Text: Marlen Bruckner
Für viele Lebewesen ist die dunkle Jahreszeit eine Phase des Rückzugs, auf die sie sich gut vorbereiten: Bäume werfen ihre Blätter ab und stellen die Fotosynthese ein, Tiere wie der Igel oder die Fledermaus begeben sich in den Winterschlaf. Das Rotwild entwickelt ein dichteres Winterfell und zieht sich in geschützte Wälder zurück. Und was macht der moderne Mensch? Anders als die Tier- und Pflanzenwelt, die sich dem Rhythmus der Natur anpasst, versuchen wir, den jahreszeitlichen Wechsel einfach zu ignorieren: Wir arbeiten genauso viel wie im Sommer und verbringen die meiste Zeit in künstlich beleuchteten Räumen.
Viele Mediziner und Humanbiologen sehen dies kritisch und empfehlen, von der Natur zu lernen und die dunkle Zeit als Teil des Lebens zu akzeptieren. Sie ist eine Chance zur Pause, zur Regeneration und Besinnung.
Licht als Zeichen der Natur
„Licht aktiviert grundsätzlich das Gehirn bei tagaktiven Tieren wie uns. Wenn wir weniger Licht bekommen, wird diese Aktivierung reduziert und wir sollten länger schlafen“, erklärt Till Roenneberg, Chronobiologe an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Doch in unserer modernen Welt, in der künstliches Licht den natürlichen Rhythmus überlagert, ignorieren wir dieses Signal oft und machen im Kunstlicht einfach weiter.
Allerdings ist der Unterschied zwischen natürlichem Tageslicht und künstlichem Licht enorm: „Wir können froh sein, wenn wir drinnen 400 Lux bekommen, während draußen an einem regnerischen Tag 10.000 Lux und an einem sonnigen Tag 100.000 Lux verfügbar sind.“ Roenneberg betont daher, wie wichtig es sei, sich regelmäßig draußen aufzuhalten, um die volle Wirkung des steuernden natürlichen Lichts zu nutzen. Denn das Sonnenlicht hilft, unsere innere Uhr mit dem tatsächlichen Wechsel von Tag und Nacht in Einklang zu bringen. Es sorgt dafür, dass wir morgens wach werden und fit sind für den Tag – und fördert einen tieferen, erholsameren Schlaf nach Sonnenuntergang. Studien zeigen, dass Menschen, die in den dunklen Monaten täglich mindestens eine Stunde im Freien verbringen, weniger unter den typischen Winterbeschwerden leiden und ihre Schlafqualität deutlich verbessern können.
Die Kraft der Dunkelheit
Wer sich auf die längeren Dunkelzeiten im Winter einlässt, kann darin auch eine Quelle der Ruhe, des Ausgleichs und der Besinnung finden. Ein Experiment aus den 90er Jahren des amerikanischen Forschers Tom Wehr wurde zu einem zentralen Bestandteil der Chronobiologie, die sich mit der „inneren Uhr“ des Menschen beschäftigt: Über einen Zeitraum von einem Monat verbrachten die Teilnehmenden täglich 14 Stunden in völliger Dunkelheit – die natürliche Länge der Dunkelheit während eines Winters in höheren Breitengraden.





