Das Prinzip des Säugetier-Ohrs ist ein so gutes Konzept, dass es von der Natur mindestens zwei Mal erfunden wurde: einmal bei den gemeinsamen Urahnen von Beuteltieren und höheren Säugetieren und später noch einmal bei den Vorfahren der eierlegenden Säugetiere, von denen nur die Ameisenigel und Schnabeltiere bis heute überlebt haben. Das schließt ein amerikanisch-australisches Forscherteam aus der Form eines 115 Millionen Jahre alten Kieferknochens, der einem kleinen eierlegenden Säugetier gehörte. Über ihre Entdeckung berichten Thomas Rich vom Victoria-Museum in Melbourne und seine Kollegen in der Fachzeitschrift Science (Bd. 307, S. 911).
Als sich aus den Reptilien die Säugetiere mit ihrem scharfen Gehör entwickelten, veränderte sich auch der Aufbau des Unterkiefers. Der ursprüngliche Reptilienkiefer enthielt neben dem eigentlichen Kieferknochen noch kleinere Hilfsknöchelchen, die dann im Lauf der Evolution zu Teilen des Mittelohrs der Säugetiere wurden. Bei einigen schon sehr säugetierähnlichen Reptilien hatten diese Hilfsknöchelchen daher auch bereits eine Doppelfunktion: Einerseits waren sie Teil des Unterkiefers, während sie andererseits das Trommelfell stützten.
Genau das ist auch bei dem Fossil des Schnabeltier-Urahns namens Teinolophos trusleri der Fall, berichten die Forscher. Auch hier sind die späteren Ohrknöchelchen noch fest mit dem Unterkiefer verbunden. Der Fund stammt jedoch aus einer Zeit, als sich die Abstammungslinien von eierlegenden und höheren Säugetieren bereits getrennt hatten und die Vorfahren der höheren Säugetiere schon rudimentäre Ohren mit losgelösten Kieferknöchelchen besaßen ? ein deutlicher Hinweis darauf, dass sich die Ohren der Schnabeltiere unabhängig von denen anderer Säugetiere entwickelt haben. Wegen des komplexen Aufbaus des Säugetier-Ohres waren Wissenschaftler bislang davon ausgegangen, dass es sich bei einem gemeinsamen Vorfahren aller Säugetiere entwickelte.
ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel





