Wer frühmorgens leise und aufmerksam durch den Wald geht, kann sie auf frischer Tat ertappen: Rehe ziehen sich langsam zurück in die Deckung des Waldes, doch auf dem Weg in ihre Tagesquartiere knabbern die Kleinhirsche gerne noch ein paar nahrhafte Leckerbissen. Eine Buchenknospe hier, ein Tannenzweiglein dort – es schmeckt ihnen offenbar.
Rehe sind „Konzentratselektierer“, erklärt der Wildtierökologe Marco Heurich von der Universität Freiburg im Breisgau. Das bedeutet, sie fressen – vor allem im Winter – leicht verdauliche Pflanzenteile wie die Triebspitzen von Bäumen und Sträuchern oder Knospen, welche reich an Zucker, Stärke und Proteinen sind. In der Jägersprache werden die Tiere deshalb auch als Nascher bezeichnet. Die Vertreter der Forstwirtschaft indes können sich mit den Ernährungsgewohnheiten der Rehe so gar nicht anfreunden und klagen, dass vor allem das ständige Nagen an kleinen Bäumen der natürlichen Waldverjüngung schade. Die Wildbestände seien zu hoch, es müsse dringend eingegriffen werden. Auch im Hinblick auf die Bedeutung des Waldes für den Klimawandel.
Hirsche setzen den Bäumen zu
Rehe, zoologisch Capreolus capreolus, sind übrigens nicht die einzigen Schuldigen. Hinter dem Verbiss – wie das Anfressen von Bäumchen in der Forstsprache genannt wird – stecken häufig auch Rothirsche (Cervus elaphus) sowie im Alpenraum auch Gämsen (Rupricapra rupricapra). Rehe sind zwar vorwiegend Graser und verspeisen – wie der Name schon sagt – im Sommer große Mengen an Gras und Kräutern. In der kalten Jahreszeit aber, wenn die Wiesen karg werden, schälen die Tiere stattdessen regelmäßig mit den Zähnen die Rinde von Buchen und anderen Bäumen ab, wie Heurich berichtet. „Das sieht ein Waldbesitzer sofort.“ Pilze und andere Krankheitserreger können über die meist streifenartigen Fressschäden in den Stamm eindringen. Wird die Rinde großflächig abgezogen, stirbt der ganze Baum ab. Dasselbe kann auch beim berüchtigten „Fegen“ passieren: Die Männchen aller Hirscharten bilden jedes Jahr ein neues Geweih aus. Dieses Knochengebilde wächst über die Sommermonate heran und wird währenddessen von einer weichen Basthaut geschützt. Ist der Kopfschmuck vollständig ausgewachsen, trocknet der Bast aus und hängt dann in abgestorbenen Hautfetzen vom Geweih ab. Die Hirsche entfernen diese Reste durch beharrliches Reiben des Geweihs an Bäumen und Büschen. Nach dem Fegen bleibt von der bis dahin intakten Rinde meist nur noch blank gescheuertes Holz übrig.
In der Öffentlichkeit besitzt das Thema Wildschäden hohes Aufregungspotenzial. Förster und Waldbesitzer sehen sich als die Leidtragenden und fordern daher intensiven Schusswaffengebrauch. Neben dem offensichtlichen Sünden(reh)bock in dieser Angelegenheit sind in ihren Augen die Jäger die Hauptschuldigen, weil sie die „überhöhten Wildbestände“ überhaupt erst heranzüchten – wie es auf einer einschlägigen Internetseite für Waldbesitzer heißt. Viele Tierfreunde und zum Teil auch Naturschützer lehnen eine verstärkte Bejagung jedoch strikt ab. In solchen Debatten kochen mitunter starke Emotionen bei den Beteiligten hoch. Dabei mangelt es noch an soliden Daten, die als Diskussionsgrundlage dienen könnten. Wie hoch die durch Wild verursachten finanziellen Schäden in der Waldwirtschaft tatsächlich sind, weiß aktuell niemand. Eine 2013 veröffentlichte Studie der Technischen Universität München bezifferte sie damals deutschlandweit auf jährlich etwa 175 Millionen Euro. Die Autoren betonten allerdings, diese Summe wäre als unterer Grenzwert zu betrachten. So werde zum Beispiel die verringerte CO2-Bindung als Folge des Zuwachsverlusts in der Studie nicht berücksichtigt.





