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Igel füttern – hilft oder schädigt es den Tieren?
Der Herbst ist für Igel eine herausfordernde Zeit: Sie müssen sich genug Speck anfressen, um gut durch den Winterschlaf zu kommen. Viele Menschen möchten die niedlichen Stacheltiere dabei unterstützen – doch mancher Eingriff in die Natur schadet mehr, als dass er nützt.
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Text: Katharina Hensel
Es raschelt im Gebüsch, die Blätter bewegen sich … und heraus krabbelt: ein Igel! Etwa so groß wie eine Paprika ist er – die perfekte Größe für ein Jungtier im Oktober. In Städten und Siedlungsbereichen mit Gärten und Grünflächen gibt es heute bis zu neunmal mehr Igel als auf dem Land, wo der ursprüngliche Lebensraum der Tiere durch Landwirtschaft und Bebauung immer kleiner wurde. Die Menschen freuen sich meist über den hübschen kleinen Mitbewohner. Und viele wollen ihm gerne helfen, gut durch den Winter zu kommen. Dafür stellen sie Futterstellen bereit oder nehmen Igel mit, wenn ihnen die Tiere zu klein oder zu dünn vorkommen.
Manches Futter ist unverträglich
Doch auch wenn hinter dem Zufüttern das noble Motiv steht, einem Tier in Not zu helfen, kann es den Tieren schaden. Denn ein Igel ist an der Futterstelle nicht wählerisch. „Wenn es Nahrung ist, die er aufnehmen kann, dann frisst er das auch“, erklärt Lea-Carina Hinrichs von der Deutschen Wildtierstiftung. „Es kann aber langfristig die Verdauung stören, wenn ein Tier sich falsch ernährt.
Gerade Obst, Nüsse oder Milch werden fälschlicherweise von vielen Menschen rausgestellt, weiß Cora Oehl von der Rasteder Igelhilfe. „Mit Äpfeln können Igel nichts anfangen“, stellt sie klar. Ihr Verdauungssystem ist nicht auf pflanzliche Kost eingerichtet. Wenn sie an Obst herumknabbern, fressen sie es eher als Nebenprodukt, um an die Würmer und Maden zu gelangen, die sich darin verstecken. Auch Milch tut Igeln nicht gut: „Sie sind hochgradig laktoseintolerant.“ Davon können sie ebenfalls Verdauungsprobleme bekommen und langfristig ein geschwächtes Immunsystem.
Igel gelten als lebende Fossilien, die sich als eines der ersten höheren Säugetiere schon kurz nach dem Aussterben der Dinosaurier entwickelten. Schon damals ernährten sie sich als Raubtiere von tierischen Proteinen. Bis heute sind Insekten, Würmer oder Schnecken die Basis ihrer Kost, manchmal ergänzt durch Nestlinge oder Aas.
Doch selbst bei einem igelgerechten Nahrungsangebot bergen künstliche Futterstellen noch Risiken: Da sich dort oft mehrere Tiere treffen, verbreiten sich leicht Krankheiten und Parasiten. Igel sind normalerweise Einzelgänger, haben eigene Reviere und begegnen Artgenossen außerhalb der Paarungszeit in der Regel kaum. Daher haben sie ein wenig trainiertes Immunsystem und sind anfällig für übertragbare Krankheiten. Kommt auch noch ein falsches Futter dazu, beeinträchtigt dies das Immunsystem zusätzlich.
Kapuzineraffen nutzen Steine, um Nüsse zu knacken. Bei ihrer Werkzeug-Auswahl achten sie auch darauf, ob die Steine schon von Artgenossen genutzt wurden.
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Dass Igel sich durch die Kombination aus verstärktem Kontakt zu anderen Tieren, einem von sich aus schwachen Immunsystem und einer weiteren Schwächung durch ungesundes Futter häufiger Krankheiten und Parasiten einfangen, ist einer der Gründe, weshalb Hinrichs Futterstellen sehr kritisch sieht und nicht empfiehlt.
Nicht den Rhythmus stören
Zudem besteht bei Futterstellen das Problem, dass sie im natürlichen Jahresrhythmus des Tieres nicht vorkommen. Igel fressen sich im Herbst Winterspeck an und verabschieden sich dann normalerweise, wenn die Temperaturen sinken und sie kein Futter mehr finden, gegen Ende Oktober in den Winterschlaf. Inzwischen kommt dieser Rhythmus der Tiere jedoch oft durcheinander. Die Temperaturen sinken im Oktober nicht mehr verlässlich unter zehn Grad. Außerdem finden Igel in vielen Gärten Futterstellen, die durchgängig über den Herbst und Winter befüllt sind. „Wenn diese Futterstelle länger verfügbar ist als die natürliche Nahrung, kann es dazu führen, dass das Tier sich in seinem Verhalten an der Futterstelle orientiert und nicht in den Winterschlaf übergeht“, erklärt Hinrichs. Wird es dann doch mal kalt, sind die Igel noch aktiv und können mit den niedrigen Temperaturen nicht umgehen.
Hilfe für kleine Igelkinder
Laut Lea-Carina Hinrichs sollte, wenn überhaupt, dann am ehesten im Herbst zugefüttert werden, wenn man festgestellt hat, dass sich kurz vor dem Winterschlaf noch sehr kleine Igel in der Umgebung aufhalten. Selbst dann sollte aber am besten mit einer Wildtierstation Kontakt aufgenommen werden, um abzuschätzen, ob die Tiere nicht eigentlich selbst genug Nahrung finden können. Die sollte nämlich nicht durch künstliche Nahrung ersetzt werden. „Das ist wie bei Menschen, wenn wir jetzt täglich nur zur Fast-Food-Kette rennen und das Obst und Gemüse im Supermarkt stehen lassen, dann tut uns das auch nicht gut“, vergleicht Hinrich.
Wenn zugefüttert wird, sollte darauf geachtet werden, möglichst Insektenlarven, Mehlwürmer oder Ähnliches in die Futterstelle zu geben. Von vorgefertigten Produkten rät Cora Oehl dringend ab: „In speziellem Igelfutter sind meist Nüsse oder Obst enthalten“, erklärt sie, „das kann ein Igel nicht verwerten.“ Besser wäre da Katzennassfutter mit hohem Fleischanteil. „Ganz wichtig: ohne Soße oder extra Gelee, die verursachen starke Bauchschmerzen beim Igel.“
Zudem sollten Futterstellen möglichst täglich gereinigt werden. Wobei laut Hinrichs trotzdem gilt: „Man kann es nicht ganz ausschließen, dass da Parasiten oder andere Krankheitserreger übertragen werden können.“ Und auch bei kleinen Igeln sollte das Futter nur über einen kurzen Zeitraum gegeben werden, damit die Tiere rechtzeitig in den Winterschlaf gehen.
Winterschlaf ist kein Dauerschlaf
Es kann vorkommen, dass man mitten im Winter einen Igel durch den Garten laufen sieht. Das ist jedoch kein Grund, sofort einzugreifen. Igel schlafen nicht mehrere Monate durch, sie unterbrechen und verlassen beispielsweise zum Urinieren ihren Unterschlupf. „Das Tier wacht immer mal in einem gewissen Zyklus auf“, so Hinrichs. „Es kann auch mal beobachtet werden, wenn zum Beispiel das Winterschlafquartier gewechselt werden muss, weil es eine Störung gab.“ Das ist an sich noch kein Grund zur Sorge. Doch stellt man ihnen dann gleich wieder Futter hin, kann man sie dadurch ablenken, sodass sie womöglich nicht wieder in den Winterschlaf zurückkehren. Erst wenn sich ein Igel über mehrere Stunden an der gleichen Stelle aufhält, könnte es dem Tier helfen, wenn man mit einer Wildtierstation oder einem wildtierkundigen Tierarzt abstimmt, ob Hilfe nötig ist, erklärt Hinrichs. Ob man es mit einem hungernden Igel zu tun hat, lässt sich beispielsweise am „Hungerknick“ zwischen Hals und Rücken erkennen.
So weit zu gehen, einen Igel aus seinem Lebensraum zu entnehmen, sollte allerdings immer gut überlegt sein. „Wenn man ein Tier gefunden hat, ist man verantwortlich für dieses Tier“, betont Hinrichs. „Das bedeutet im Zweifelsfall, dass man Teilkosten übernehmen muss“, etwa für eine tierärztliche Behandlung. „Wenn eine Station mit einem Tierarzt zusammenarbeitet, ist das am besten, weil sie dann auch eine medizinische Versorgung hat – und nicht nur die Pflege leisten kann.“ Denn, so Hinrichs: „Das Ziel sollte immer sein, wenn ein Tier durch eine Station aufgenommen wird, dass es wieder auswilderungsfähig wird.“
Menschliche Fehler gutmachen
Manchmal sind aber auch Menschen Schuld, dass Tiere an Wildtierstationen übergeben werden müssen, etwa wenn sie verletzt wurden. Igel haben gegen von Menschen ausgehende Gefahren die denkbar schlechteste Verteidigungsstrategie: Sie rollen sich zusammen und bleiben, wo sie sind. Was gegen ihre Fressfeinde wie Füchse oder Dachse hilft, beeindruckt Autoreifen oder Klingen von Mährobotern herzlich wenig. Jetzt im Herbst sind besonders die Jungtiere auf Futtersuche gefährdet. Um sie nicht zu verletzen, sollte man besonders in der Dunkelheit, wenn die nachtaktiven Igel unterwegs sind, in Wohngebieten mit vielen Gärten langsam fahren. Und der Mähroboter darf nachts ebenfalls Pause machen.
„Man sollte ja nicht nur die Symptome behandeln, sondern die Ursachen bekämpfen“, betont Hinrichs. In diesem Fall also: Verletzungsrisiken minimieren. Dazu sei es etwa wichtig, Gärten zu vernetzen, damit Igel auf ihren nächtlichen Streifzügen gar nicht erst Straßen überqueren müssen. Wer seinen Garten mit einer Mauer oder einem Zaun abgrenzt, sollte darauf achten, etwa zehn Quadratzentimeter große Löcher darin zu lassen, damit die Igel nicht als einzigen Ausweg aus dem Garten die Autoauffahrt nehmen müssen (siehe natur 4/25).
Noch besser sind Hecken. In den dichten und geschützten Bereichen dort können Igel zudem die Nester für ihren Winterschlaf bauen. Dort werden sie dann bestenfalls weder von Fressfeinden noch von menschlichen Aktivitäten gestört und veranlasst, ihr Nest wechseln zu müssen. Am besten lässt man für den Nestbau im Herbst einiges an Laub und Zweigen im Garten liegen, damit sich die Tiere bedienen können.
Die Natur machen lassen
Sie verstehe das Bedürfnis der Menschen, Igeln zu helfen, sagt Hinrichs, besonders wenn es auf den Winterschlaf zugehe und manche Igel noch sehr klein wirkten. „Wenn man in Igelstationen fragt, sind dort sehr viele Menschen, die natürlich jedem Tier helfen möchten“. Aber: „Jedes Individuum zu retten, hilft nicht unbedingt der Art“, erklärt Hinrichs, denn: „Es gehört dazu, dass nicht jeder Igel den ersten Winterschlaf überlebt.“ Gerade Jungigel, die vielleicht eher spät geboren wurden, hätten oft Schwierigkeiten, von selbst rechtzeitig auf die nötigen 600 bis 650 Gramm zu kommen. Doch die Natur hat vorgesorgt: Igel können pro Jahr mehr als einen Wurf haben, je nachdem, wie viel Futter sie finden. Außerdem sind in einem Wurf meist mehrere Jungigel. Dass nicht alle die kalte Jahreszeit überleben, sei für eine gesunde Art wichtig, meint Hinrichs: „Nur die stärksten und kräftigsten, die den Winter überstehen, sind dann fit genug, um sich zu reproduzieren und wiederum für fitte Nachkommen zu sorgen.“ Natürlich könne sie es nachvollziehen, wenn Menschen jedem Tier helfen wollen. Es sei aber trotzdem besser, mit Fachpersonen Rücksprache zu halten, bevor man sich einem Tier nähert.
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