Einige Tierarten, darunter Vögel und verschiedene Primaten, nutzen gezielt Werkzeuge, um an Nahrung zu gelangen oder andere Aufgaben zu lösen. „Eine wichtige Voraussetzung für die Werkzeugnutzung ist die Fähigkeit, geeignete Materialien dafür auszuwählen“, erklären Johanna Henke von der Malsburg vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und ihre Kollegen. Wenn Rückenstreifen-Kapuzineraffen beispielsweise Steine zum Nussknacken verwenden, muss der Stein hart und schwer genug sein, um die Nussschale zu zerbrechen, aber auch gut festzuhalten sein.
Zusätzlich zu diesen rein physikalischen Eigenschaften können aber auch die Verfügbarkeit der Materialen im Lebensraum und soziale Faktoren die Wahl des Werkzeugs beeinflussen. „Studien legen nahe, dass die Werkzeugwahl bei Affen durch beobachtendes Lernen geprägt ist: Unerfahrene Individuen sehen, welche Materialien erfahrene Werkzeugnutzer auswählen“, erklären Henke von der Malsburg und ihr Team. Unklar war aber bisher, ob Affen neben diesem direkten Lernen durch Beobachtung auch indirekte Hinweise erkennen und nutzen können, beispielsweise Gebrauchsspuren an einem Stein.
Rückenstreifen-Kapuzineraffen im Werkzeugtest
Um dies zu klären, haben Henke von der Malsburg und ihre Kollegen nun genauer untersucht, nach welchen Kriterien zwei wilde Populationen von Rückenstreifen-Kapuzineraffen in Brasilien ihre Steinwerkzeuge auswählen. In drei Experimenten stellten sie den Tieren verschiedene Steine unterschiedlicher Härte und Optik zum Nussknacken zur Verfügung. Bei einigen Aufgaben konnten die Affen zudem zwischen unbenutzten, nicht modifizierten Steinen und Steinen mit sichtbaren Schlagspuren früherer Nussknack-Aktivitäten wählen.
Es zeigte sich: In der ersten Aufgabe, bei der alle Steine unbenutzt waren, wählten die Affen gezielt unterschiedliche Materialien für unterschiedliche Zwecke: Weichere Steine dienten als Ambosse, härtere Steine als Hammersteine. „Überraschend war, wie konsequent die Affen allein anhand der Härte zwischen den verschiedenen Steinarten unterschieden – ganz ohne erkennbare vorherige Nutzung“, sagt Henke von der Malsburg. „Das legt nahe, dass die Auswahl der Steine nicht bloß eine Gewohnheit ist, sondern ein echtes Bewusstsein der Tiere für die physikalischen Anforderungen der Aufgabe widerspiegelt.“
Soziales Lernen auch aus Spuren
Im zweiten Experiment hatten die Affen die Wahl zwischen einem vollständig unbenutzten Nussknackplatz und einem Platz mit bereits abgenutzten Steinen und zerbrochenen Nussschalen. In diesem Test bevorzugten die Affen den bereits genutzten Platz und wählten auch dort weichere Ambosse und härtere Hammersteine sowie Steine mit sichtbaren Abnutzungsspuren. Dies demonstriert, dass die Kapuzineraffen auch indirekte soziale Hinweise verstehen: Sie erkennen, dass abgenutzte Steine und zurückgelassene Nuss-Schalen verraten, dass Artgenossen dort schon früher erfolgreich Nüsse geknackt haben – und dass sich dieser Ort daher offenbar gut eignet.
In der dritten Aufgabe erhielten die Affen die direkte Wahl zwischen unbenutzten und gebrauchten Steinen. Dabei zeigte sich: Die Tiere bevorzugten Steine mit Spuren früherer Nutzung als Hammersteine und Ambosse - auch dann, wenn diese aus mechanischer Sicht eigentlich nicht die optimale Wahl waren. „Das ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie soziale Informationen die individuelle Bewertung physikalischer Eigenschaften überschreiben können“, erklärt Seniorautorin Lydia Lunz vom MPI für evolutionäre Anthropologie. „Die Affen mussten nicht beobachten, wie ein anderes Individuum eine Nuss knackt. Die zurückgebliebenen Spuren – die Schäden am Stein – reichten aus, um ihre Entscheidung zu beeinflussen. Das ist eine subtile, aber wirkungsvolle Form des sozialen Lernens.“
Neue Perspektiven für die Archäologie
Nach Ansicht der Forschenden könnte diese indirekte Weitergabe von Wissen eine wichtige, bislang oft übersehene Rolle dafür spielen, wie Werkzeugtraditionen sich über Generationen hinweg erhalten – nicht nur bei Kapuzineraffen, sondern auch bei unseren frühen Vorfahren. Damit liefern die Ergebnisse auch neue Ansätze für die Archäologie: Sichtbar bearbeitete Steine könnten menschliche Vorfahren dazu bewegt haben, bestimmte Orte erneut aufzusuchen und vorhandene Werkzeuge wiederzuverwenden.
„Wenn sich heutige wilde Primaten von den Belegen früherer Werkzeugnutzung leiten lassen, stellt sich die wichtige Frage, wie frühe Homininen zu ihren zurückgelassenen Werkzeugen und bearbeiteten Steinen gestanden haben könnten“, sagt Lunz. „Die archäologische Landschaft selbst könnte als eine Art externes Gedächtnis gedient haben, das beeinflusste, wo und wie sich Werkzeugtraditionen entwickelten und erhalten blieben.“
Quelle: Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Fachartikel: Proceedings of the Royal Society B – Biological Sciences, doi: 10.1098/rspb.2026.0416





