Geschlechtsunterschiede im Denken und Verhalten sind fesselnder Gesprächsstoff. Doch vermutlich sind viele nur ein Nebenprodukt der Evolution, meint bdw-Redakteurin Judith Rauch.
Wenn Wissenschaftler sich mit Geschlechtsunterschieden befassen, kommt manchmal Kurioses heraus: So fanden Psychologen, dass Frauen eine Woche nach ihrem Eisprung schlechter räumlich denken können, als wenn sie ihre Tage haben. Andere Forscher entdeckten, dass nicht nur Menschen-Jungen, sondern auch junge Affen männlichen Geschlechts eine Vorliebe für Autos haben, wenn sie zwischen unterschiedlichen Kinderspielzeugen wählen dürfen. Und schon einige Zeit ist bekannt, dass bei Frauen der Zeigefinger oft länger als der Ringfinger ist, während es sich bei Männern tendenziell umgekehrt verhält. Entwicklungsbiologen führen diesen kleinen Unterschied auf das vorgeburtliche Wirken von Geschlechtshormonen zurück.
Aus der Sicht der Natur, also aus evolutionsbiologischer Sicht, haben die genannten Unterschiede allerdings kaum einen Sinn: Dient es etwa dem Überleben oder der Fortpflanzung, wenn Frauen während ihrer zweiten Zyklushälfte etwas orientierungslos durch die Gegend stolpern? Was nutzt dem Affenkind im Urwald das Spielzeugauto? Und was hat der Mann von seinem längeren Ringfinger – findet er so vielleicht leichter eine Ehefrau? Es sind Absurditäten wie diese, die uns davor warnen sollten, hinter jedem Geschlechtsunterschied, den Forscher publizieren, gleich eine Absicht der Natur – sprich: einen evolutionären Nutzen – zu erkennen.
„Geschlechtsunterschiede haben sich entwickelt”, erklärt der amerikanische Neurophysiologie Arthur P. Arnold, „weil männliche und weibliche Lebewesen bei der Fortpflanzung und im dazugehörigen Sozialverhalten unterschiedliche Rollen einnehmen und daher unterschiedliche Gehirnstrukturen benötigen, um ihre jeweiligen Rollen zu spielen.” Doch er fügt hinzu: „ Wahrscheinlich gibt es aber auch einige Geschlechtsunterschiede, die keine funktionellen Vorteile bieten, sondern lediglich Nebenwirkungen anderer Geschlechtsunterschiede darstellen, die aufgrund ihrer Vorteile selektiert wurden.” Nebenwirkung also könnte so manches sein, was wir als „kleinen Unterschied” beobachten – Kollateralschäden, die die Natur in Kauf nimmt. Weil sie zwar nicht erfreulich sind (wie die Beschwerden, die Frauen vor und während ihrer Menstruation erleben) oder sogar gesellschaftlich schädlich (wie die Neigung junger Männer zur Aggression), aber gerade noch tolerierbar im Sinne einer funktionierenden Sexualität.
Seit der Sex erfunden wurde – und das geschah früh, schon bevor es mehrzellige Lebewesen gab – und erst recht, seit sich das Modell mit zwei Geschlechtern durchgesetzt hat, steht die Natur bei jeder neuen Spezies vor großen Aufgaben: Sie muss zwei Geschlechter mit unterschiedlichen Geschlechtsorganen herstellen. Und sie muss deren Verhalten jeweils so modifizieren und aufeinander abstimmen, dass Frau und Mann – zumindest aber deren Keimzel- len – sich finden, paaren und neue Lebewesen mit der richtigen Geschlechter-Verteilung heranwachsen. Natürlich bewirkt sie das nicht jedes Mal aufs Neue. Es laufen genetische Programme ab, die sich in der Evolution durchgesetzt haben.
Die Programme der Natur sind in den Genen niedergeschrieben, ihr wichtigstes Werkzeug für die Gestaltung der Geschlechtsunterschiede aber sind die Sexualhormone, dieses an Wirkungen und Nebenwirkungen so reiche „Teufelszeug”, wie der türkisch-deutsche Psychologe Onur Güntürkün es nennt. Nur mit ihrer Hilfe meistert die Natur die vertrackte gestalterische Aufgabe, die ihr die Erfindung des Sex abverlangt: bei jeder zweigeschlechtlichen Spezies im Prinzip zwei Modelle des gleichen Lebewesens herzustellen. Dabei müssen beide Modelle in weiten Bereichen ähnlich gut funktionieren – zumindest bis es zur erfolgreichen Fortpflanzung gekommen ist.
Und das kann dauern: beim Menschen ein ganzes Leben lang. Während – nur mal zum Vergleich – bei vielen Spinnen das Männchen nach der Befruchtung ausgedient hat und aufgefressen wird, haben sich bei unserer Spezies Sozialsysteme durchgesetzt, bei denen die Väter zur Aufzucht und Ernährung der Kinder mit herangezogen werden. Überhaupt fordert und fördert das Leben in immer größer werdenden sozialen Gruppen und Verbänden, in immer komplexeren Kulturen, die wir uns selbst geschaffen haben, eine weitgehende Ähnlichkeit unserer Hirnstrukturen. Eine Ähnlichkeit vor allem in der Plastizität: Egal ob wir nun als Männlein oder Weiblein auf die Welt gekommen sind – wir müssen lernen, lernen, lernen und flexibel bleiben. Wir müssen einander verstehen und miteinander kooperieren – und können uns nicht so benehmen, als käme die eine von der Venus und der andere vom Mars. Letztlich ist es also kein Wunder, dass Neurowissenschaftler trotz akribischer Suche kaum anatomisch-strukturelle Unterschiede in den Gehirnen von Frauen und Männern gefunden haben. Wir haben also fast ein Einheitsgehirn – aber wie verträgt sich das mit den Erfordernissen der Zweigeschlechtlichkeit? Wie wissen wir im entscheidenden Moment, was beim Sex zu tun ist, wie wir eine Geburt überstehen und einen Säugling richtig behandeln? Wissen wir es überhaupt? Oder müssen wir auch solche grundlegenden Dinge erst mühsam lernen?
Nun, ein paar Hinweise gibt es, dass der Mensch nicht ganz ohne geschlechtsspezifische Instinkte auf die Welt kommt: Die immer wieder beobachteten, verblüffend deutlich im Kindergarten-Alter zutage tretenden Vorlieben für bestimmte Spiele und Spielzeuge (Puppenecke versus Autobahn) deuten darauf hin. Die Art, wie sich die heranwachsenden Kinder erst nach Geschlechtern separieren, um sich dann in der Pubertät auf andere Weise wieder füreinander zu interessieren, die – von Verhaltensforschern gut dokumentierten – unbewussten Rituale des Flirtverhaltens und die hormonellen Veränderungen, die nicht nur Frauen, sondern auch Männer durchmachen, wenn sie ein Kind bekommen, legen ebenfalls eine biologische Steuerung nahe.
Die Natur hilft zumindest mit – der Rest ist auch hier: Lernen und Erfahrung. Und da sich Lernen und Erfahrung wiederum in Änderungen von Hirnstrukturen niederschlagen, die ein Kernspintomograph wenig später als „biologische” Veränderungen detektieren kann, ist eine Trennung zwischen Natur und Kultur nach modernem Verständnis gar nicht möglich und sinnvoll. Die alten Fragen „Was ist angeboren?”, „Was ist anerzogen?” sind kaum noch zu beantworten. Zumindest sind die Antworten komplizierter, als man sich das vor einigen Jahren noch gedacht hat. Wegweisend sind hier die Experimente von Tali Kimchi und Catherine Dulac, die bei erwachsenen Mäusen durch eine Operation in der Nase Verhaltensweisen des jeweils anderen Geschlechts auslösten (siehe Beitrag „Mama und Macho zugleich” ab S. 20). Sie haben eine verblüffende Erklärung dafür geliefert, warum männliche und weibliche Gehirne sich so ähnlich sehen, obwohl sich die Tiere normalerweise ganz unterschiedlich verhalten: Offensichtlich richtet das Sexualhormon Testosteron im Gehirn der kleinen Mäuse nicht ein solches Zerstörungswerk an wie bei der Ausformung der Genitalien (wo die ursprünglich vorhandenen weiblichen Anlagen komplett eingeschmolzen werden), sondern legt nur einen Schalter um. Die beiden Forscherinnen lenkten den Blick auch auf Beispiele aus dem Tierreich, bei denen männliches und weibliches Verhalten in Sekundenschnelle – und ohne die Mitwirkung von Sexualhormonen – an- oder ausgeknipst werden kann. Ein Erbe, dass beim Menschen möglicherweise nachwirkt. Vielleicht schlummert ja im Gehirn der Frau ein Macho-Modul, das sie im Notfall hochfahren kann? Oder ein sanftes Papa- Modul im Kopf des fiesen Gangsta-Rappers?
Eine andere Wissenschaftlerin, die Neuroendokrinologin Margaret McCarthy von der University of Maryland, wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass selbst beim Sexualverhalten der bevorzugten Labortiere von Geschlechterforschern, den Ratten, nicht alles programmiert ist. Auch hier scheint Erfahrung eine faszinierende und noch weitgehend ungeklärte Rolle zu spielen: „ Männliche Tiere verbessern ihr Verhalten durch Übung. Wenn Testosteron durch eine Kastration eliminiert wird, zeigen sie weiterhin sehr viel Kopulationsverhalten, das erst im Verlauf von Monaten allmählich erlischt. Im Gegensatz dazu machen es weibliche Tiere gleich beim ersten Mal und jedes folgende Mal richtig.” Und sie kopulieren nur, wenn sie auch empfängnisfähig sind.
Während McCarthy diesen Unterschied noch halbwegs evolutionsbiologisch erklären kann („Weibliche Tiere haben keinen Nutzen, aber potenzielle Kosten bei Paarungen außerhalb des Zeitfensters der Empfängnisbereitschaft, wohingegen männliche Tiere ihre Fitness maximieren, wenn sie keine Gelegenheit zur Paarung auslassen”), ist die Expertin bei Aussagen über die Rolle des menschlichen Gehirns beim Sex vorsichtig. Dazu sei noch viel zu wenig bekannt über „die mechanistische Grundlage von Motivation und Ausführung menschlichen Sexualverhaltens”. Offensichtlich hat sich noch keiner ihrer Kollegen so richtig dafür interessiert, wie beim Menschen Männlein und Weiblein zusammenfinden und welche Rolle ihre Gehirne dabei spielen. Stattdessen haben winzige Unterschiede in kognitiven Leistungen, wie sie bei Sprachtests und Labyrinth-Aufgaben zu Tage treten, die Aufmerksamkeit von Forschung und Öffentlichkeit gefesselt – Unterschiede, die vermutlich nur belanglose Nebenwirkungen des biologisch sinnvollen Waltens der Geschlechtshormone sind. Wenn nicht gar Labor- Artefakte. Oder pure Ideologie. ■
Ohne Titel
MEHR ZUM THEMA
LESEN
Gerald Hüther MÄNNER Das schwache Geschlecht und sein Gehirn Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, € 16,90
Lise Eliot PINK BRAIN, BLUE BRAIN How small differences develop into troublesome gaps and what we can do about It Houghton Mifflin Harcourt, New York 2009, ca. € 20,–
Stefan Lautenbacher, Onur Güntürkün, Markus Hausmann GEHIRN UND GESCHLECHT Neurowissenschaft des kleinen Unterschieds zwischen Mann und Frau Springer, Heidelberg 2007, € 49,95
Vivienne Parry DER TANZ DER HORMONE Warum wir weinerlich, glücklich, ängstlich oder einfach unausstehlich sind Pendo, München und Zürich 2007, € 19,90
Wissenschaftliche Arbeiten: Tali Kimchi, Jennings Xu, Catherine Dulac A functional circuit underlying male sexual behaviour in the female mouse brain Nature 448 (30. August 2007), S. 1009–1014
Catherine Dulac, Tali Kimchi Neural mechanisms underlying sex-specific behaviors in vertebrates In: Current Opinion in Neurobiology, 2007, 17: 675–683
VERANSTALTUNGEN
Symposium des „Turms der Sinne”: MANN – FRAU – GEHIRN Geschlechterdifferenz und Neurowissenschaft 1.–3. Oktober 2010, Hotel Maritim, Nürnberg Informationen und Anmeldung: www.turmdersinne.de
englischsprachige Tagung: The Difference between the Sexes From Biology to Behaviour 5.–6. November 2010, EMBL Heidelberg www.embl.de (conferences and courses)
Wissen hören: Das Thema „Geschlecht und Gehirn” beschäftigt auch Audio-Redakteur Martin Vieweg. Er hat dazu einen Experten interviewt, wie Sie unter „Podcasts” auf www.wissenschaft.de hören können.





