Das Gehirn ist ein Geschlechtsorgan: Hormone greifen ein und verändern Strukturen. Doch was uns wirklich zu Männern und Frauen macht, ist Lebenserfahrung.
„Sexualhormone sind ein Teufelszeug”, sagt Onur Güntürkün. „ Sie können Zellen zum Umbau zwingen.” Der Biopsychologe von der Universität Bochum muss es wissen, hat er doch mit zwei Kollegen ein dickes Lehrbuch über „Gehirn und Geschlecht” herausgegeben. Untertitel: „Neurowissenschaft des kleinen Unterschieds zwischen Mann und Frau.”
Was Sexualhormone vermögen, zeigt sich am deutlichsten bei der Entwicklung der männlichen und der weiblichen Genitalien beim ungeborenen Kind. Im Alter von sechs Wochen geht es los: Ein kleiner Gen-Schnipsel namens SRY, der auf dem Y-Chromosom sitzt, stößt beim männlichen Embryo die Hodenbildung an. Eine vorher angelegte geschlechtsneutrale Drüse wird nun männlich und produziert zwei Hormone: Testosteron und das weniger prominente Anti-Müller-Hormon. Letzteres ist zunächst wichtiger, denn es sorgt dafür, dass der Embryo kein Mädchen werden kann. Es lässt die nach dem deutschen Anatomen Johannes Müller benannten Müller-Gänge verkümmern, aus denen sonst Uterus und Eileiter geworden wären. Erst dann formt im Laufe der kommenden Monate das Testosteron aus einem anderen Röhrensystem (den Wolff-Gängen) Samenleiter und Penis des kleinen Jungen. Ohne die Hoden-Hormone entwickelt sich dagegen ein Mädchen, komplett mit Uterus und Eierstöcken. Mädchen sind sozusagen der Standardfall der Natur.
WAS VOR DER GEBURT PASSIERT
Auch das Gehirn ist ein Geschlechtsorgan, das ist die Botschaft von Onur Güntürkün: In verschiedenen Arealen finden sich Rezeptoren für die Sexualhormone. Dazu gehören so prominente Regionen wie der Hippocampus, der für Orientierung und Gedächtnis wichtig ist, und die Amygdala, das Zentrum für Affekte und das Tor zu affektgeladenen Erinnerungen. Für das Teufelszeug empfänglich ist aber auch der Hypothalamus, die Steuerungszentrale für Stressreaktionen und den Hormonhaushalt des ganzen Körpers. Nicht zuletzt prägen Sexualhormone das Verhalten, und zwar schon vor der Geburt. Wie sie das tun, das wurde allerdings an Ratten genauer studiert als an Menschen.
Dafür gibt es zwei Gründe: Einmal ist bei Ratten das geschlechtsspezifische Verhalten beim Sex recht stereotyp. Man kann also bei den erwachsenen Tieren leicht unterscheiden, ob ihr Gehirn männlich oder weiblich geprägt wurde. Zum anderen ist die geschlechtliche Differenzierung der Rattenkinder anders als die der Menschenkinder bei der Geburt noch nicht abgeschlossen, was den Wissenschaftlern die Möglichkeit zu experimentieren gibt. Lise Eliot, Neurobiologin an der Chicago Medical School, beschreibt es so: „Forscher haben diese Eigenart ausgenutzt, indem sie alle möglichen hormonellen Manipulationen an Ratten vorgenommen haben, deren einfachste natürlich (sorry, Jungs) die Kastration ist.”
UNWIDERRUFLICH MÄNNLICH
Mit eindeutigen Folgen: Nach der Geburt kastrierte Ratten hatten als erwachsene Männchen wenig Lust, sich mit Weibchen zu paaren. Sie waren auch weniger aggressiv als normale Männchen – ein Unterschied, der sich schon bei den Raufereien der Jungtiere zeigte. Kastrierten die Forscher die Jungen jedoch erst im Alter von drei Wochen, hatte das keinen Effekt mehr auf ihr Verhalten – die sensible Phase für die Mannwerdung war da schon abgeschlossen. Die Tiere waren unwiderruflich männlich geprägt.
Den weiblichen Neugeborenen injizierten die Forscher am ersten Lebenstag das Hormon Testosteron. Diese Ratten bekamen später keinen Eisprung, sie zeigten kein Werbeverhalten, sondern gingen Rattenmännchen aus dem Weg. Als Jungtiere spielten sie aggressiver als andere Weibchen, und sie legten weitere männliche Eigenarten an den Tag, lernten zum Beispiel schneller, sich in einem Labyrinth zurechtzufinden. Auch hier war das Zeitfenster für Eingriffe begrenzt. Ab dem Alter von zehn Tagen bewirkte ein Testosteron-Stoß nichts mehr, die Weiblichkeit war bereits etabliert.
Man muss natürlich vorsichtig sein, solche Befunde auf den Menschen zu übertragen. Davor warnt auch Lise Eliot. Sie referiert jedoch einige „Experimente der Natur”, aus denen man Schlüsse über die Rolle von Geschlechtshormonen bei Menschenkindern ziehen kann. So gibt es Jungen, die zwar Testosteron bilden, aber nicht darauf reagieren können, weil ihnen die passenden Rezeptoren fehlen. Bei ihnen reifen die männlichen Geschlechtsorgane nicht aus. Sie sehen äußerlich weiblich aus, haben aber keinen Uterus und keine Eierstöcke. Psychisch fühlen sie sich ihr Leben lang feminin und wachsen trotz ihres Y-Chromosoms in der Regel zu normalen heterosexuellen – wenn auch unfruchtbaren – Frauen heran.
FORMBARE IDENTITÄT
Noch aussagekräftiger sind die Schicksale von Männern, die aus unterschiedlichen medizinischen Gründen in den ersten Lebensmonaten kastriert und als Mädchen aufgezogen wurden. Berühmt wurde David Reimer, ein Patient des US-Psychologen John Money. Weil der Penis des Jungen bei der Beschneidung verletzt worden war, hatte der Psychologe den Eltern zur Kastration (im Alter von 22 Monaten) und zu einer Mädchen-Erziehung geraten. Doch „Brenda”, wie David jetzt genannt wurde, rebellierte gegen die Mädchenrolle. Mit 14, als man das Kind über sein wahres Geschlecht aufklärte, verlangte es eine Rückkehr zur männlichen Identität. Mit 38 beging der unglückliche David Reimer Selbstmord. Bezeugt dieses Beispiel die zwingende Prägung durch das vorgeburtliche Testosteron? Nicht unbedingt. Eine Untersuchung, die im Jahr 2005 ganze 77 ähnlich gelagerte Fälle verglich, kam zu dem Ergebnis, das nur 17 dieser Menschen zum Mannsein zurückgekehrt waren. Die Mehrzahl der als Jungen Geborenen war mit der aufgezwungenen weiblichen Rolle einverstanden.
Ein weiteres Natur-Experiment betrifft Mädchen, die wegen einer seltenen genetischen Störung zu viele männliche Hormone in ihren Nebennierenrinden produzieren (ein wenig Testosteron produziert jeder Mensch in diesen Organen). Sie kommen nicht nur mit einer Art Mini-Penis auf die Welt, sondern auch mit einer eher maskulinen Weltsicht: Als Kinder raufen sie gern, sind sportlich und interessieren sich kaum für Puppen oder Babys. Später ergreifen sie gern „männliche” Berufe wie Ingenieur oder Pilot. Dennoch fühlen sich die meisten ganz als Frau. Es gibt allerdings in dieser Gruppe mehr Lesbierinnen als im Durchschnitt der weiblichen Bevölkerung – ein Hinweis darauf, dass pränatale Geschlechtshormone die sexuelle Neigung zu einem gewissen Grad beeinflussen.
suchtkrank oder schmerzpatient?
Diese Befunde zeigen, wie mächtig Sexualhormone sind, wie stark sie das Verhalten beeinflussen – nicht nur bei Ratten, sondern auch bei Menschen. Doch reichen sie aus, um die bisweilen riesigen Geschlechtsunterschiede in der Gesellschaft zu erklären? „Drei Viertel aller Selbstmörder, 80 Prozent aller Suchtkranken, zwei Drittel aller Notfallpatienten, über 90 Prozent aller Häftlinge in Strafanstalten sind Männer”, bilanziert die Autorin Ute Scheub in ihrem aktuellen Buch „Heldendämmerung”, in dem sie die Rolle aggressiver Männlichkeit im Weltgeschehen kritisch unter die Lupe nimmt. Auf der anderen Seite leiden Frauen doppelt so häufig wie Männer unter Depressionen und stellen die Mehrzahl aller Schmerzpatienten. Kann man das alles mit hormonbedingten Unterschieden im Gehirn erklären?
Bisher nicht, wenn man ehrlich ist. Denn das Paradoxe ist: Selbst bei großen Unterschieden im Verhalten sind die Gehirne von Männern und Frauen erstaunlich ähnlich! Hirnforscher haben bis heute kaum Regionen oder Netzwerke im Gehirn gefunden, die verschieden groß oder unterschiedlich geformt sind. Geschweige denn, dass es Zentren gäbe, die nur bei einem Geschlecht vorhanden sind, während sie beim anderen fehlen. Das gilt selbst für die Lieblings-Labortiere der Geschlechterforscher. „ Erstaunlicherweise wurden bei Nagetieren nur eine begrenzte Zahl von Gehirnstrukturen gefunden, die einen klaren sexuellen Dimorphismus zeigen”, fassen Tali Kimchi und Catherine Dulac den Forschungsstand zusammen (siehe den vorangehenden Beitrag „Mama und Macho zugleich”). Diese wenigen – etwa der sexuell dimorphe Kern in der präoptischen Region und eine Region in der Mitte der Amygdala – haben alle etwas mit der Regulation des Sexual- und Aggressionsverhaltens der Tiere zu tun, jedoch nicht mit seiner Ausführung.
erstaunlich wenig anders
Ähnlich ratlos steht die Entwicklungsneurobiologin Lise Eliot vor dem Kinderhirn. Für ihr aktuelles Buch „Pink Brain – Blue Brain” hat sie die gesamte wissenschaftliche Literatur nach anatomisch-strukturellen Unterschieden durchforscht. „Doch was ich nach einer erschöpfenden Suche fand, war erstaunlich wenig”, schreibt sie. Ja, im Gehirn von Erwachsenen zeigen sich bisweilen im Kernspin-Tomographen Unterschiede in der Nutzung von Hirnregionen – etwa beim Lösen bestimmter Sprach- oder Labyrinth-Aufgaben. Doch das sind genau die Unterschiede, die man bei unterschiedlicher Übung erwarten würde – und die sich bei gezieltem Training meist einebnen. Für das kindliche Gehirn fand Eliot nur zwei Unterschiede, die als „verlässlich geprüft” durchgehen können:
• Das Jungengehirn ist rund zehn Prozent größer als das Mädchengehirn, und es enthält mehr Neuronen.
• Das Mädchengehirn reift schneller und ist dem Jungengehirn um die Zeit der Pubertät ein bis zwei Jahre in der Entwicklung voraus.
Nicht bestätigt haben sich Hypothesen, dass die beiden unterschiedlichen Hirnhälften bei Jungen und Mädchen verschieden schnell reifen, was Unterschiede im Sprach- oder Orientierungsverhalten erklären sollte. Ein anderer „Unterschied” , der nach einer kleinen Studie im Jahr 1982 Schlagzeilen machte, hat sich ebenfalls in Luft aufgelöst: Beim Corpus callosum („ Balken”), der Rechts-Links-Verbindung zwischen den beiden Hirnhälften, gibt es keine signifikante Differenz, die Frauen einen Vorteil im Sinne einer höheren Intuition verschaffen würde (sorry, Mädels). Das hat eine Metastudie, die 50 Einzelbefunde verglich, bereits im Jahr 1997 klargestellt.
Sogar die attraktive These, die der britische Psychologe Simon Baron-Cohen 2003 aufstellte, ist unter Beschuss geraten: Männergehirne neigten zum Systematisieren statt zur Empathie, und Autismus sei eine Extremform männlicher Gehirnentwicklung. Baron-Cohen und sein Team haben zwar einen Zusammenhang zwischen pränatalem Testosteron und der späteren Entwicklung „autistischer Züge” bei Mädchen und Jungen festgestellt. Den klaren Beweis, dass Autismus durch zu viel Testosteron ausgelöst wird, konnten sie jedoch nicht erbringen. Auch fanden sich keine Hinweise, dass autistische Jungen etwa aggressiver oder im Körperbau besonders männlich seien. Das Rätsel, warum diese soziale Störung Jungen viermal so häufig wie Mädchen trifft, ist noch nicht gelöst.
MOLEKULARE KLEINARBEIT
Es klaffen also große Wissenslücken zwischen den kleinen hormonellen Ursachen und ihren großen gesellschaftlichen Folgen. Zwei Richtungen der aktuellen Forschung versprechen in den nächsten Jahren Licht ins Dunkel zu bringen: An der ersten Front arbeiten zähe Grundlagenforscher wie die amerikanische Neuroendokrinologin Margaret McCarthy. Sie versucht im Detail aufzuklären, wie Hormone im Gehirn Nervenzellen „zum Umbau zwingen”, und was dabei auf molekularer und genetischer Ebene geschieht. McCarthy konnte bereits zeigen, dass bei der „ Maskulinisierung” des sexuell dimorphen Kerns in der präoptischen Region von Ratten das Gewebshormon Prostaglandin E2 eine entscheidende Rolle spielt (siehe Grafik „Umbau im Gehirn”). So tasten sich die Wissenschaftler Molekül für Molekül und Hirnregion für Hirnregion voran. Doch Margaret McCarthy meint selbstkritisch: „Unser gegenwärtiger Ansatz ähnelt dem Briefmarkensammeln und hindert uns daran, Einsichten über Zusammenhänge zu gewinnen. Es braucht mehr als Ziegelsteine, um ein Haus zu bauen – sie müssen auch zusammengefügt werden.”
Die zweite wichtige Forschungsrichtung beschäftigt sich deshalb trotz des lückenhaften Baumaterials mit dem ganzen Haus. Diese Forscher versuchen zu beschreiben, wie die Interaktion aus Biologie und Umwelt aus kleinen Unterschieden große macht.
Männer Sind verletzlicher
In Deutschland hat der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther ein Büchlein in die Diskussion geworfen: „Männer. Das schwache Geschlecht und sein Gehirn”. Seine zentrale These: Der Mann ist schon wegen seines fehlenden zweiten X-Chromosoms das verletzlichere, für Krankheiten anfälligere Geschlecht (siehe auch Beitrag „Das schwache Geschlecht” ab S. 68). Im Mutterleib sterben mehr männliche Föten als weibliche, und nach der Geburt geht es mit der ungleichen Gefährdung weiter. Hormone sorgen dafür, dass der kleine Junge mit mehr Bewegungsdrang und Kampfeslust auf die Welt kommt – mit „mehr Pauken und Trompeten”, wie Hüther es musikalisch vergleicht.
Aus dieser riskanten Gemengelage entwickele sich eine Persönlichkeit, die „mehr Halt braucht” als die ausgeglichenere Mädchenpsyche – vor allem in Form von Anerkennung durch die Erwachsenen. „Wenn Eltern und Lehrer den Jungen diese Anerkennung nicht geben, treten manchmal gefährliche Ersatzväter auf den Plan” , warnt Hüther. Der Junge zieht dann möglicherweise in den Djihad oder in den Cyber-Krieg. Geht alles gut, sucht und findet er die nötige Anerkennung im Beruf und bei einer liebenden Partnerin. Doch auch dem risikobereiten, abenteuerlustigen Typ, den es nicht zu Hause hält, billigt Hüther aus evolutionsbiologischer Perspektive eine wichtige Rolle zu: einst bei der Erschließung neuer Lebensräume, heute bei kulturellen Pionierleistungen. Fehlt nur eines, um das Bild komplett zu machen: ein Werk, das in entsprechender Weise die biologisch-kulturelle Entwicklung der Frau beleuchtet. „Solch ein Buch gibt es leider nicht”, bedauert Hüther.
VIELSAGENDES KRABBEL-EXPERIMENT
Seine amerikanische Kollegin Lise Eliot hat jedoch mit „Pink Brain – Blue Brain” einen großen Wurf gewagt, der Kinder beiderlei Geschlechts immerhin bis zum Berufseintritt begleitet. Die Neurobiologin, die in Gestalt ihrer Tochter und ihrer beiden Söhne drei Studienobjekte zu Hause hat, schlüsselt neben den biologischen sehr genau auch die Umweltfaktoren auf, die Geschlechtsunterschiede mitbedingen und verstärken, etwa wie Eltern die Weichen stellen.
Ein Augenöffner ist ein Versuch, den drei New Yorker Psychologinnen im Jahr 2000 durchführten. Sie ließen elf Monate alte Babys eine Böschung hinabkrabbeln, die durch ein verstellbares gepolstertes Brett gebildet wurde. Zuvor mussten die Mütter die Steilheit einschätzen, die sie ihren Kindern zutrauten. Ergebnis: Das Krabbel-Experiment selbst erbrachte keinen signifikanten Geschlechtsunterschied. Wenn überhaupt, waren die Mädchen ein wenig mutiger als die Jungen. Die Mütter hatten aber genau das Gegenteil angenommen und den Töchtern weniger als den Söhnen zugetraut. So macht man Mädchen zu Angsthasen und überfordert Jungen.
Aber Eliot beschreibt auch sehr eindrücklich, dass die Macht der Eltern Grenzen hat. Bereits im Kindergarten-Alter übernehmen die Kleinen die Zuständigkeit für ihre Geschlechtsrollen selbst. „ Die Intoleranz kleiner Kinder ist verblüffend”, schreibt Eliot. „ Wie kann mein Sohn lila T-Shirts verweigern, obwohl sein Vater sie trägt? Woher hat meine Tochter die Idee, dass Star-Wars-Legos nur für Jungen sind?” Doch Eliot hält diese Übertreibungen für verständlich, wenn man die Sache mit dem moralischen Urteilsvermögen in diesem Alter vergleiche: „Vorschulkinder denken in Kategorien von richtig und falsch, gut und schlecht, schwarz und weiß. Grauschattierungen können sie noch nicht sehen.” Das heißt: Sie versuchen, zuerst einmal die Regeln zu verstehen. Mit den Ausnahmen beschäftigen sie sich erst später.
DAS ERFAHRUNGS-OrGAN
Zum Trost für die Eltern sei verraten, dass die krassen Stereotype wieder verschwinden, sobald die Kinder älter werden. Die Mädchen tun den ersten Schritt und beginnen sich schon im Alter von fünf für die prestigeträchtigeren Bubenspiele zu interessieren. Und trotz aller öffentlichen Klagen über Benachteiligungen des einen oder des anderen Geschlechts in Schule und Ausbildung haben große psychologische Studien zu den intellektuellen Fähigkeiten von Männern und Frauen in jüngerer Zeit nur kleine, unbedeutende Unterschiede zum Vorschein gebracht (siehe Tabelle „Wie groß sind die Unterschiede?”). Auch, dass sich mancher Unterschied im Laufe des Lebens verstärkt statt sich abzuschwächen, kann man laut Gerald Hüther neurobiologisch leicht erklären: „Das Gehirn wird so, wie man es mit Begeisterung benutzt.” Sprich: Wer von Kindesbeinen an nichts lieber tut als Fußball zu spielen, bekommt ein Fußballer-Gehirn. Wer lieber Violine übt, entwickelt das Gehirn eines Geigers. Mit dem Geschlecht hat das nur insofern etwas zu tun, als manche Domänen traditionell als männlich oder weiblich gelten.
Vorläufiges Fazit der Wissenschaft: Von Extremen abgesehen, sind sich die Geschlechter im Denken recht ähnlich. Im Fühlen sind sie jedoch unterschiedlich genug, um ihre naturgegebenen Rollen bei der Fortpflanzung zu spielen. Als Geschlechtsorgan funktioniert das Gehirn recht gut. ■
von Judith Rauch
Ohne Titel
Wer liegt vorn?
Jungen schneller
Jungen weiter
Männer öfter
Frauen freundlicher
bei Männern größer
Männer besser
Männer aggressiver
Männer aktiver
Mädchen besser
Männer besser
Mädchen besser
Frauen lächeln mehr
Jungen besser
Frauen ängstlicher
Männer erregbarer
Männer aggressiver
Frauen besser
Männer hilfsbereiter bei Jungen stärker
Mädchen besser
Männer besser
Frauen zufriedener
Frauen besser
HORMONE IM MUTTERLEIB
Geht es um die Geschlechtsentwicklung bei Ungeborenen, ist meist nur vom Wirken des Testosterons die Rede. Denn zu diesem frühen Zeitpunkt spielen die weiblichen Sexualhormone (Östrogen und Gestagen) für die Gehirnentwicklung von Mädchen und Jungen noch keine Rolle. Dabei befindet sich das Ungeborene in einer durch und durch weiblichen Umgebung – das Blut der Mutter steht mit dem seinen über die Plazenta in engem Kontakt. Allerdings sorgt das Enzym Alpha-Fetoprotein dafür, dass die mütterlichen Sexualhormone im kindlichen Körper sofort abgefangen werden. Im Verbund mit ihrem Begleit-Protein dringen sie nicht durch die Blut-Hirn-Schranke und erreichen deshalb das junge Gehirn nicht.
Anders das Testosteron aus den winzigen Hoden eines männlichen Fötus. Es gelangt in sein Gehirn und wird dort – so kompliziert ist die Natur – erst einmal in Östrogen umgewandelt, genauer gesagt: in Östradiol, eine Unterform des Weiblichkeitshormons. In dieser Form verrichtet es seine Umbaumaßnahmen an den Nervenzellen.
WAS GLOCKENKURVEn VERRATEN
Die Eigenschaften von Männern und Frauen können weit auseinanderliegen (a) oder eng beisammen (b), wie die glockenförmigen Verteilungskurven zeigen. Ein Maß dafür ist der Wert d: der Unterschied der Mittelwerte, dividiert durch die gemittelte Standardabweichung.
Grafik a zeigt die Unterschiede in der Körpergröße: Hier ist d 2,6: Männer sind meistens größer als Frauen. Für viele psychologische Eigenschaften ist ein kleiner Unterschied – beispielsweise ein d von 0,35 wie in Grafik b – typisch. Hier gibt es große Überschneidungen zwischen Männern und Frauen (siehe Tabelle „Wie groß sind die Unterschiede?”).
Grafik c verdeutlicht, dass bei Männern die Testergebnisse häufig weiter streuen als bei Frauen. Das gilt auch für die Intelligenz. „Männer sind das extremere Geschlecht”, sagen deshalb viele Wissenschaftler. Noch deutlicher wird US-Psychologe Steven Pinker, wenn er über Männer spricht: „Mehr Genies, mehr Idioten”.
DIE GENE: NUR EIN KLEINER UNTERSCHIED
Im Grunde ist jede Zelle der Frau weiblich und jede Zelle des Mannes männlich, denn zum vollständigen Chromosomensatz gehören auch die Geschlechts-Chromosomen: XX bei der Frau, XY beim Mann. Doch macht dieser Unterschied rein zahlenmäßig wenig aus: Auf dem Y-Chromosom sitzen nur etwa 60 Gene (X: rund 800). Da der Mensch etwa 25 000 Gene besitzt, haben Mann und Frau 99,8 Prozent davon gemeinsam.
Ein paar Unterschiede aber gibt es, die auch das Gehirn betreffen: So sind Männer häufiger von Rot-Grün-Blindheit und anderen Erkrankungen betroffen, die von einem Gen-Defekt auf dem X-Chromosom ausgelöst werden (Frauen können solche Fehler mit ihrem zweiten X ausgleichen). Außerdem hat man bei Ratten festgestellt, dass das Gen SRY (das auf dem Y-Chromosom sitzt und die Hoden-Entwicklung steuert) in der „Substantia nigra” im Gehirn an der Produktion von Dopamin beteiligt ist. Unterdrückt man dieses Gen, kommt es zu Bewegungsstörungen wie beim Morbus Parkinson. Das könnte erklären helfen, warum Männer etwa 1,5-mal so oft wie Frauen von dieser Krankheit betroffen sind. Andererseits fragen sich die Forscher, wie es Frauen schaffen, ganz ohne SRY-Gen genügend Dopamin herzustellen – ein noch ungelöstes Problem.
Neuerdings deuten ausgefeilte Versuche mit genmanipulierten Ratten darauf hin, dass noch weitere Y-Gene das Gehirn beeinflussen. Einige scheinen sogar an der Aggressionskontrolle beteiligt zu sein. Gibt es also Aggressions-Gene bei Männern, die nicht auf hormonellem, sondern auf direktem Wege wirken? Das ist noch unklar. Der amerikanische Physiologe Arthur P. Arnold bilanziert: „Aktuelle Forschungsarbeiten haben bereits einige Unterschiede zwischen XX- und XY-Gehirnen gezeigt. Aber es gibt immer noch sehr viel zu entdecken.”
Umbau im Gehirn
Eine der wenigen Hirnregionen, die bei Mäusemännchen anders aussehen als bei Mäuseweibchen ist der „sexuell dimorphe Kern des präoptischen Areals”. Hier wird Testosteron in Östradiol umgewandelt. Dieses Hormon fördert die Bildung des Enzyms Zyklooxigenase 2, abgekürzt COX-2. Es hilft wiederum das Prostaglandin E2 zu bilden, ein Gewebshormon. Im Gegensatz zu normalen Hormonen wandern Gewebshormone nicht mit dem Blut, sondern wirken lokal. Im Rattenhirn sorgt E2 für mehr kleine Ausstülpungen (dendritische Dornfortsätze) an den Nerven des präoptischen Kerngebiets, die so für die Signale anderer Nerven empfindlicher werden. Gleichzeitig wird männliches Sexualverhalten (Aufreiten) angestoßen. Blockiert man COX-2 (Kreuz, oben), gibt es nur spärliche Fortsätze auf den Dendriten, und das Aufreit-Verhalten bleibt aus.
Kompakt
· Das Geschlechtshormon Testosteron spielt eine Schlüsselrolle bei der Prägung des Verhaltens.
· Trotzdem sind sich die Gehirne von Männern und Frauen ähnlicher, als Wissenschaftler erwartet haben.
Ohne Titel
Größe des Unterschieds
2,18
1,98
0,96
0,91
0,81
0,73
0,33–0,84
0,49
0,45
0,44
0,4 0
0,4 0
0,32
0,32
0,31
0,09–0,55
0,14
0,13
0,04–0,16
0,09
0,08
0,06
0,02
wie gross sind die unterschiede?
Eigenschaft/Fähigkeit
Wurfgeschwindigkeit
Wurfweite
Masturbationshäufigkeit
Freundlichkeit
Bereitschaft zu schnellem Sex
Mentale Rotation (Drehung eines Objekts)
Körperliche Aggression
Aktivitiät
Rechtschreibung
Raumwahrnehmung
Sprachtests
Lächeln
Naturwissenschaften
Angst
Sexuelle Erregbarkeit
Verbale Aggression
Rechnen
Hilfsbereitschaft
Selbstbewusstsein
Lesen
Mathematisches Problemlösen
Sexuelle Befriedigung
Führungs-Effizienz
Ohne Titel
Die Tabelle zeigt eine Auswahl von Eigenschaften und Fähigkeiten – teils von Erwachsenen, teils von Kindern und Jugendlichen –, die in zusammenfassenden Studien („Metastudien”) erhoben wurden. Die Größe des Unterschieds wurde so berechnet: Differenz der Mittelwerte, dividiert durch die gemittelte Standardabweichung. Große Unterschiede sind dunkel markiert, vernachlässigbar kleine hell. Die gezeigte Auswahl bevorzugt starke Unterschiede. Doch bei den meisten Eigenschaften unterscheiden sich die Geschlechter laut Studien kaum.





