Bouldern ist eine beliebte Klettersportart, die in den vergangenen Jahrzehnten einen rasanten Zuwachs erfahren hat. Weltweit sind immer mehr Sportler in dieser Disziplin aktiv – in der Halle und am Naturfels. Daher werden auch immer mehr Felsen zum Klettergebiet ausgebaut. Aber welche Folgen hat dieser Sport für die Umwelt? Wie wirkt sich das Outdoor-Bouldern auf die Ökosysteme rund um die Klettergebiete und auf den Lebensraum der Tiere und Pflanzen unmittelbar in den Felsspalten und auf Felsvorsprüngen aus?
Das haben nun Forschende um Isabell Österle von der Universität Bayreuth untersucht. Dafür führten sie Experimente an drei Felsen aus unterschiedlichem Gestein durch: Kalkstein in der Fränkischen Schweiz, Granit im Fichtelgebirge und Sandstein in der Nähe von Bayreuth. Das Team bekletterte diese zuvor unberührten Felsen jeweils 500-mal und machte dabei regelmäßig Fotos von der Kletterstrecke. Danach verglichen sie, wie sich der Bewuchs der Steine mit Moosen und Flechten verändert hatte.
Mikroplastik statt Moose und Flechten
Das Ergebnis: Nach den Kletterdurchgängen fanden sich an natürlichen Fußtritten im Felsen um bis zu 15 Prozent weniger Moose und Flechten. Die Handgriffe wiesen hingegen deutlich weniger oder gar keine Erosion auf. Am stärksten wurden die Pflanzen und Pilz-Algen-Gemeinschaften schon bei den ersten Begehungen der Routen abgetragen. Der poröse Sandstein erwies sich hierbei als besonders anfällig und wies mehr Abnutzungsspuren auf als Kalkstein oder Granit. Die beim Bouldern beschädigte Vegetation und dadurch gestörte mikrobielle Vielfalt erholte sich selbst innerhalb von drei Jahren nur teilweise, wie spätere Kontrolluntersuchungen am Sandstein ergaben. „Die Auswirkungen des Boulderns variieren je nach Gesteinsart des Felsens. Eine Erholung des Ökosystems findet nur langsam statt“, fasst Co-Autorin Sofie Paulus von der Universität Bayreuth zusammen.
Die Forschenden nahmen bei ihren Experimenten auch Gesteinsproben und untersuchten diese mithilfe von spektroskopischen Methoden auf Mikroplastik. Tatsächlich konnten sie so erstmals nachweisen, dass beim Abrieb der Gummisohlen der Kletterschuhe schwarze Kunststoffpartikel und Gummizusatzstoffe auf Kalkstein übertragen werden. „Durch das Bouldern wird also Mikroplastik direkt in sensible Ökosysteme eingebracht und könnte hier Auswirkungen, unter anderem auf die mikrobielle Gemeinschaft, haben“, erklärt Seniorautor Manuel Steinbauer von der Universität Bayreuth. Für Menschen und viele andere Lebewesen gelten die Kunststoffpartikel zudem als potenziell gesundheitsschädlich.
Strengere Regeln fürs Outdoor-Bouldern nötig
Besonders bedenklich: Die Plastikverschmutzung und der Pflanzenabrieb traten bereits nach moderater Nutzung der Naturfelsen ohne weitere Hilfsmittel auf. „Auch ohne die Verwendung von Kletterchalk oder die im Sport sonst übliche Praxis des Putzens der Felsen vor der ersten Begehung haben wir bereits Auswirkungen des Boulderns am Naturfels dokumentieren können“, sagt Paulus. Diese Methoden erhöhen den Halt der Sportler am Felsen, schädigen das Ökosystem aber zusätzlich – durch die stärkere Erosion und weil das Magnesia den pH-Wert des Untergrunds verändern, wie das Team erklärt.
Gänzlich verbieten wollen die Forschenden das Bouldern trotzdem nicht. Angesichts ihrer Befunde plädieren sie jedoch für differenzierte Managementstrategien, die eine Balance zwischen der Freizeitnutzung und dem Naturschutz schaffen. Sie schlagen beispielsweise vor, das Klettern nur in bestimmten Zonen und an abwechselnden Orten zu erlauben. Manche Felsen dürften dann gar nicht, andere nur zeitweise beklettert werden und könnten sich zwischendurch erholen, so die Idee. Das würde zum Schutz der sensiblen Ökosysteme beitragen und auch seltene Pflanzenarten in Felsspalten bewahren. Zusätzlich könnten Apps eingeführt werden, über die Klettersportler ihre Routen dokumentieren und so Naturschützern beim Monitoring der Umwelt helfen.
Folgestudien mit mehr Daten und aus anderen Gebieten sollen nun klären, wie viel Mikroplastik beim Bouldern in die Umwelt gelangt und ob auch andere Pflanzen oder Lebensgemeinschaften bedroht sind.
Quelle: Universität Bayreuth; Fachartikel: People and Nature, doi: 10.1002/pan3.70207





