stecken mögen. ■
RITA MOHR erforschte als 15-Jährige das Verhalten des Familienhunds. Nach einigen Safaris gilt ihr Interesse heute dem afrikanischen Großwild.
von Rita Mohr
Mehr zum Thema
Lesen
John Alcock Animal Behavior (englisch, mit deutschen Übersetzungshilfen) Elsevier Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg 2006, € 19,95
Richard Despard Estes The Behavior Guide to African Mammals The University of California Press Berkeley 1992, ca. € 25,–
Peter Apps Wild Ways Field Guide to the Behaviour of Southern African Mammals Southern Book Publishers, Constantia Park 2000 (nur noch antiquarisch erhältlich)
Heini Hediger Tiere verstehen Deutscher Taschenbuchverlag, München 1988 (nur noch antiquarisch erhältlich)
Udo Gansloßer Säugetiersozialsysteme Filander, Fürth 2005 (nur noch antiquarisch erhältlich)
Kompakt
· Wie sich ein Tier verhält, hängt von seinen Erfahrungen ab, auch von früheren Begegnungen mit Menschen.
· Hat ein Wildtier den optimalen Moment für die Flucht verpasst oder ist ihm der Fluchtweg abgeschnitten, bleibt ihm zur Verteidigung nur der Angriff.
· Muttertiere und männliche Tiere in der Brunft ordnen ihrem Fortpflanzungserfolg (der „Darwin’schen Fitness”) alles unter und gehen leichter als andere Tiere zum Angriff über.
Ein Geländewagen ist weder Beute noch Feind
Der Guide schaltete den Motor aus und raunte den Gästen auf den drei hinteren Sitzreihen zu, dass sie nun zu den Löwen kämen. Fotografieren sei erlaubt. Aber sie müssten unbedingt auf ihren Plätzen sitzen bleiben. Auf keinen Fall dürften sie aufstehen und damit aus dem Umriss des Geländewagens herausragen. Es war ein offener Landrover. Und der Guide steuerte auf ein Löwenpaar zu. Im Abstand von weniger als zehn Metern hielt er an und gab den Gästen minutenlang Gelegenheit, an der Sicherheit eines offenen Geländewagens zu zweifeln. Doch der Fotostopp verlief ohne Zwischenfall.
Tierangriffe auf ein Fahrzeug gehören zu den seltenen Ausnahmen in Busch und Savanne. Zwar bieten einige afrikanische Nationalparks ihre Fotosafaris in geschlossenen Kleinbussen an, von denen manche nach wie vor als Zebra getarnt sind. Doch Tierforscher haben herausgefunden, dass Tarnung und ein festes Gehäuse keine zusätzliche Sicherheit bringen. Entscheidend ist, dass das Automobil den afrikanischen Großsäugetieren in ihrer Evolutionsgeschichte weder als Beute noch als Feind begegnet ist. Ein Safari-Fahrzeug, ob offen oder nicht, stellt mit seinen vier bis sechs Sitzreihen ein Neutrum dar. Und als Bewohner von Reservaten und Naturparks sind die Wildtiere daran gewöhnt. Sie wissen, dass von diesen Dingern auf vier Rädern keine Gefahr droht.
Ganz anders verhalten sich die Tiere Afrikas gegenüber den viel kleineren Geländewagen von Veterinären und Forschern. Da ihnen aus den Gefährten hin und wieder ein Pfeil ins Fleisch geschossen wird, der sie betäubt zu Boden streckt, meiden sie die Autos. Letztlich entscheidet also das menschliche Verhalten, ob ein Tier ein Fahrzeug toleriert. Wenn ja, dann lassen Löwe, Elefant und Giraffe den Homo sapiens, sofern er hübsch im Wagen bleibt, so nahe an sich heran wie sonst nie.





