Im Vergleich zu anderen Transportmethoden gilt die Binnenschifffahrt als vergleichsweise klimafreundlich. Deshalb fördert die Europäische Union nun Erweiterungen in diesem Sektor: Bei der Beförderung von Waren auf dem Wasserweg wird ein Wachstum um 50 Prozent in den kommenden 25 Jahren anvisiert. Inwieweit sich dieser Ausbau allerdings ökologisch problematisch auswirken könnte, ist bisher nur unzureichend erforscht, berichtet ein internationales Forscherteam um Erstautor Aaron Sexton vom Froschungsinsttitut für Biodiversität in Montpellier.
Deshalb haben die Forschenden nun systematisch erfasst, welche Effekte die Schifffahrt bisher auf die Biodiversität in Flusssystemen Europas gehabt hat. Dazu haben sie Datensätze zum Vorkommen von Fischen und wirbellosen Tierarten an über 4000 Probestellen verschiedener europäischer Flüsse ausgewertet, die in den letzten 32 Jahren erstellt wurden. Diese Informationen konnten sie dabei mit Daten zur Intensität des Schiffsverkehrs und den damit verbundenen Infrastrukturen an den verschiedenen Standorten verknüpfen.
Veränderte Strömungen und Wellen
Wie die Forschenden berichten, war die Nutzung von Flüssen als Wasserstraßen in den letzten Jahrzehnten mit einem erheblichen Verlust an verschiedenen Arten von Fischen, Muscheln, Schnecken und Kleinkrebsen verbunden. Besonders betroffen waren demnach die jeweils für bestimmte Gewässer typischen Spezies. Letztendlich führt dies dem Team zufolge zu einer Angleichung: „Wir haben festgestellt, dass die Artengemeinschaften in den Flüssen Europas immer homogener werden. Das Problem ist, dass sich dadurch die Nahrungsnetze verschieben können und auch die Widerstandsfähigkeit der jeweiligen Gewässer abnimmt“, sagt Co-Autorin Sonja Jähnig vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB). Dazu trägt auch ein weiterer Aspekt bei, den die Forschenden dokumentieren konnten: Invasive Arten breiten sich in den befahrenen Bereichen besonders intensiv aus, belegen die Studienergebnisse.
Doch was ist die Ursache der negativen Effekte der scheinbar harmlos vorbeifahrenden Schiffe? Wie das Team erklärt, spielen dabei wohl die veränderten Wasserbewegungen eine wichtige Rolle. Denn es zeichnet sich in den Daten ab, dass besonders die eher strömungsempfindlichen Arten vom Verlust betroffen sind. Offenbar verursachen die Schiffe demnach durch Wellen und Rückströmungen einen Selektionsdruck: Tierarten, die ihre Eier frei ins Wasser abgeben, sind verstärkt von einem Wegspülen des Nachwuchses betroffen. „Lebensräume mit unterschiedlichen Strömungen sind für die Artenvielfalt essenziell“, sagt Jähnig. Schiffswellen können zudem die Ufer erodieren und Sedimente aufwirbeln, was die Lebensräume sowohl für Fische als auch für wirbellose Organismen beeinträchtigt, erklären die Forschenden.





