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Wildcampen in Brandenburg
Text: Stephanie Eichler, Fotos: Emanuel Herm
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Als es dunkel wird, sitze ich rund 50 Kilometer südlich von Berlin mitten im Wald. Ich werde hier draußen übernachten. Emanuel, mein Partner und Fotograf, begleitet mich. Wir haben belegte Brote und harte Eier verspeist, fürs Frühstück bleiben uns Brötchen, Trauben und Kefir. Nach einer längeren Radtour fühle ich mich wohl. Ich fürchte aber die Mücken. Auch vor Wildschweinen habe ich Respekt, vor dem Wolf und der Kälte. Ich lege mich ins Zelt. Außer uns beiden ist kein Mensch in der Nähe, um uns herum nur Brandenburger Natur.
Wildcampen ist in Deutschland fast überall verboten, ganz gleich, ob im Zelt oder im Wohnmobil. Biwakieren ohne Zelt und für nur eine Nacht am selben Ort ist jedoch meistens erlaubt. In vielen Bundesländern haben Behörden, Tourismus- und Naturschutzverbände bestimmte Plätze fürs Zelten in freier Natur ausgewiesen.
In Brandenburg haben es Wildcamper besonders leicht, denn dort gilt seit 2020 laut Naturschutzrecht des Landes: „Fuß-, Rad-, Reit- und Wasserwanderer sowie -wanderinnen dürfen in der freien Landschaft für eine Nacht Zelte aufstellen.“ Wir möchten testen, ob sich die Erfahrung lohnt. Sollten auch andere Bundesländer das Zelten irgendwo im Nirgendwo erlauben?
Rein in die Natur
Am frühen Nachmittag verlassen wir Berlin. Die Satteltaschen unserer Fahrräder sind prall gefüllt mit Proviant, Wasser und warmer Kleidung für die Nacht. Wir nehmen ein kleines Zelt mit, Isomatten und Schlafsäcke. Die Bahn bringt uns nach Halbe im Landkreis Dahme-Spreewald. Wir nehmen einen asphaltierten Fahrradweg. Graue Wolken hängen tief am Horizont. Immer wieder leuchtet der Himmel hellblau durch das frische Grün der Kastanien und Birken, die den Radweg säumen. Beim Radfahren tauschen wir uns darüber aus, dass zurzeit alle Sträucher lila, gelb oder weiß blühen. Ob orangefarbene und rote Blüten tatsächlich erst später im Jahr aufgehen, spielt jetzt keine Rolle. Es tut gut, so viele Pflanzen zu sehen. Der Alltag rückt in den Hintergrund. Die Landschaft zählt. Hier, jetzt.
Was wir erleben und was viele intuitiv längst wissen, ist seit Jahrzehnten Gegenstand wissenschaftlicher Forschung: Fachleute haben herausgefunden, dass ein Ausflug in die Natur Stress abbauen und positive Emotionen verstärken kann. Ein Grund dafür ist, dass unsere Sinne im Wald oder am Wiesensaum hin- und herspringen.
„Menschen sind in der Natur nicht fokussiert auf einen Punkt“, erklärt Joachim Rathmann, Geograf an der Universität Augsburg, „vielmehr geht das Auge durch die Anwesenheit von Tieren und Pflanzen hin und her, und das wirkt entspannend.“ Der Wissenschaftler erforscht „therapeutische Landschaften“. Er weiß, welche Naturräume besonders geeignet sind, um depressiven Verstimmungen vorzubeugen. Ein lichter, aufgeräumter Wald wie der, durch den wir in Brandenburg fahren, schneidet gut ab.
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An einem See machen wir Pause. Wir haben bis hierher lange gebraucht, weil das Gepäck schwer wiegt und bremst. Aber wir haben keinen Zeitdruck, schließlich müssen wir heute Abend nicht in die Stadt zurück. Es ist zauberhaft hier. Sanft kräuselt der Wind den See, Kiefern spiegeln sich im Wasser, am Ufer klopft ein Specht. Aber es ist kalt. „Die Tiefdruckgebiete haben übernommen und schicken Deutschland nasskalte Polarluft“, hieß es im Wetterbericht. Sollen wir lieber ein anderes Mal draußen übernachten?
Obwohl nun feststeht, dass in der Nacht mit Frost zu rechnen ist, entscheiden wir, in der Natur zu bleiben, und fahren weiter, an einem Bauernhof vorbei, auf dessen Wiese große, braune Rinder weiden. Wir biegen in einen Waldweg ein und erreichen über einen Fahrradweg eine größere Ortschaft. Nun ist es nicht mehr weit bis zum angepeilten Schlafplatz an einem Kanal. Wir kennen die Stelle zwischen Waldrand und Wasser von früheren Ausflügen, übernachtet haben wir dort noch nie. Laut Geograf Joachim Rathmann hat dieser Ort therapeutisches Potenzial: „Wasser und Schatten spendende Bäume in der Landschaft fördern das Wohlbefinden“, sagt der Wissenschaftler, der das bei Befragungen herausgefunden hat. „Diese Naturelemente sowie Hügel, um nach Raubtieren Ausschau zu halten, waren überlebenswichtig für Frühmenschen. Daran könnte es liegen, dass auch wir sie als wohltuend empfinden“, erläutert er. Beweisen lässt sich diese Theorie aber nicht.
Die Schlafplatzsuche
Eine Wildgans fliegt vorbei, eine zweite schießt hinterher. Auf einmal sind es fünf. In Brandenburg ziehen Wildgänse Vogelbeobachter an, die über die immense Spannweite der Tiere staunen oder über die keilförmige Formation, die sie beim Fliegen bilden. Auf den Äckern aber richten sie regelmäßig große Schäden an. Landwirte und Landwirtinnen beklagen Ernteeinbußen und fordern Entschädigungen vom Land. Die fünf Vögel, die uns am Kanal entlang vorausfliegen, setzen sich weit vor uns in die Wipfel der Kiefern, die rechts und links der Böschung wachsen. Wir holen sie ein, sie fliegen weiter.
Als wir die Stelle erreichen, an der wir übernachten wollten, ist sie schon belegt. Die Holzwirtschaft nutzt hier den Wald. Arbeiter haben Kiefern gefällt und ihre Stämme und Zweige zu riesigen Haufen aufgeschichtet. Wir müssen improvisieren. Zum Glück liegt ein See in der Nähe, nun wollen wir dorthin. Zweimal versperrt ein Baumstamm den Weg, hier wirtschaftet auch der Biber. Doch Fußgänger haben außenherum jeweils einen neuen Pfad getrampelt, der breit genug ist, um unsere Räder vorbeizuschieben. Schließlich erreichen wir unser Ziel, einen märchenhaften See.
Wo genau sollen wir dort bleiben? Zwei Plätze mit Seeblick kommen in die engere Auswahl. Der erste liegt an einer Badestelle. Das Schilf ist noch braun vom Winter. Der zweite Platz befindet sich etwas oberhalb im Wald. Ein wuchernder Moosteppich wirkt einladend. Hier soll unser Schlafplatz sein!
Mensch und Tier
An zwei Stellen haben Wildschweine den Boden auf der Suche nach Käferlarven und anderer Nahrung mit ihren kräftigen Rüsseln aufgewühlt. Ausgerechnet genau dazwischen ist der Boden ausgesprochen eben und eignet sich besonders gut als Zeltplatz. Mir ist bewusst, dass ein Wildschwein rund 150 Kilogramm wiegt und dass die Keiler messerscharfe Eckzähne haben, bis zu 20 Zentimeter lang. „Wildschweine können richtig gefährlich werden“, informiert die Internetplattform ausgebuext.info, auf der sich viele Tipps für den Aufenthalt in der Natur finden, „aber ein Wildschweinangriff ist unwahrscheinlich. Aggressiv werden sie nur, wenn ihr sie mit ihren Jungtieren (Frischlingen) überrascht oder sie sich anderweitig bedroht fühlen.“ Ich finde den Hinweis, dass die meisten Bachen im April ihren Nachwuchs zur Welt bringen. Sind wir mitten in ihrem Revier gelandet? Schwer zu sagen, wie alt die Spuren im Waldboden sind. Sie könnten von heute sein.
Wir bleiben trotzdem und klauben Zweige und Tannenzapfen aus dem Moos, um bequemer zu liegen. Ich entdecke zwei emporsprießende Triebe. Einer stammt von einem Laubbaum, der andere von einem Nadelbaum. Wenn wir nicht auf einer Wurzel übernachten wollen, müssen wir unser Zelt mitten auf die Triebe stellen. Wildcamper wie wir sind ein Risiko für die Natur. Fachleute vermuten, dass der Rückgang von Wanderfalke, Uhu und Schwarzstorch im Nationalpark Sächsische Schweiz mit der „nächtlichen Anwesenheit von Menschen verbunden ist“, teilt die Verwaltung des Nationalparks mit. Dort befindet sich das Elbsandsteingebirge, das bei Kletterern beliebt ist. Ihnen ist an 58 gekennzeichneten Stellen das Übernachten im Freien erlaubt. Somit soll die Tradition der sächsischen Bergsteiger anerkannt werden, die das „Boofen“, wie Wildcampen dort heißt, schon lange praktizieren. Doch zurzeit ist es während der Brutzeit bedrohter Vögel von Februar bis Mitte Juni verboten, um die Bestände zu schützen.
Dieser Fall zeigt: In unserem dicht besiedelten Land konkurrieren Naturschützer mit Menschen, die in der Natur zelten möchten, um Fläche. Um Konflikte zu vermeiden, scheint es eine gute Lösung zu sein, Wildcamping nicht generell zu ermöglichen, sondern – wie beispielsweise in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen – geeignete Stellen auszuweisen. Doch es müssten mehr davon sein. Die sogenannten „Trekking-Plätze“ in der Pfalz und in der Eifel müssen von Wildcampern auf einer Internetplattform vorab gebucht werden, um Überbelegungen zu vermeiden. Ende April 2024 waren bis weit in den Oktober hinein schon fast alle Wochenenden ausgebucht.
Echte Sinneseindrücke: Stille und Dunkelheit
Unser Zelt steht, die Wurzel befindet sich genau dort, wo wir liegen werden. „Wer es perfekt haben will, muss auf dem Campingplatz übernachten oder zu Hause bleiben“, sagt Emanuel. Wir setzen uns an den See und essen. Nach einem Ausflug schmeckt alles gut – hier im Wald besonders. Ich trinke nur wenige Schlucke Wasser, denn bei der Kälte will ich auf keinen Fall nachts aus dem Zelt kriechen müssen. Wir sehen die Lichter des Dorfs auf der anderen Seite des Sees. Wir hören, wie dort jemand grölt. Dann herrscht wieder Ruhe.
Joachim Rathmann hat auf Exkursionen mit Studierenden gelernt, dass viele Angst vor der Dunkelheit haben. „Natürlich gibt es reale Gefahren, aber wir überhöhen sie künstlich. Nicht jedes Knacken im Gehölz ist ein Hinweis auf den bösen Wolf“, so der Fachmann. Er ist der Meinung, dass Zelten im Freien dazu beitragen kann, dass wir uns in der Dunkelheit wieder sicherer bewegen. „So erzielen wir womöglich auch einen positiven ökologischen Effekt“, hofft der Wissenschaftler. Ein größeres Sicherheitsempfinden bei Dunkelheit könnte dazu beitragen, dass wir unsere Ortschaften nicht mehr so stark beleuchten müssen. Somit würden wir Insekten, Fledermäuse, Eulen und Zugvögel schonen, denen die bundesweite Lichtverschmutzung zusetzt. Wildcampen stellt also nicht nur ein Risiko für den Naturschutz dar, sondern kann den Umweltschutz in gewisser Weise auch ankurbeln. „Wer die wohltuende Wirkung der Natur am eigenen Leib erfährt, ist eher bereit, sie zu schützen“, sagt Rathmann.
Im Zelt ziehe ich Wollsocken an, eine lange Unterhose, eine Jogginghose, ein langärmliges Shirt und meine Jacke, dann krieche ich tief in den Schlafsack. Trotz der Nähe zu den Stellen, die die Wildschweine aufgewühlt haben, fühle ich mich sicher. Noch zwei Mal höre ich eine Ente quaken. Fünf Flugzeuge fliegen in der Ferne vorbei, dann bin ich eingeschlafen. In der Nacht wache ich auf, weil mir zu warm wird. Ein Zelt ist schlecht isoliert, aber weil es so klein ist, erwärmt es sich durch unsere Anwesenheit doch ein bisschen. Ich ziehe die Jacke aus und schlafe sofort weiter.
Beim nächsten Aufwachen singen schon die Vögel. Ich bleibe liegen, bis die Enten laut quaken. Schon beim ersten Blick aus dem Zelt wird klar: Der Wetterbericht hat Recht behalten, es ist düster und es wird Regen geben. Nach einem kurzen Frühstück packen wir schnell unsere Sachen zusammen, damit sie nicht nass werden. Wir werden auf dem Weg nach Hause in einem Café etwas Heißes trinken. Als wir auf den Fahrrädern sitzen, beginnt es schon zu tröpfeln.
Rückzug, Bescheidenheit und Nachhaltigkeit
Wer ohne großen Komfort in der freien Natur übernachtet, folgt einer Tradition, die wohl kaum jemand besser verkörpert als Henry David Thoreau. Er war eine Art früher Camper. Mitte des 19. Jahrhunderts baute er sich eine einfache Hütte am Walden-See in Massachusetts, USA, und lebte dort zwei Jahre lang naturverbunden und relativ einsam. Er kam zu dem Ergebnis, dass Menschen glücklicher sind, wenn sie die Natur erkunden, lesen, nachdenken und nur wenig arbeiten. Er reduzierte seinen Besitz; seine Hütte, Kleidung, Messer, Spaten, Schubkarre, Lampe, Schreibzeug und Bücher hielt er für ausreichend. Wer nur eine Nacht wild campt, benötigt noch viel weniger: Neben Isomatte und Schlafsack ist genügend Wasser wichtig. Außerdem lohnt es sich, eine Stirnlampe mitzunehmen. Man hat die Hände frei und kann trotzdem das Licht genau an die Stelle lenken, an der man es braucht.
Der Sandweg, auf dem wir zurückfahren, ist noch trocken. Das Fahrrad schlingert, und ich muss schieben. Es geht sehr langsam voran, doch heute macht mir das nichts aus. Ein weiterer Tag hier draußen wäre toll, denke ich. Um uns vor dem Regen zu schützen, könnten wir jetzt gleich wieder das Zelt aufbauen. //
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